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Isar AerospaceKann die „Spectrum“-Rakete Europas Raumfahrt retten?

Lesezeit 7 Minuten
Die „Spectrum“-Rakete von Isar Aerospace wird zur Startrampe transportiert. .

Die „Spectrum“-Rakete von Isar Aerospace wird zur Startrampe transportiert. 

Erstmals soll eine Rakete von europäischem Boden abheben: Voraussichtlich am Samstag könnte das deutsche Start-up Isar Aerospace einen nächsten Flugversuch wagen. 

Isar Aerospace muss weiter auf seinen historischen Moment warten. Am Montag hätte die „Spectrum“-Rakete des deutschen Start-ups eigentlich ihren Jungfernflug absolvieren sollen. Es wäre ein Meilenstein in der Raumfahrt gewesen: Noch nie ist eine orbitale Trägerrakete von europäischem Boden gestartet. Doch dann zogen ungünstige Winde auf, der Startcountdown wurde abgebrochen. Die Rakete musste auf ihrer Startrampe auf dem norwegischen Weltraumbahnhof Andøya stehen bleiben.

Auch das nächste Zeitfenster am Freitag wird nicht funktionieren. Denn am Donnerstagabend wurde der Start erneut verschoben. Nicht vor dem 29. März, also Samstag, wird der Testflug über die Bühne gehen können. Könnte Deutschland bald eine eigene Rakete haben?

Explosionsgefahr als Lernchance

Nur selten gelingt der Jungfernflug einer Rakete im ersten Anlauf. Die Ariane 5 – Europas Trägerrakete, die von 1996 bis 2023 Satelliten und Versorgungsschiffe für die Internationale Raumstation ins All gebracht hatte – explodierte bei ihrem ersten Startversuch. Auch beim Nachfolgemodell, der Ariane 6, gab es anfangs Probleme: Die Oberstufe der Rakete zündete nicht wie geplant, zwei Nutzlasten konnten nicht im All ausgesetzt werden.

Bei Isar Aerospace ist man deshalb eher pessimistisch. „Die erste Rakete eines Unternehmens ist noch nie bis in den Orbit gekommen“, sagte Firmenchef Daniel Metzler vor wenigen Tagen im Interview mit dem „Handelsblatt“. „Bei unserem ersten Testflug geht es vor allem darum, so viele Daten und Erfahrungen wie möglich zu sammeln. Ziel ist, dass sie idealerweise im Flug explodiert und nicht am Startplatz.“

Ein Raketenstart pro Woche

Die „Spectrum“-Rakete soll in Zukunft kleine und mittelgroße Satelliten ins All transportieren. Wenn es nach Metzler geht, am besten jede Woche einmal. Er will die Produktion der Raketen auf bis zu 40 Stück pro Jahr erhöhen. Um den Prototyp zu entwerfen, zu entwickeln und zu bauen, hat das Start-up etwa sieben Jahre gebraucht.

Dabei herausgekommen ist eine 28 Meter hohe Rakete mit einem Durchmesser von zwei Metern. Zum Vergleich: Die Falcon-9-Rakete, mit der die US-amerikanische Raumfahrtfirma SpaceX ihre Satelliten ins All bringt, ist 70 Meter hoch und hat einen Durchmesser von fast vier Metern. Die „Spectrum“-Rakete ist also wesentlich kleiner und hat deshalb auch eine geringere Nutzlast: Je nachdem, welchen Orbit sie anstrebt, liegt die kommerzielle Last, die sie befördern kann, bei 700 bis 1000 Kilogramm.

Raketen sollen Europa unabhängiger machen

Die Nachfragen nach der Rakete seien hoch, die Auftragsbücher bis Anfang 2027 voll, so Metzler. Isar Aerospace hat bisher mehr als 400 Millionen Euro Kapital eingeworben. Neben Firmen wie Porsche und Airbus investiert auch die NATO in das Start-up. Denn die „Spectrum“-Rakete ist Deutschlands, aber vor allem auch Europas Chance, unabhängiger von den USA zu werden.

