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Stasi FCSpitzenfußball im Griff des DDR Geheimdienstes

Lesezeit 3 Minuten

Fans des Berliner FC Dynamo 1979/1980

Im Kölner Odeon Kino feierte der sehenswerte Dokumentarfilm „Stasi FC“ Premiere.

Nach der Saison 1978 hat Stasi-Chef Erich Mielke genug von der Vorherrschaft des Fußballballclubs Dynamo Dresden. Jetzt sei der Hauptstadtclub BFC dran, teilt er Freund und Feind nach dem letzten Meisterschaftsspiel unmissverständlich in der Umkleidekabine mit. Da habe man gewusst, dass man keine Chance mehr hatte, berichten ehemalige Spieler aus Dresden. Ab diesem Zeitpunkt sollte die oberste Liga der DDR von Mielkes Lieblingsclub dominiert werden. So beginnt die Reise in einen Abgrund der deutschen Geschichte. Spitzenfußball als Spielball der Politik inmitten von Intrigen und Manipulationen, Fankultur und Sport als Spiegel einer Gesellschaft in einem autoritären Staat – davon und von viel mehr erzählt der Dokumentarfilm „Stasi FC“, der am Dienstag im Odeon Kino an der Kölner Severinstraße Premiere feierte.

Dirk Schlegel (l.) und Falko Götz bei der Premiere von "Stasi FC" im Kölner Odeon Kino

Die ehemaligen Fußballprofis Falko Götz und Dirk Schlegel gehörten zu den Ehrengästen. Sie berichten in dem spannenden Film von ihrem Leben, ihrer Flucht in den Westen und dem langen Arm des DDR-Geheimdienstes. Die  Zeitreise lebt von den Erinnerungen der Fußballer. Neben Götz und Schlegel, die vor ihrem Neustart bei Bayer Leverkusen beim Berliner FC kickten, und dem Dresdner Ralf Minge, für den ein Wechsel in den Westen nie infrage kam, ist es vor allem Gerd Weber, der tiefe Einblicke vermittelt. 1981 sollte der DDR-Nationalspieler bei einem Europapokalspiel im Westen durch ein Angebot des 1. FC Köln zur „Republikflucht“ animiert werden. Obwohl er nach Ost-Berlin zurückkehrte, wurde er verhaftete, eingesperrt und lebenslang gesperrt. Die Erinnerung schmerzt Weber offensichtlich auch über vierzig Jahre später immer noch sehr.

Die Umstände des Kölner Angebots sind bis heute nicht geklärt. Im Film wird angedeutet, dass es eine Falle der Stasi war. Beweise gibt es keine – so wie auch beim Unfalltod des 1979 in den Westen geflohenen Fußballer Lutz Eigendorf. Für Weber ist klar, dass der DDR-Geheimdienst seine Finger im Spiel hatte. Der Kölner Filmemacher Arne Birkenstock setzt zusammen mit den Co-Regisseuren Zakaria Rahmani und Dan Gordon ein Puzzle zusammen, bei dem viele Teile verloren gegangen sind.

Zakaria Rahmani, Anre Birkenstock und Dan Gordon (v.l.n.r.) bei der Premiere von „Stasi FC “im Odeon Kino in Köln

Am Beispiel des Fußballs in der DDR kann man lernen, wie ein autoritäres System funktioniert, indem es sämtliche Bereiche des öffentlichen und fast alle des privaten Lebens durchdringt. Der Film zeigt, wie sich Menschen arrangieren, mitmachen oder aufgaben – und manchmal auch zerbrechen. Dass die Zeitzeugen – Fußballer, Schiedsrichter, ein Stasi-Offizier und Fans – unkommentiert erzählen können, macht die Qualität des Films und seine dichte, düstere Atmosphäre aus. Der Nachteil ist, dass nur das erzählt wird, was die O-Geber wollen: Das Stasi-Opfer Weber hat vor seiner Verhaftung selbst für den Staatssicherheitsdienst Berichte geschrieben. Weil er dazu nichts sagen wollte, fällt dieses nicht ganz unwichtige Detail im Film unter den Tisch.

Begeisterung über sehenswerten Film

Die Kölner Produzenten von Corso Film und Fruitmarket haben eine Doku für den internationalen Markt gemacht. So erklärt sich, dass der Film beim freudigen Blick auf den Mauerfall und die jubelnden Menschenmassen im November 1989 den Fußball zeitweise ein bisschen aus den Augen verliert. Aber die Bilder zur Einordnung ins weltpolitische Geschehen garantieren, dass „Stasi FC“ Menschen ohne jedes Vorwissen genauso fesseln wird wie diejenigen, die schon vor dem Film für dieses besondere Kapitel deutscher Zeitgeschichte interessiert haben.

Für den mehrfach ausgezeichneten Kölner Filmemacher und Autor Arne Birkenstock („Sound of Heimat“, „12 Tangos“, „Beltracchi“) war der Abend im Odeon nicht nur wegen der Begeisterung im Publikum über den sehenswerten Film etwas Besonderes. „Die Premiere ist auch eine Dernière“, sagte der 57-Jährige, bevor er das Team von Fruitmarket mit auf die Bühne holte. „Stasi FC“ sei der letzte Film seiner Kölner Produktionsfirma, die er aus gesundheitlichen Gründen aufgebe.