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Köln früher und heuteDie Liebfrauenkirche prägt noch immer das Mülheimer Stadtbild

Lesezeit 3 Minuten
Blick in die Liebfrauenkirche, Bankreihen an den Seiten und in der Mitte hinten der Altar.

Rudolf Schwarz entwarf für den Wiederaufbau der Liebfrauenkirche in den 1950er Jahren einen außergewöhnlichen Ostteil.

Das katholische Gotteshaus an der Regentenstraße hatte es im Krieg hart getroffen. Rudolf Schwarz baute sie auf ungewöhnliche Weise wieder auf.

Auch Gottfried Böhm und Paul Krücken standen mit Entwürfen in der engeren Wahl des Kirchenvorstands. Doch den Zuschlag bekam am Ende Rudolf Schwarz, Generalplaner für den Wiederaufbau Kölns nach dem Zweiten Weltkrieg und einer der renommierten Kirchenbauer des 20. Jahrhunderts. Der gläubige Architekt durfte sich nun der stark beschädigten Liebfrauenkirche in Mülheim annehmen.

Der Innenraum der Liebfrauenkirche Mülheim im Jahr 1934.

Der Innenraum der Liebfrauenkirche Mülheim im Jahr 1934.

Es hatte das katholische Gotteshaus an der Regentenstraße im Krieg hart getroffen. Schon im Juli 1943 zerstörten Brandbomben den Turmhelm, die Orgel sowie Dach- und Glockenstuhl. Am 28. Oktober 1944 fielen dann auch große Teil der übriggebliebenen Bausubstanz einem schweren Luftangriff zum Opfer. Danach standen nur noch das Langhaus, der Turm und die Seitenschiffe. Die Liebfrauenkirche, nach Entwürfen des Dombaumeisters Ernst Friedrich Zwirner zwischen 1857 und 1864 als neugotische Backstein-Basilika errichtet, war eine Ruine geworden.

Im Innenraum haben wir das völlig ungewohnte Erscheinungsbild
Ulrich Krings

Was Rudolf Schwarz für den Wiederaufbau plante, entfaltet noch heute beeindruckende Wirkung. Den stark beschädigten Ostteil der Kirche ersetzte er zwischen 1953 und 1955 komplett durch einen modernen, asketischen Chorbau mit schlanken Betonstützen – ein hallenartiges, sehr hohes und lichtdurchflutetes Querrechteck in der Breite des einstigen Querhauses. Die alten Gewölbe wurden nicht wiederhergestellt. Stattdessen entstand ein zeltartiger Dachstuhl, der von vergoldeten Stahlrohrbindern getragen wird. Die Verbindung von Alt und Neu findet sich in Köln in vielen Sakralbauten, in der Herz-Jesu-Kirche am Zülpicher Platz zum Beispiel oder der Mauritiuskirche. Viele Wiederaufbauten sollten pünktlich zum Kölner Katholikentag 1956 fertig sein.

Der Innenraum der Liebfrauenkirche Mülheim im Jahr 1934.

Ungewöhnliche Anordnung: Die Ecken des Neubaus haben Fenster

Für den ehemaligen Stadtkonservator Ulrich Krings erschuf Rudolf Schwarz in Mülheim etwas Außergewöhnliches, nahezu Revolutionäres. Sei es in der traditionellen Architektur üblich gewesen, Pfeiler und Säulen in den Ecken anzuordnen und große Fenster in den Wandstücken dazwischen, habe es Schwarz andersherum gemacht: „Im Innenraum haben wir das völlig ungewohnte Erscheinungsbild, dass die Ecken hell sind und durchfenstert und dazwischen verputzte Wände.“ Die neue Dachkonstruktion bezieht sich auf Stützen, die sich in der Mitte der zweibahnigen und fast 20 Meter hohen Fenster verbergen. Sie ergänzen zwei Stützen im Innenraum. „Das ist das Schlankste, was ein Statiker damals zulassen konnte“, sagt Ulrich Krings. Wer den Gürzenich besuche, könne im dortigen Treppenhaus das weltliche Gegenstück bewundern. Rudolf Schwarz war in den 1950er Jahren nämlich auch für den Wiederaufbau von Kölns „guter Stube“ mitverantwortlich.

1960er Jahre: Liebfrauenkirche „wieder die erste Geige in Mülheim“

Nachdem Schwarz 1961 gestorben war, trat seine Frau Maria seine Nachfolge an. Für die Liebfrauenkirche entwarf die Architektin Mitte der 1960er Jahre einen achteckigen Turmhelm, der mit 35 Metern ein Drittel höher war als die ebenfalls im Krieg verwüstete Schieferpyramide des Ursprungsbaus. Auch hiervon ist Kunsthistoriker Krings begeistert: „Das ist mit das Beste, was es in den 1960er Jahren gibt in puncto Behandlung von alten Kirchen.“ Mit dem skulpturalen Helm samt vier kleineren Türmchen und einer Krone aus Kupfer habe die Liebfrauenkirche „wieder die erste Geige in Mülheim“ gespielt. Da die evangelische Friedenskirche ganz in der Nähe nach dem Krieg keine neue Turmspitze mehr aufgesetzt bekam, prägt Liebfrauen bis heute das Mülheimer Stadtbild.

Maria Schwarz hatte aber nicht nur die Mülheimer Silhouette im Blick. „Auf eine schwer beschreibbare Weise ist die Jahrhunderte lange Feindschaft zwischen Mülheim und Köln immer noch im kollektiven Gedächtnis der Mülheimer präsent“, heißt es in einem Aufsatz zur Liebfrauenkirche: „Und so suchte man mit dem überhohen Turmhelm ausdrücklich einen optischen Kontrapunkt zu den Domtürmen auf der anderen Rheinseite zu setzen.“

Weitere Beiträge aus der Reihe hat Autor Tobias Christ im Buch „111 Mal Köln früher und heute“ (Emons-Verlag, 30 Euro, ISBN 978-3-7408-1823-4) zusammengetragen. Die historische Entwicklung bekannter und weniger bekannter Kölner Gebäude, Plätze und Straßen wird darin mit eindrucksvollen Fotovergleichen und informativen Texten dokumentiert.