Elvis Presley wäre am Mittwoch 90 Jahre alt geworden – aber man kann ihn sich unmöglich als alten Mann vorstellen.
Elvis Presley zum 90.Die schockierende Grenzüberschreitung des King of Rock'n'Roll

Elvis Presley in seinem „68 Comeback Special“
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Als Elvis Presley im Rushmore Plaza Civic Center seinen nächsten Song ansagt, fürchtet man, es könnte sein letzter werden: Das schweißnasse Gesicht ist angeschwollen, er scheint aus seinem byzantinisch verzierten Jumpsuit zu platzen, schweift fahrig ab, bekommt keinen vollständigen Satz mehr heraus, ohne eine Atempause einlegen zu müssen. Der Weg zum mit Coca-Cola-Bechern vollgestellten Flügel scheint endlos. Elvis lässt sich auf den Klavierschemel fallen, als würde er nie wieder aufstehen, nimmt einen großen Schluck Cola, fragt: „Wie gefällt es euch bis jetzt?“
Kurz vor seinem Tod hat Elvis einen unvergessenen Auftritt
Es ist ein Trauerspiel. Doch dann greift der King energisch in die Tasten, lässt Akkorde wie unruhiges Fahrwasser aufbrodeln und stößt ins hingehaltene Mikrofon: „Oh, my love, my darling, I've hungered for your touch.“ Keine zwei Monate später wird seine Verlobte ihn tot, mit dem Gesicht nach unten im Badezimmer der Master-Suite von Graceland finden.
Doch an diesem Abend in Rapid Falls, South Dakota, verschwendet er noch einmal sein Talent, als kenne die Fülle keinen Boden, befreit die „Unchained Melody“ der Righteous Brothers von allen Fesseln. Seine Stimme ist ein samtumkleidetes Senkblei, das die Tiefe der Sehnsucht auslotet, er ist Heldentenor und Wiegenliedflüsterer zugleich. Aber inmitten solcher Gefühlswallungen wagt Elvis kecke Seitenblicke auf die Frauen im Publikum, es sind fast nur Frauen im Publikum, sie beißen auf angewinkelte Zeigefinger. Selbst verfettet und todkrank bleibt er sexy.
Dieser Ausschnitt aus einem der letzten Konzerte von Elvis Presley landete in den vergangenen Jahren immer wieder auf den Startseiten von YouTube, auch weil ihn Baz Luhrmann in seinem „Elvis“-Film sehr effektiv als finalen Höhepunkt nutzte. Am 8. Januar wäre Elvis Aaron Presley 90 Jahre alt geworden, aber – trotz anderslautender Gerüchte – man kann sich den Rock'n'Roll-König zwar als dicken, jedoch nicht als alten Mann vorstellen. Sein tragisch früher Tod gehört zu ihm wie sein Hüftschwung.
In „Sexual Personae“, ihrer Übersicht über die erotischen Wurzeln westlicher Kultur, hat Camille Paglia den ehemaligen Lastwagenfahrer aus Memphis, Tennessee, mit dem romantischen Dichteridol Lord Byron verglichen: der ölig rabenschwarze Schopf (Elvis hatte sein schmutzig-blondes Haar getönt), die hohe Stirn, die kräftig-gerade Nase im griechischen Profil, die mädchenhaft-fleischigen Wangen und der volle Schmollmund mit aufgeworfener Oberlippe. „Ich hab' da was an meiner Lippe“, scherzt der in schwarzes Leder gegossene Elvis des „68 Comeback Special“.
Beide, schreibt die amerikanische Kunsthistorikerin, hätten gegen eine Tendenz zur Korpulenz angekämpft, beide waren für ihre sportliche Agilität bekannt, litten an chronischen Krankheiten, hatten sich zu schnell verausgabt, Byron starb mit 36, Presley mit 42 Jahren. Weil, so mutmaßt Paglia, „sie die geheime Kunst der weiblichen Selbstschädigung praktizierten“.
Als der 21-jährige Elvis im Juni 1956 in der „Milton Berle Show“ seine neue Single „Hound Dog“ vorstellte, ging ein Beben durchs Land: Wie er seine angewinkelten Arme mit schlaffen Handgelenken ausschüttelte, wie er sein Becken kreisen ließ, seine Stimme am Anfang jeder Strophe aufraute, schockierte das anständige Amerika: „Ohne es zu wissen“, schreibt der englische Pophistoriker Jon Savage, „hatte er die strikten Grenzen von Ethnie, Klasse, Geschlecht und Maskulinität überschritten. Der Subtext seiner burlesken Performance lautete, dass Elvis kein Mann, sondern eine Frau war, und nicht irgendeine Frau, sondern die am meisten erniedrigte Frau: eine Prostituierte, eine Stripperin, eine, die Sex für Geld verkauft – eine, die man ausrangiert und verachtet.“
Um dieses transgressive Wesen mit der hochmütig aufgeworfenen Oberlippe einzuhegen, mussten die vereinten normativen Kräfte der US-Armee und des alten Hollywoods aufgefahren werden, später Wagenladungen von Opiaten und anderen Betäubungsmitteln. Doch so lange Elvis Presley unter uns weilte, ob als blutjunger Rocker oder aufgeblähter Entertainer, war es, in den Worten Bruce Springsteens, „als ob er jedem von uns einen Traum ins Ohr flüsterte, und wir ihn alle zusammen träumten.“