Giacomo Casanova führte ein Leben voller Höhepunkte - und das lag nicht am Sex allein. Noch heute steht sein Name für Verführung. Dabei war der Venezianer weit mehr als ein notorischer Frauenjäger.
300. GeburtstagDer Vater aller Playboys: Giacomo Casanova

Giacomo Casanova wurde vor 300 Jahren geboren.
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Verführer, Frauenflüsterer, Sexmaschine: Das sind nur einige der vielen Zuschreibungen für Giacomo Casanova. Der Name des italienischen Abenteurers ist bis heute ein Synonym für die Kunst der männlichen Verführung und der Liebe. Seine zahlreichen intimen Bekanntschaften reichten von Schauspielerinnen, Adligen bis hin zu Nonnen. Unbefangen und überaus anschaulich berichtete Casanova über diese erotischen Abenteuer.
Zweifelsohne war Casanova, der vor 300 Jahren (2. April 1725) als Sohn eines Schauspielerpaars in Venedig zur Welt kam, von Sex besessen - das bezeugen die vielen Berichte über lange Liebesnächte mit verheirateten Frauen oder etwa auch die Ménage-à-trois mit zwei Schwestern in seinem schriftstellerischen Hauptwerk „Histoire de ma vie“ (Deutsch: „Geschichte meines Lebens“).
Dabei war Casanova im Europa des 18. Jahrhunderts ein bekannter Schriftsteller und bestens vernetzt. Er ging in den mächtigsten Häusern ein und aus: Er traf Katharina die Große und Friedrich den Großen sowie die Philosophen Jean-Jacques Rousseau und Voltaire, auch Päpste empfingen ihn dank seiner Kontakte. Papst Clemens XIII. ernannte ihn 1760 zum „Ritter vom goldenen Sporn“ und überreichte ihm den Orden für große Verdienste.
Spektakuläre Flucht aus den Bleikammern Venedigs
Fünf Jahre zuvor war er noch von der katholischen Staatsinquisition seiner Heimatstadt wegen Gotteslästerung zu fünf Jahren Kerker verurteilt worden. 15 Monate lang saß er in den Bleikammern des Dogenpalasts ein, bis ihm Ende 1756 die spektakuläre Flucht übers Dach gelang. Er war Filou durch und durch: Kurz nach dem Ausbruch stolzierte er arrogant an alarmierten Pförtnern vorbei, die nicht ahnten, dass dieser feine Herr gerade erst ausgebrochen war.
Casanova war zeit seines Lebens auf Achse: Es zog ihn nach Paris, wo er die französische Staatslotterie ins Leben rief, nach Rom, Marseille, Nizza, Korfu, Konstantinopel, also ins heutige Istanbul, Dresden, Wien, Berlin, Warschau, St. Petersburg. Zahlreichen Frauen begegnete er auf den Reisen. Heute würde man ihn wegen seines Lebensstils als Playboy und Jetsetter bezeichnen.
Doch er war noch viel mehr: Anfangs war er Geistlicher, später agierte er als Jurist, Soldat und Finanzberater sowie Chemiker und Mathematiker. Er war aber auch ein Hochstapler, der einer sehr wohlhabenden Herzogin die Wiedergeburt nach dem Tod versprach und sich von der Dame bezahlen ließ. Dieses Verhältnis basierte laut Historikern auch auf einer sexuellen Beziehung.
Mythos der triebgesteuerten Sexmaschine
Trotz dieses abwechslungsreichen Lebens setzte sich aber in der kulturellen Überlieferung der Mythos des lüsternen Frauenjägers durch. Anteil daran hatte er selbst: Seine expliziten, aber niemals allzu pornografischen Berichte trugen dazu bei. 33 solcher intimen Berichte sind in dem erst kürzlich erschienenen Buch „Casanova zur Nacht: Ein erotisches Lesebuch“ nachzulesen.
Da war etwa die Affäre mit einer Nonne aus Murano: „Trunken vor Liebe und Glück sank ich in ihre Arme, und sieben Stunden lang gab ich ihr die untrüglichsten Beweise meiner Liebesglut, die wir nur durch ebenso viele Viertelstunden unterbrachen, um uns mit zärtlichen Worten erneut anzufeuern.“ Oder die Liebesnacht mit einem vermeintlichen Kastraten, der sich als verkleidete Frau samt „nachgebildetem Glied nebst Gummi“ entpuppte.
Historiker sind sich heute vor dem Hintergrund seines intellektuellen Schaffens und Abenteurertums aber einig, dass der Casanova als triebhafter Verführer ein Mythos ist. „Sicherlich war Casanova ein Draufgänger“, sagt der Casanova-Biograf Alessandro Marzo Magno in der neuen Doku „Giacomo Casanova - Mehr als ein Don Juan“ (Arte/MDR). „Aber er war nicht dieser Frauenjäger, dieser notorische Verführer, zu dem man ihn später gemacht hat.“
Memoiren teilweise manipuliert
116 Liebespartnerinnen führt Casanova in seinen Memoiren namentlich auf. „Das ist sicherlich eine bemerkenswerte Zahl, aber sie ist auch nicht erstaunlich“, meint Marzo Magno. Casanova habe 73 Jahre gelebt und davon sei er 42 Jahre sexuell aktiv gewesen. Im Schnitt seien dies jährlich 2,7 Frauen. „Jeder Rettungsschwimmer in Rimini hat jährlich mehr Eroberungen.“
Die Liebesgeschichten sind außerdem nur ein recht knapper Teil seiner rund 3.600 Manuskriptseiten umfassenden Memoiren. Experten meinen, dass in der Editionsgeschichte von „Histoire de ma vie“ einige Ausgaben manipuliert und teils stark verfälscht worden seien. Der Sensationslust und dem Voyeurismus willen seien die erotischen Berichte in den Vordergrund gestellt worden.
Die Casanova-Rezeption wandelte sich jedoch mit der Zeit und sein Dasein als Reisender und Intellektueller wurde mehr gewürdigt. Sein Leben bestand aus dem Bruch mit Konventionen, Grenzüberschreitungen und Provokationen - anhand seines Lebensstils kann die Rokoko-Zeit als Epoche der Verschwendung und Lust besser verstanden werden, sagen Historiker.
Arm und einsam auf Schloss Dux in Böhmen
Das so bunte und pralle Leben endete jedoch anders, als es sich der Lebemann wohl vorgestellt hatte: Verarmt, einsam und depressiv verbrachte er die letzten 13 Jahre bis zu seinem Tod 1798 auf dem böhmischen Schloss Dux (heute: Duchcov in Tschechien). Dort arbeitete er als Bibliothekar.
Um seine Depression zu behandeln, empfahl man ihm, sich an schöne Zeiten seines Lebens zu erinnern. Er schrieb - und so entstanden seine weltberühmten Memoiren. (dpa)