Gesunde Ernährung, die krank macht - dieses Paradox beschreibt Orthorexie: die zwanghafte Beschäftigung damit, das vermeintlich Richtige zu essen. Statt Genuss regiert ein strenges Regelwerk.
ErnährungspsychologieApfel gut, Schoko böse: Wenn gesundes Essen Obsession wird

Bei einer Orthorexie wird Essen in gut und böse eingeteilt. (Illustration)
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Immer mehr Menschen legen großen Wert auf gesunde Ernährung – doch bei einigen wird dieser Fokus zur Besessenheit. Orthorexie beschreibt eine Fixierung auf „saubere“ Ernährung, bei der das Streben nach tatsächlich oder vermeintlich gesunder Kost das Leben der Betroffenen bestimmt. Doch wo hört gesunde Ernährung auf, und wo beginnt eine problematische Fixierung?
Was versteht man unter Orthorexie?
Einfach gesagt wird unter Orthorexie eine zwanghafte Fokussierung auf gesundes Essen verstanden. Betroffene zeigen ein extremes Essverhalten, bei dem die Gedanken ständig um die Qualität der eigenen Ernährung kreisen. Allerdings ist Orthorexie bislang keine offiziell anerkannte Störung. Entsprechend vorsichtig formuliert Psychologin Friederike Barthels vom Institut für Therapie- und Gesundheitsforschung (IFT-Nord): „Ein orthorektisches Ernährungsverhalten ist definiert als eine möglicherweise pathologische Fixierung auf gesunde Ernährung.“
„Für diese gesunde Ernährung werden ganz persönliche, subjektive Maßstäbe angelegt“, beschreibt Barthels, die sich seit über zehn Jahren mit dem Phänomen beschäftigt. Tatsächlich ist das Spektrum der möglichen Ernährungsweisen bei Menschen, die an Orthorexie leiden, breit: Veganerinnen können ebenso betroffen sein wie Menschen, die der „Carnivore Diät“ folgen, also hauptsächlich Fleisch essen; Rohköstler genauso darunter leiden wie jene, die auf die Keto-Diät setzen. „Man wird nicht zwei Personen mit einer orthorektischen Ernährungsweise mit einer Mahlzeit glücklich machen können“, so die Psychologin.

Orthorexie wird fälschlicherweise oft mit Veganismus oder Vegetarismus in Verbindung gebracht. Doch auch Menschen, die nur oder fast nur Fleisch essen, können orthorektisch sein. (Illustration)
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Orthorektisch wird ein Ernährungsverhalten dann, wenn das tatsächlich oder vermeintlich gesunde Essen zum Lebensinhalt wird, die entsprechende Planung der Mahlzeiten immer mehr Zeit verschlingt und Lebensmittel immer rigoroser in Gut und Böse eingeteilt werden. „Objektiv betrachtet ernähren sich einige Betroffene tatsächlich sehr gesund“, führt Barthels aus. „Andere nutzen aber vielleicht weniger seröse Quellen, schränken ihre Ernährungsweise immer weiter ein, sodass am Ende nur noch sehr wenig Lebensmittel gegessen werden.“ Dann könne Orthorexie auch körperlich zu einem Gesundheitsproblem werden.
Warum ist Orthorexie keine offizielle Diagnose?
Orthorexie wird derzeit nicht als eigenständige Essstörung in Klassifikationssystemen wie dem DSM-5 oder ICD-10 geführt. Das liegt laut Psychologin Barthels auch daran, dass dafür nicht genügend Daten vorliegen: „Störungsbilder werden erst nach langjährigen Forschungsprozessen in den ICD-10 oder DSM-5 aufgenommen. Dafür sind viele Studien nötig, die eindeutig zeigen: Wie sind die Symptome? Wie ist die Prävalenz? Was sind Risikofaktoren? Und die haben wir für die Orthorexie einfach noch nicht.“
Ferner sei wissenschaftlich durchaus umstritten, ob es sich um ein eigenes Krankheitsbild handele: „Viele Stimmen sagen, dass es sich eigentlich nur um eine Variante bekannter Essstörungen handele, also einer Art Magersucht unter dem Deckmantel der gesunden Ernährung.“ Barthels sieht indes gravierende Unterschiede etwa zur Magersucht: „Bei der Orthorexie geht es vor allem auch darum, sich zu ernähren, während bei anderen Essstörungen der Verzicht auf Nahrung im Mittelpunkt steht. Auch die Fokussierung auf ein schlankes Körperbild sehen wir bei der Orthorexie nicht zwangsläufig.“
Nichtsdestotrotz sieht Barthels sowohl Argumente für als auch gegen eine Aufnahme in entsprechende Klassifikationssysteme: Dafür spreche, dass eine offizielle Diagnose auch zur Entwicklung von Fachbüchern und Leitlinien für eine Therapie oder die Einrichtung spezieller Behandlungszentren führen würde. Dann könnten Betroffene leichter Hilfe finden.
Ebenso könnte es allerdings zu einer Pathologisierung von Verhaltensweisen kommen, die eigentlich normal seien oder nur in vorübergehenden Lebensphasen aufträten. Darüber hinaus sei eine Orthorexie etwa für Menschen mit vorheriger Magersucht vielleicht sogar eine Verbesserung: „Betroffene haben in vielen Therapien gelernt, dass Essen wichtig und gut für den Körper ist, behalten aber Kontrolle über ihr Essverhalten, indem sie sich möglichst gesund ernähren – aufgrund der hohen Sterblichkeitsrate bei der Anorexie ist es letztendlich besser, wenn die Person lernt, überhaupt etwas zu essen, selbst, wenn das zwanghaft oder sehr eingeschränkt ist.“
Wie viele Menschen sind davon betroffen?
Ohne eindeutige Diagnosekriterien ist eine Antwort auf diese Frage unmöglich. Psychologin Barthels schätzt die Prävalenz ähnlich wie bei anderen Essstörungen ein. Das hieße deutlich unter ein Prozent der Bevölkerung wären betroffen.