„Im aktuellen geopolitischen Klima geht es bei unserem ersten Testflug um weit mehr als nur einen Raketenstart“, wurde Metzler vergangene Woche in einer Pressemitteilung seiner Firma zitiert. „Der Weltraum ist eine der wichtigsten Plattformen für unsere Sicherheit, unsere Widerstandsfähigkeit und unseren technologischen Fortschritt.“ Isar Aerospace werde „die Grundlagen dafür legen, den dringend benötigten unabhängigen und wettbewerbsfähigen Zugang zum Weltraum von Europa aus zurückzugewinnen“.

Dieser war mit dem Ende der Ariane-5-Rakete im Jahr 2023 verloren gegangen. Zusätzlich kam es zu Verzögerungen bei der Entwicklung der Ariane 6 als Nachfolgemodell. Auch bei der Vega-C-Rakete, die für leichte Satelliten vorgesehen war, kam es zu technischen Problemen. Europa geriet immer mehr ins Abseits – und war auf die USA als Transporteur angewiesen. Dort beförderte die private Raumfahrtfirma SpaceX währenddessen einen Satelliten nach dem anderen ins All.

ESA investiert in private Raumfahrtfirmen

Um bei den Trägerraketen wieder unabhängiger von den USA zu werden, investiert die Europäische Weltraumorganisation ESA nun gezielt in private Raumfahrtfirmen. Das ist ein allgemeiner Trend: Private Unternehmen kommerzialisieren die Raumfahrt. Denn es ist günstiger für Weltraumagenturen als Auftraggeber zu agieren, als selbst Raumfahrtprojekte wie Raketen und Raumschiffe zu entwickeln. In ihrer Agenda 2025 hat sich die ESA vorgenommen, „energischer, dynamischer und schneller“ mit Start-ups und anderen Unternehmen zu interagieren.

Für die Trägerraketen stellt die ESA mit ihrem „Boost!“-Programm 44,22 Millionen Euro zur Verfügung. Davon erhält Isar Aerospace 15 Millionen Euro. Jeweils 11,8 Millionen Euro gehen an zwei andere deutsche Firmen: Rocket Factory Augsburg und HyImpulse.

Die Firma Rocket Factory Augsburg hat im Januar die Lizenz für den Start ihrer Trägerrakete von der britischen Zivilluftfahrtbehörde bekommen. Damit steht einem weiteren Flugversuch der „RFA One“ nichts mehr im Weg. Der erste Versuch war im Sommer vergangenen Jahres gescheitert: Die Rakete hatte auf der Startrampe des SaxaVord Spaceport in Schottland Feuer gefangen.

Das Unternehmen will ebenfalls wöchentlich seine Raketen in die niedrige Erdumlaufbahn fliegen. Bis zu 1300 Kilogramm Fracht können sie transportieren. Von den Maßen her unterscheidet sich die „RFA One“ kaum von der Konkurrenz: Sie ist 30 Meter hoch, hat einen Durchmesser von zwei Metern, neun Triebwerke und besteht aus drei Raketenstufen. Geplant ist, die unterste Stufe wiederzuverwenden – so wie es SpaceX bei der Falcon-9-Rakete tut.

Die Rakete soll vor allem möglichst kostengünstig sein. Deshalb arbeitet die Rocket Factory Augsburg mit industriellen Bauteilen, die eine preiswerte Produktion der Raketentechnik ermöglichen. Komponenten entstehen zudem in 3D-Druckern. Im Jahr 2021 hatte die Firma angekündigt, nur drei Millionen Euro als Frachtkosten pro Start nehmen zu wollen – das wäre weniger, als SpaceX zurzeit verlangt.

