In der Kölner Galerie Karsten Greve sind späte Werke des deutschen Impressionisten Lovis Corinth zu sehen. Vor allem die Blumenbilder sind eine eindrucksvolle Rarität.
Lovis Corinth in KölnBlumen, Tod und Übungen in Unwirklichkeit

Lovis Corinth, Helle Rosen (Ausschnitt), 1915
Copyright: Stefan Altenburger Photography Z
Ohne sein düsteres Spätwerk stünde Lovis Corinth (1858-1925) vermutlich noch tiefer im Schatten seines impressionistischen Weggefährten Max Liebermann. Mit Max Slevogt als Drittem im Bunde lehnten sich Corinth und Liebermann gegen den wilhelminischen Chauvinismus auf und ebneten der deutschen Kunst einen Weg in die Moderne – freilich als Nachzügler, deren Werk die Revolution der französischen Impressionisten mit Anleihen der niederländischen Freilichtmalerei zu besänftigen versuchte.
Im Alter wurde Corinth wagemutiger und seine Weltsicht düsterer
Erst im Alter schuf Corinth seine furchtlosen Selbstporträts, expressiven Landschaften und jenen erschütternden Jesus von „Ecce Homo“, für die man ihn heute vor allem kennt. Die Nazis führten Corinths Stilwandel auf infame Weise auf einen Schlaganfall zurück und sortierten seine Werke als „entartet“ aus. Was nicht heißen soll, dass die Krankheit spurlos am Maler vorbeigegangen wäre. Im Gegenteil. Aber anders als die Nazis unterstellten, zitterte Corinth nicht die Hand, sondern seine Weltsicht war erschüttert und verlangte nach einem neuen Ausdruck.
In der Kölner Galerie Karsten Greve sind jetzt 15 Werke aus dem Corinth’schen Spätwerk zu sehen – mehrheitlich Blumenstillleben in Öl oder als Aquarell, dazu eine Landschaft, ein Selbstporträt, eine gestürzte Ritterrüstung sowie eine Radierung als Leihgabe des Franz Marc Museums, Kochel am See. Die floristische Anmutung der Galerie zeigt eindrucksvoll, dass auch Blumenbuketts in Vasen einen weiteren, bislang eher wenig beachteten Schwerpunkt von Corinths späten Jahren bilden. Sie verlängern seine am oberbayrischen Walchensee entstandenen Landschaften in die häusliche Innerlichkeit hinein.

Lovis Corinths „Selbstportrait am Walchensee“ (1922)
Copyright: Stefan Altenburger Photography Z
Wie seine Landschaftsbilder, die zu wechselnden Tageszeiten entstanden, dienten Corinth auch die Blumenbilder dazu, sich einem neuen malerischen Ideal zu nähern. In seinem Todesjahr hatte er über sein Spätwerk notiert: „Ein Neues habe ich gefunden: Kunst ist Unwirklichkeit üben!“ Sein neuer Mut zur virtuosen Unwirklichkeit zeigt sich etwa in den „Hellen Rosen“ (1915), auf denen schnelle Striche eine gewisse Dringlichkeit in die blühenden Farben bringen. Die Blätter kämpfen sich gleichsam aus dem schwarzen Hintergrund hervor, Tisch und Vase lösen sich unter groben Pinselhieben auf. Es gehört nicht viel Fantasie dazu, in diesen Schnittblumen eine Ahnung des Todes zu erkennen.
Auf Corinths Blumenbildern der 1920er Jahre lösen sich auch die Blüten weiter auf, die hingetupften Farben wirken wie auf die Leinwand geweht oder, wenn man sehr nahe herantritt, wie ein explosives Gemisch. Auch ein Selbstporträt aus dieser Zeit bezeugt das Schwinden alter Gewissheiten. Kragen und Krawatte sitzen noch korrekt, aber der Kopf darüber ist verwischt wie eine sich im Tumult der Zeit verlierende Erinnerung.
Trotzdem wirkt es etwas wagemutig, wenn die Galerie einzelne Partien auf den späten Werken Corinths mit Arbeiten von Nachkriegskünstlern wie Cy Twombly oder Willem de Kooning vergleicht. Man zögert sogar, den expressiven Corinth in die geistige Nähe der Expressionisten zu verlegen. Wie beim Impressionismus war Corinth auch bei dieser stilistischen Revolution ein Nachzügler, der zwar von den Dresdner „Brücke“-Malern einiges übernahm, deren Aufruhr aber in ruhigere Bahnen zu lenken versuchte. Das entsprach wohl Corinths persönlichem Temperament und auch seinem Verständnis deutscher Kunst. Die Expressionisten waren für ihn letztlich Fremdsprachler, deren Neuerungen es ins Deutsche zu übersetzten galt. Das Medium, in dem Corinth dies so wundervoll vollbrachte, war eher rückwärts als vorwärts gewandt: das Virtuosentum.
„Lovis Corinth: Malerei“, Galerie Karsten Greve, Drususgasse 1-5, Köln, Di.-Fr. 10-18.30 Uhr, Sa. 10-18 Uhr, bis 28. Januar.