Von Nina Rehfeld, 30.10.09, 21:01h
Zwei Stunden Sauna
Doch nachdem sechzig Menschen zwei Stunden lang bei Saunatemperaturen in einer engen, mit Plastikplanen bedeckten Struktur ausgeharrt hatten, kollabierten mehrere von ihnen. Für Kirby Anne Brown, 38, aus New York, und James Shore, 40, aus Wisconsin, kam jede Hilfe zu spät. Neunzehn weitere Teilnehmer des Seminars landeten im Krankenhaus, Liz Neuman, 49, aus Minnesota, erlag nach einer Woche im Koma ihren Verletzungen.
Die Tragödie bringt einen Wirtschaftszweig in Verruf, der sich in Sedona bester Gesundheit erfreut: Das 12 000-Seelen-Städtchen zwei Autostunden nördlich von Phoenix gilt als Esoteriker-Mekka. Anfang der 80er Jahre hatte eine kalifornische Hellseherin rund um den Ort eine Hand voll „Vortex Spots“ von angeblich besonderer elektromagnetischer Aktivität kartografiert und Heerscharen von New-Age-Anhängern angezogen. Heute ist das Geschäft mit dem Spirituellen ein Millionenbusiness. Zahlreiche selbsternannte „Heiler“ und „Schamanen“, viele mit pseudo-indianischen Namen, vermischen hier in hausgemachten Zeremonien zur Heilung, Selbstfindung und Erfolgssteigerung freihändig folkloristische Elemente aus den Traditionen der amerikanischen Ureinwohner und anderer Kulturen.
Ausverkauf der Kultur
Doch die Indianer der Gegend, die den Missbrauch ihrer Symbole und Traditionen zu Profitzwecken lange stillschweigend hinnahmen, sind inzwischen stocksauer. „Es herrscht große Entrüstung in der indianischen Gemeinde über den Ausverkauf unserer Kultur mit solchen Folgen“, sagt Mario Black Wolf, ein Mechica Apache, dessen Volk 1875 aus dieser Gegend vertrieben wurde. Black Wolf lebt als Autor und Tourenführer in Sedona und führt selbst eine Schwitzhütte, ein Rund unter einem niedrigen, mit Decken belegten Weidenruten-Gerüst.
Black Wolf erhitzt für die Zeremonie stundenlang Steine in einem offenen Feuer und gibt sie schließlich in eine Erdmulde in der Hütte, um die herum sich die Teilnehmer zur Reinigung von Körper, Geist und Seele versammeln. Bereits die Errichtung der Sweat Lodge, sagt er, sei ein zutiefst spiritueller Akt. „Alle Menschen sind willkommen, an einer Sweat Lodge teilzunehmen“ sagt Black Wolf, „aber niemand darf sie einfach an sich reißen und missbrauchen.“ Schwitzhütten-Rituale variieren von einem Stamm zum nächsten. Aber die indianische Gemeinde ist sich einig, dass damit in der Selbsterfahrungs-Industrie Schindluder getrieben wird. „Neunzig Prozent der Schwitzhütten-Veranstalter in Sedona sind selbst ernannte Propheten, die aus einer heiligen Tradition Kapital schlagen und sie damit entweihen“, sagt RJ Joseph. Joseph ist Cree-Indianer aus der kanadischen Provinz Alberta und baute das „Native American Program“ im Enchantment Resort nahe Sedona auf, das den Besuchern authentische indianische Bräuche nahe bringt. „Aber was hier betrieben wurde“, sagt Joseph, „ist die Illusion von Spiritualität.“ Allerdings eine höchst lukrative: Über 9500 Dollar hatten die Teilnehmer Ray dafür bezahlt, sie zu „spirituellen Kriegern“ zu machen.
Sakrileg an der Schwitzhütte
Die Vermischung von Kommerz und Religion gilt den Indianervölkern als Sakrileg. Mario Black Wolf findet drastische Worte: „Die Schwitzhütte symbolisiert den Schoß der Erdmutter. Wenn ihr ein Preisschild angehängt wird, nennt sich das Prostitution.“
Dass drei Menschen bei einer schlecht abgekupferten und zur Ego-Frisierung umfunktionierten Kopie einer Sweatlodge-Zeremonie starben, rückt das fahrlässige Geschäft mit fremden Kulturen ins Schlaglicht. „Wer immer diese Zeremonie leitete“,sagt RJ Joseph, „hatte keine Ahnung, was er da tut.“ Eine Teilnehmerin berichtete, dass Ray seine Schäfchen zum Aushalten anstachelte, obwohl einige bereits bewusstlos waren. Wer „aufgab“, würde den teuren Kurs nicht bestehen. Als jemand die Plastikabdeckung anhob, um nach Luft zu schnappen, reagierte Ray erbost über das „Sakrileg“. Doch Mario Black Wolf sagt, in einer traditionellen Sweat Lodge dürfe selbstverständlich die Hütte verlassen, wer sich nicht wohl fühlt.
Obwohl mit Ray ein Außenseiter nach Sedona kam, sind die Ereignisse auch für die hiesige Selbstfindungsindustrie „ein Weckruf“, sagt Katherine Lash von der Firma SpiritQuest. „Es gilt, sich zu fragen: Wieviel wissen wir über die Zeremonien, die wir hier abhalten?“ Gemeinsam mit den örtlichen Indianern berät man nun über die Formierung eines Traditional Healing Council, der Besuchern helfen soll, echte Heiler von bloßen Geschäftsleuten zu unterscheiden.
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