Rakete fliegt mit Kerzenwachs

HyImpulse setzt hingegen auf einen besonderen Antrieb, der die Handhabung und Sicherheit seiner Rakete verbessern soll: Paraffin, also Kerzenwachs. In Kombination mit flüssigem Sauerstoff ist es ebenfalls in der Lage, genug Energie zu erzeugen, um schwere Lasten ins All zu befördern. Das konnte HyImpulse mit der SR75-Rakete beweisen.

Im Mai hob die Rakete, die bis zu 250 Kilogramm Nutzlast transportieren kann, in Koonibba in Australien ab. Es war der erste Start einer kommerziellen deutschen Trägerrakete seit Jahrzehnten. Geplant war, dass sie eine Flughöhe von 60 Kilometern erreicht – also weniger als die fast 300 Kilometer, für die sie ausgelegt ist. Wie hoch sie am Ende tatsächlich geflogen ist und welche Daten sie während ihres Flugs sammeln konnte, wird jetzt in Deutschland ausgewertet. Die Satelliten, die beim Testflug an Bord waren, konnten jedenfalls unversehrt geborgen werden.

Auch HyImpulse berichtet von einer großen Nachfrage. Mehr als 100 Millionen Euro an Kapital sei bereits eingeworben worden – und es steige monatlich, sagte Firmenchef Christian Schmierer gegenüber der Deutschen Presse-Agentur. Das Unternehmen arbeitet bereits an einem größeren Raketenmodell: der SL1. Sie wird ebenfalls mit Paraffin betrieben, ist 32 Meter hoch, kann eine Fracht von bis zu 600 Kilogramm transportieren und soll je nach Gewicht der Nutzlast eine Flughöhe von mehr als 500 Kilometern erreichen.

Der Jungfernflug der SL1 ist für Ende dieses Jahres vorgesehen. Ein Start der Rakete kostet laut Schmierer etwa sechs Millionen Euro. Pro Kilogramm Nutzlast wolle das Unternehmen etwa 6500 Euro berechnen.

Deutschlands Weltraumbahnhof in der Nordsee

Deutschlands Chancen auf eine eigene Rakete sind also groß. Und der Transport von Satelliten ins All ist ein großer Wachstumsmarkt: Sie werden gebraucht, um weltweiten Internetzugang zu ermöglichen. Um Wettervorhersagen zu treffen. Um den Weltraum zu erforschen. Oder um Navigationssysteme auf der Erde mit Daten zu versorgen. Deshalb konkurrieren gleich mehrere Raumfahrtfirmen darum, eine für regelmäßige Starts nutzbare Trägerrakete zu entwickeln.

Um Deutschland noch wettbewerbsfähiger auf diesem Markt zu machen, will die German Offshore Spaceport Alliance (GOSA) noch einen Schritt weitergehen: Sie plant einen eigenen Weltraumbahnhof. Eine schwimmende Plattform in der Nordsee.

Ein solcher Startplatz habe viele Vorteile, sagte Sabine von der Recke vor wenigen Tagen im Interview mit dem „Stern“. Sie ist im Vorstand des Bremer Raumfahrtunternehmens OHB, das Partner in der GOSA ist. Von einer schwimmenden Plattform in der Nordsee aus „würde eine Rakete auf einer langen Stecke übers Meer fliegen können“. „Das spart unter anderem Treibstoff und wäre auch deutlich sicherer als ein Startplatz auf dem deutschen Festland“, erklärte sie.

Eigentlich sollten schon im Sommer vergangenen Jahres Raketen von der Nordsee aus starten. Doch dieser Plan wurde auf unbestimmte Zeit verschoben. „Wie schnell wir eine solche Plattform bekommen, hängt auch davon ab, wie viel Geld wir für die Entwicklung der Plattform auftreiben“, sagte von der Recke. „Momentan finanzieren wir die Entwicklung des Spaceports mit eigenen Mitteln des Unternehmens und einer Unterstützung des Verkehrsministeriums. Aber selbst ohne weitere staatliche Förderung sollten wir in fünf Jahren von dort aus starten können.“