Die Kölner Abstimmung war erst um 3 Uhr in der Nacht ausgezählt. Wahlhelfer erheben Vorwürfe.
Olympia-AbstimmungDas lange Warten auf das Ergebnis – „Leute haben sich angeschrien“

19.04.2026 Köln, NRW Ratsbürgerentscheid Olympia KölnRheinRuhr Oberbürgermeister Torsten Burmester besucht das Auszählzentrum und läßt sich von einem Abstimmungshelfer die amtliche Abstimmungsunterlagen der Stadt Köln für die Briefwahl des jeweiligen Bezirks zeigen.
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In der obersten Etage des Köln-Triangle tummeln sich Sonntagabend Olympiasieger und Sportfunktionäre, dazwischen Politiker, Mitarbeiter der Staatskanzlei und der Stadt Köln. Tabletts mit Getränken und Essen gehen herum. Ein Saxophonist reißt Melodien an. Mehr als 300 Menschen warten auf die Ergebnisse des Bürgerentscheids aus 17 NRW-Städten zur Olympia-Bewerbung. Das Duisburger Ergebnis ist kurz vor 20 Uhr das erste ausgezählte: Auf 73 Prozent Stimmen für die Olympia-Bewerbung kam man dort. Jubel. Händeschütteln. Statement auf der Bühne eines jeden Stadtoberhaupts, das ein Abstimmungsergebnis vorweisen kann. Nur aus Köln kommt nichts. OB Torsten Burmester (SPD) muss neben der Bühne warten. Stunden vergehen.
28 Etagen tiefer und ein paar Hundert Meter vom Triangle entfernt in Deutz zählen 1000 Wahlhelferinnen und Helfer die Kölner Stimmen aus. „Es waren zu viele Stimmen, die ein Team auszählen musste“, sagt Student Severin Rüger, der an diesem Abend in Deutz als Schriftführer agierte. Der 32-Jährige hat schon zahlreiche Auszählungen als Wahlhelfer mitgemacht. So spät wie am Sonntag wurde es noch nie.
Auch Edin F. hat Sonntagabend mitgezählt. Der 30-Jährige heißt eigentlich anders, will seinen Namen aber nicht in der Zeitung lesen. Auch er ist erfahrener Wahlhelfer und formuliert drastischer: „Die Auszählung in Köln gestern war eine absolute Shitshow.“
Er sagt: „Gestern habe ich zum ersten Mal erlebt, wie ausnahmslos alle überlastet und demotiviert wirkten.“ Mit eklatanten Folgen. Edin F. berichtet, er habe an Nachbartischen beobachtet, wie die Sorgfalt mit zunehmender Stunde gelitten habe. Auch wenn Edin F. nicht davon ausgeht, dass sich das finale Kölner „Ja“ ändern würde, sagt er: „Ich sehe Potenzial, dass das Ergebnis anfechtbar ist.“ Werde der Ablauf der Auszählung nicht aufgearbeitet, wolle er sich nicht noch einmal als Wahlhelfer melden.
Hohe Wahlbeteiligung forderte Stadt heraus
Abstimmungsleiterin Andrea Blome äußert sich auf einen an sie gerichteten Fragenkatalog der Redaktion am Montag nur mit einem Statement. Sie sagt: „Die hohe Beteiligung hat unsere Kapazitäten bis an die Grenze gefordert. Doch am Ende gilt: Die Fehlerfreiheit des Ergebnisses und die Sorgfalt bei der Auszählung haben oberste Priorität.“ Sie danke den Wahlhelfern. „Selbstverständlich wird eine umfassende Evaluation der Abläufe erfolgen, um auf Basis dieser Erkenntnisse notwendige Anpassungen für zukünftige Ratsbürgerentscheide zu implementieren.“
Die ausführliche Antwort übernehmen zwei Stadtsprecher für die Stadtverwaltung. Der eine räumt ein: „Die Ergebnisfeststellung des Ratsbürgerentscheids nahm einen überdurchschnittlich langen Zeitraum in Anspruch, der auch über den internen Schätzungen im Vorfeld lag.“ Der andere schreibt auf die Frage, ob es unvorhersehbare Ereignisse gegeben habe, die zur Verzögerung geführt haben: „Nein.“
Für 21.30 Uhr hatte die Stadt Köln ein erstes belastbares Ergebnis angekündigt, doch gegen 21.20 Uhr erscheint auf der städtischen Webseite gerade einmal der erste Stimmbezirk. 131 stehen damit noch aus (aus technischen Gründen sind 141 Abstimmungsbezirke auf der Webseite angelegt, neun mehr, als es tatsächlich gibt). Die Kölner Abstimmung wird erst um 3 Uhr ausgezählt sein.