Bei sportlich aktiven Menschen könnte das Risiko für ein orthorektisches Ernährungsverhalten einigen Studien zufolge höher sein. (Illustration)
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Für spezifische Gruppen in Deutschland – konkret: Ernährungsberaterinnen und -berater sowie sportlich aktive Studierende – haben ältere Studien teils deutlich höhere Zahlen ergeben.
Was sind Warnzeichen für eine Orthorexie?
„Ein weiteres wichtiges Warnzeichen ist, wenn die Ernährung das Leben dominiert, und andere Bereiche wie Freundschaften oder Hobbys vernachlässigt werden“, betont Barthels.
Gibt es Risikofaktoren oder bestimmte Persönlichkeitstypen?
Orthorexie tritt laut Barthels eher bei perfektionistischen Menschen und solchen mit einem hohen Bedürfnis nach Kontrolle auf. Auch Zwangsstörungen oder Ängstlichkeit, zum Beispiel Angst vor Krankheiten, könnten das Risiko erhöhen. „Viele Betroffene berichten, dass sie sich durch ihre Ernährung besonders diszipliniert und moralisch überlegen fühlen“, erklärt Barthels. Ebenso könnten eine frühere Essstörung oder ein hoher Stellenwert des Themas Ernährung in der Familie Risikofaktoren sein. Insgesamt entwickle sich eine Orthorexie oft schleichend, Betroffene würden mit der Zeit oft immer strenger mit sich werden.
Welche psychologischen Mechanismen stehen dahinter?
Orthorexie kann als Bewältigungsstrategie für Stress oder Unsicherheit dienen. „Das strikte Befolgen von Ernährungsregeln vermittelt ein Gefühl von Kontrolle und Sicherheit“, sagt Barthels. Ein weiterer Faktor könne Angst vor Krankheiten sein. Oft hätten Betroffene auch eine sehr perfektionistische Vorstellung davon, was Gesundheit bedeutet: „Ich muss mich jeden Tag hundert Prozent perfekt fühlen, was natürlich unrealistisch ist.“

Sich nur von Süßigkeiten zu ernähren, sei sicherlich nicht empfehlenswert, so Psychologin Barthels. Ein Schokoriegel am Tag sei aber auch nicht schlimm. (Illustration)
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Und schließlich werde die Bedeutung von Ernährung oft überschätzt, so die Expertin weiter: „Natürlich ist es nicht gut, wenn ich mich jeden Tag nur von Schokolade ernähre, aber wenn ich jeden Tag einen Schokoriegel esse, wird das meine Gesundheit auch nicht massiv beeinträchtigen.“ Menschen mit orthorektischem Ernährungsverhalten neigten indes dazu, diesen einzelnen Ereignissen sehr große Bedeutung beizumessen.
Welche Rolle spielen soziale Medien?
Wissenschaftlich betrachtet wird die Bedeutung sozialer Medien ambivalent gesehen: So zeigen einige Arbeiten, dass Betroffene durch die Vernetzung mit anderen ein Problembewusstsein entwickeln und sich gegenseitig darin unterstützen, ihre Essstörung zu überwinden.
Daneben gibt es aber durchaus Studien, die den negativen Effekt unterstreichen, den das ständige Betrachten definierter und dünner Körper der Fitness-Influencer auf Instagram und anderen Plattformen hat. „Letztendlich werden diese aber niemanden orthorektisch machen“, sagt Barthels. Vielmehr müsse dafür eine Prädisposition vorliegen, die dann vielleicht verstärkt werde.
Welche therapeutischen Ansätze sind wirksam?
Laut Psychologin Barthels kann eine an Essstörungstherapien angelehnte Behandlung hilfreich sein sowie je nach individuellem Fall auch eine Ernährungsberatung. Dabei sei aber wichtig, nicht gegen das Wertesystem der betroffenen Person zu arbeiten: „Einem Veganer im Zuge der Beratung Fleisch zu empfehlen, ist dann nicht hilfreich.“ Ebenso könnten Betroffene psychotherapeutische Entlastung brauchen, weil die Orthorexie etwa eine Reaktion auf Stressoren in ihrem Leben sei.
Letzten Endes gehe es darum, wieder einen entspannten Umgang mit der eigenen Ernährung zu finden und wieder Freude am Essen mit Freunden oder Hobbys zu finden, sagt Barthels: „Es ist ja nicht nur das Essen, was dann darüber entscheidet, wie gut es einem letztendlich geht und wie gesund man ist.“ (dpa)