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Jung, politisch, reflektiertWarum die lit.pop mehr als die kleine Schwester des Kölner Literaturfestivals ist

Lesezeit 4 Minuten
Ruth-Maria Thomas im Gespräch auf der lit.pop Bühne im Kölner Stadtgarten

Ruth-Maria Thomas sprach bei der lit.pop über ihren Debütroman „Die schönste Version“ und übers Frauwerden in den Nullerjahren.

Der Ableger des Kölner Literaturfests widmete sich Fragen, die gerade junge Generationen umtreiben – aber deswegen nicht weniger relevant sind.

Sie ist jung, politisch und feministisch. Sie, das ist die lit.Cologne Pop, der Ableger des Literaturfests lit.Cologne. Wie eine kleine Schwester eckt sie an, mit ihren quirligen, selbstbewussten Zügen, mit Themen, die „die Alten“, vielleicht noch nicht auf der Agenda haben. Überraschend erwachsen, mit ihrem eigenen Kopf, ihren eigenen Ideen und einem Selbstverständnis, das sagt: „Ich habe eben auch eine Ahnung vom Leben.“

Und wie so eine kleine Schwester eben ist, hat auch die lit.Cologne Pop ihre verschiedenen Charakterzüge: mal nachdenklich, mal mutig, mal schlau, mal aneckend und mal lustig. Sie drücken sich in 16 Veranstaltungen aus, mit denen das Programm im Kölner Stadtgarten am vergangenen Wochenende gefüllt war.

Eine Zuschauerin sitzt im Publikum und liest ein Buch.

Rund 300 Zuschauende besuchten am Samstag und Sonntag die lit.pop.

Autorinnen und Autoren stellten ihre Debütromane vor, es gab Live-Podcast-Aufnahmen, ein Gastspiel des Schauspiels Köln. Andere Protagonistinnen und Protagonisten des Festivals diskutierten über Fragen, die ihre Generation gerade umtreiben: Geld, Scham, Macht, Diskriminierung, sexualisierte Gewalt, Protest, Schmerz – Vergnügen, Kitsch, Völlerei und Glamour auf der anderen Seite.

Zwei Teile des Mosaiks bildeten die Schriftstellerinnen Aria Aber und Ruth-Maria Thomas, die der lit.pop mit Lesungen zu ihrem jeweils jüngsten Buch ebenso ein Gesicht gaben. Beide sind Anfang 30, beide nominiert für oder ausgezeichnet mit Literaturpreisen, für beide ist es ihr erster Roman, beide erzählen eine Coming-of-Age-Geschichte aus der Ich-Perspektive, das Setting: Ostdeutschland. Und doch zeigen sie ganz unterschiedliche Lebensrealitäten von Menschen der Generation Millennial, die Anfang der 2000er Jahre erwachsen wurde. 

Ruth-Maria Thomas und Aria Aber stellen bei der lit.pop ihre Debütromane vor

Ruth-Maria Thomas ist mit ihrem Roman „Die schönste Version“ im Kölner Stadtgarten zu Gast. Er spielt in der Lausitz: Kleinstadtgefühle in der Nachwendezeit. Thomas, geboren in Cottbus, ist wichtig: „Das ist kein Ossi-Roman.“ Die Geschichte ihrer Protagonistin Jella sei geprägt von den Nullerjahren. „Eine Zeit vor MeToo, eine Zeit, in der Britney Spears vor der Kamera gedemütigt wurde, in der Aggro Berlin und frauenfeindlicher Deutschrap hip waren“, sagt sie. Bei der Erinnerung an den Film „American Pie“ rutscht ihr ein Würgegeräusch raus. Worte wie „Red Flag“, die heute als Warnsignal vor toxischen Beziehungen (auch einer dieser modernen Ausdrücke) „Mainstream sind“, sagt sie, habe es damals noch nicht gegeben. Sie hätte es sich gewünscht.

Thomas erzählt von Milchschnittenmomenten und der „Bravo“, die den Teenie-Mädchen beizubringen versuchte, wie man beim männlichen Schwarm denn möglichst gut ankommt: „So schaffst du es, dass er dich will“. Im vorwiegend weiblichen lit.Cologne Pop-Publikum sorgt das heute für kopfschüttelndes Lachen. „Erwischt“, denkt sich wohl die ein oder andere. Ja, sagt Thomas, es drehe sich bei Jella viel um Jungs und um Sex, das habe die Zeit damals ausgemacht.

Lit.pop behandelt Themen wie Gewalt gegen Frauen und toxische Beziehungen

So erotisch sie die titelgebende „schönste Version“ des Liebeslebens ihrer Protagonistin beschreibt – Thomas gibt eine Leseprobe von einem innigen Moment zwischen Jella und Freund Yannik – so zerstörerisch beschreibt sie den anderen Strang ihrer Erzählung. Der, in dem Jella zum Opfer häuslicher Gewalt wird. 

Diese Gewalt, genauso wie toxische Beziehungen, sind nur zwei der Sujets, die sich auch bei Aria Aber wiederfinden lassen, wenn auch in einer ganz anderen Erzählform. „Good Girl“ heißt der Debütroman, mit dem sich die Lyrikerin das erste Mal an eine 400 Seiten lange Geschichte herantraute. Dass die 34-Jährige sonst eigentlich Gedichte schreibt, hört man ihrem Text an, von dem sie einige Passagen mit melodischer Stimme vorträgt. Jedes Wort scheint da gut überlegt, jedes Adjektiv sorgfältig ausgewählt. 

Aria Aber liest mit einem Mikrofon in der Hand aus ihrem Buch vor.

Vor rund 100 Zuschauenden las Aria Aber im Jaki des Kölner Stadtgartens aus ihrem Roman „Good Girl“ vor.

Mit sprachlichen Gegensätzen wie Moder versus Bienensummen und Begierde versus Ekel zeichnet sie nicht nur das Berlin der 2010er Jahre, sondern auch ihre Hauptfigur, Nila. Sie ist Tochter von im Exil lebenden afghanischen Eltern, vor Fremden gibt sie sich als Griechin aus. Sie zieht durch Technoklubs, nimmt Drogen, will eine Künstlerin sein. Die im Buch fiktionalisierten NSU-Morde spielen auch in Nilas Welt eine Rolle. Es gehe auch um die „Gleichgültigkeit der deutschen Mehrheitsgesellschaft“, sagt die Autorin.

Obwohl die Geschichte in Deutschland spielt, verfasste sie das Ursprungswerk in Englisch und übersetzte es erst im Anschluss in ihre Muttersprache, wobei die genau genommen persisch sei. „Ich wollte eine Protagonistin schaffen, die nicht verklemmt ist“, erzählt Aber über ihre Ich-Erzählerin. Es sei ein Gegenentwurf zum Frauenbild in der gängigen US-Literatur. Als Doktorandin der University of Southern California in Los Angeles sitzt sie da quasi an der Quelle. 

Warum sie sich damals entschied, in den USA zu studieren? In der deutschen Literaturszene fehlten ihr die Perspektiven. Mittlerweile sehe das anders aus, „von außen sogar richtig cool“, sagt Aria Aber. „Ist es das?“, fragt sie das Publikum. Die lit.Cologne Pop, die kleine, doch schon erwachsene, quirlige Schwester eines 25-jährigen Literaturfestivals, würde darauf wohl mit „Ja“ antworten.