Wahlhelfer sagen, Debakel sei absehbar gewesen
Dass die Auszählung so lange dauern würde, sei absehbar gewesen, sagen die beiden Wahlhelfer. Die Stadt hätte mehr Menschen einstellen sollen oder früher mit der Auszählung starten müssen.
Sie erklären übereinstimmend, wo das Problem aus ihrer Sicht lag: Normalerweise zählt ein Team bei einer Wahl in Köln einen Bezirk aus, der etwa 600 Stimmen umfasst. Diesmal gab es weniger und dafür größere Bezirke, sodass auf dem Tisch von Edin F. etwa 2500 Stimmen landeten. Auf dem von Rüger lagen 2900 Briefe. Beide waren Teil je eines siebenköpfigen Auszähl-Teams.
Sie zählen in mehreren Durchgängen: Erst werden die roten Umschläge zweimal gezählt, also die verschlossenen Briefe, so, wie sie bei der Stadt angekommen sind. Dann öffnen die Wahlhelfer die Briefe und zählen die Wahlscheine. Als Nächstes zählen sie die blauen Umschläge, die die Stimmzettel enthalten. Dann öffnen sie die blauen Umschläge und zählen die eigentlichen Stimmzettel. Erst dann werden die Ja- und die Nein-Stimmen gezählt.
Einer der Stadtsprecher gibt am Montag an, dass Sonntag ab 14.45 Uhr die ersten roten Umschläge gezählt wurden und die blauen ohnehin erst ab 18 Uhr hätten geöffnet werden dürfen. Nur hat das Sortieren der roten Umschläge laut der Wahlhelfer schon so lange gedauert, dass Rügers Team erst um 23 Uhr mit dem Zählen der Ja- und Nein-Stimmen in den blauen Umschlägen beginnen konnte.
„Irgendwann haben Leute sich angeschrien.“
Edin F. erklärt den Unterschied zu anderen Abstimmungen in Köln: Liegen auf seinem Tisch nur 600 Stimmzettel und hat sein Team ausreichend Platz, werden Stapel mit je 100 Stück aufgereiht. Dann kann das Prozedere in zwei Stunden fertig sein. Liegen aber 2500 oder gar 3000 Zettel auf seinem Tisch in einem engen Raum, dauert das Zählen nicht nur länger, auch verzählen sich die Helfer häufiger. Edin F. berichtet, sein Team habe fast jeden der Durchgänge mehrfach auszählen müssen, weil die Summe am Ende nicht plausibel war. Und genauso sei es den anderen Teams ergangen. „Irgendwann haben Leute sich angeschrien.“
Dann habe der Wahlhelfer vereinzelt an Nachbartischen ein „No-Go“ beim Auszählen beobachtet: Am Ende hätten einige eben nicht mehr die Ja- und Nein-Stimmen so oft getrennt durchgezählt, bis das Ergebnis sicher stimmte, sondern nur noch eine der beiden Antworten gezählt und die anderen Stimmen per Umkehrschluss ausgerechnet.
Auszählung dauert lange wegen zu vieler Briefe pro Team
Am Montag erklärt einer der Stadtsprecher das späte Kölner Ergebnis mit „einer Kombination aus mehreren Faktoren“, zum einen habe man im Stadtgebiet keine Räumlichkeiten in der erforderlichen Größe für eine zentrale Großauszählung gefunden. Sonst richtet die Stadt ein Briefwahlzentrum in der Messe ein. Da lief aktuell die Fibo und in der Lanxess-Arena das DHB-Pokalfinale.
