Das britische Duo Maribou State feierte in der Kölner Kantine seine Rückkehr ins Popgeschäft. Unsere Kritik.
Kölner KonzertDuo Maribou State war nach seltener Krankheit jahrelang verschwunden

Chris Davids (l.) und Liam Ivory bei der Albumproduktion
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Chris Davids und Liam Ivory, zwei Schulfreunde aus dem südenglischen Fleckchen Berkhamsted, waren als Elektronik-Duo Maribou State fast aus dem Stand heraus erfolgreich. Kaum dass 2011 ihre erste EP erschienen war, folgten schon Remix-Aufträge von Radiohead, Lana Del Rey und Kelis. Von außen betrachtet erschien ihr Karriereweg so schwebend und erhebend wie ihre Musik: Bestens besprochene Alben, ausverkaufte Konzerte.
Doch dann wurde es ruhig um Maribou State. Vor wenigen Tagen ist ihr drittes Album „Hallucinating Love“ erschienen, sieben Jahre nach dem vorhergehenden „Kingdoms in Colour“. Zum branchenüblichen Kater nach einer langen, durchgefeierten Welttournee kam ein ernsteres Problem: Davids wurde von lähmenden Kopfschmerzen heimgesucht. Nichts schien zu helfen, bis der Musiker schließlich mit einer Chiari-Malformation diagnostiziert wurde, einer seltenen Krankheit, bei der Teile des Kleinhirns in den Wirbelkanal eindringen und Druck auf Hirnstamm und Rückenmarksflüssigkeit ausüben.
Maribou State treten vor 30.000 Menschen im Londoner Alexandra Palace auf
Ein chirurgischer Eingriff konnte die schlimmsten Symptome lindern. Maribou State waren wieder im Spiel. Und das ist vielleicht der erstaunlichste Teil der Geschichte: Ihr Publikum hat nicht nur geduldig auf sie gewartet, es hat sich in den Jahren der Abwesenheit vervielfacht. „Hallucinating Love“ wird aller Voraussicht nach in den Top Fünf der britischen Albumcharts landen, die UK-Tour ist ausverkauft, in London tritt das Duo an drei aufeinanderfolgenden Nächten im jeweils 10.000 Menschen fassenden Alexandra Palace auf.
Aber zuvor treten Maribou State, verstärkt um zwei Mitmusiker, erst einmal im vergleichsweise kleinen Rahmen in Köln auf, in der ebenfalls ausverkauften Kantine. Zuerst fällt Davids' und Ivorys Perfektionismus ins Auge, beziehungsweise ins Ohr. Zu sehen gibt es außer bunten Lichtern und hoch konzentrierten jungen Männern zunächst nämlich nicht viel, aber dafür verschmelzen die Live-Instrumente umso nahtloser mit den programmierten Klängen.
Diesen Sweet Spot aus Dancefloor-Beats und Indie-Befindlichkeiten bedient auch der Kölner Weltstar Roosevelt. Doch wo der melancholische Sehnsüchte wach kitzelt, laden Maribou State eher zu Sandstrandträumen ein. Schließt man die Augen, sieht man eine rote Sonne hinter Palmen verschwinden und spürt die Vorfreude auf eine durchgetanzte Nacht. Unsere Professoren haben uns vor biografischen Interpretationen gewarnt, aber wahrscheinlich fühlt es sich genau so an, wenn ein jahrelang erduldeter Kopfschmerz plötzlich nachlässt.
Zum zweiten Stück erscheint Gastsängerin Talulah Ruby, dreht sich mit erhobenen Armen hippiesk um ihre eigene Achse, injiziert jedoch Energieschübe in bestenfalls homöopathischen Dosen. Die Stimmung bleibt tiefenentspannt und droht nach ein paar Tracks fließend in gepflegte Langeweile überzugehen. Was auf der Spotify-Playlist funktioniert, muss auf der Bühne noch lange nicht gelingen.
Es ist auch gar nicht so, dass Ruby schlecht singt, trotzdem bleibt festzustellen: Als die vier Musiker zur Mitte des Sets wieder alleingelassen werden und die Stimmen nur verfremdet aus dem Sampler ertönen, nimmt das Konzert an Fahrt auf, „Vale“ und die aktuelle Single „Dance on the World“ liefern den Kick, der zuvor fehlte. Allein dem reizvollen Kontrast zwischen nervöser, tickender Percussion und mächtig an- und abschwellenden Keyboardschüben könnte man ewig lauschen. Und als Talulah Ruby dann zum Mid-Tempo-Song „Midas“ noch einmal am Mikrofon übernimmt, kommen die Elemente endlich zusammen: Majestätisch und zugleich zuckerwatteleicht wirkt die House-Hymne.