Die Berufsschule in Deutz sei bereits eine der größten Kölns, so der Sprecher weiter. Sich nach dem verfügbaren Platz richtend sei die Anzahl der Stimmbezirke und der damit verbundenen Wahlvorstände auf 132 festgesetzt worden, daher das hohe „Pro-Kopf-Aufkommen an Stimmzetteln pro Bezirk“. Er sagte auch: „Die Verwaltung war dem Ziel verpflichtet, die Kosten für die Durchführung der Abstimmung so gering wie möglich zu halten.“
Für den Bürgerentscheid hatte die Stadt Kosten von 2,5 Millionen Euro geplant. Vor zwei Wochen hatte die Stadt mitgeteilt, sich eben wegen der Auszählung in einer Schule auf Ausgaben in Höhe von 1,8 Millionen Euro beschränkt zu haben. 85 Prozent der Kosten übernimmt das Land.
Die Stadt hat laut ihres Sprechers am Sonntagabend „mögliche Maßnahmen zur Unterstützung der Abstimmungshelfenden“ ergriffen, „wesentliche Nachsteuerungsmöglichkeiten“ seien aber nicht mehr möglich gewesen.
Kölner Schnecken-Tempo löst Häme unter anderen Bürgermeistern aus
Während die Stimmung am Sonntag unter den Wahlhelfern kippt, verpufft auch im Triangle die anfängliche Euphorie. Auf Stehtischen liegen Aufkleber aus: „Gemeinsam für den größten Moment“. Das war nicht nur auf die Olympischen Spiele bezogen, es konnte zumindest zu Beginn des Abends auch noch in Zusammenhang mit der erwarteten Verkündung des Gesamtergebnisses für die NRW-Bewerbung verstanden werden. Dann sollte die Hohenzollernbrücke in Olympia-Farben erleuchten. Dazu waren mit hohem Aufwand Leuchten montiert worden. Da man sich nicht ganz sicher war, ob das „Ja“ tatsächlich zustande kommen würde, hatte man die Aktion nicht publik gemacht. Die Dramaturgie des Abends ging nicht auf, der „größte Moment“ dieses Bürgerentscheids fand erst statt, als viele schon zu Hause waren.
„Es tut mir leid, aber ich kann nicht bis morgen früh bleiben“, sagte ein Oberbürgermeister beim Verlassen des Saals. Und fügte hinter vorgehaltener Hand hinzu: „Hier wurden mal wieder alle Vorurteile darüber bestätigt, dass die Kölner Verwaltung dysfunktional ist. Leading City geht anders.“
Wer bleibt, verfolgt den langsamen Fortschritt der Auszählung in Köln auf dem Handy, das Schnecken-Tempo löst Kopfschütteln und Häme aus. „Torsten, sollen wir Euch beim Auszählen mithelfen“, wird Burmester von Sozialdemokraten gestichelt, die aus dem Ruhrgebiet angereist sind. Burmester blieb nichts anderes übrig, als die Frotzeleien wegzulächeln. Blome sagt dort: „Wenn man in Köln arbeitet, weiß man, dass viele darauf warten, ein bisschen stänkern zu können.“
Ein Livestream der Staatskanzlei übertrug am Sonntag die zentrale Wahlveranstaltung – so erwarteten es zumindest Hunderte Nutzer auf Yotube. Nur übertrug der Stream nur Beginn und Ende der Veranstaltung, dazwischen passierte stundenlang nichts. Im Netz beschwerten sich Menschen darüber, schlecht informiert zu werden. Eine komfortable Alternative, die Ergebnisse zu verfolgen, zum Beispiel auf einer Übersichtsseite der NRW-Olympia-Initiative, gab es nicht. Nutzer mussten die städtischen Webseiten einzeln aufrufen. Wie zu erfahren war, war die Staatskanzlei selbst nicht ganz glücklich mit der Performance. am Dienstag teilte sie dann mit: Der auf Youtube frei aufrufbare Stream sei nur für Pressevertreter gedacht gewesen.


