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Kommentar

Gottes auserwählter Präsident
Was treibt Donald Trump zu seinem Radikalkurs?

Ein Kommentar von
Lesezeit 5 Minuten
Donald Trump

Die Biden-Ära scheint gefühlt viele Jahre her: Der amerikanische Präsident Donald Trump

Trump ist von seiner Einzigartigkeit und seinem politischen Genie überzeugt – fünf große Motivationsstränge lassen sich bei ihm ausmachen.

Es ist erst gut zwei Monate her, dass der verlässliche und wohltuend solide, wenn auch etwas langweilige Joe Biden noch Präsident der USA war. Und doch scheint die Biden-Ära gefühlt viele Jahre zurückzuliegen. Noch nie in der Geschichte der Vereinigten Staaten sind zu Beginn einer Präsidentschaft so viele grundstürzende innen- und außenpolitische Entscheidungen am Rande der Legalität getroffen worden wie unter Donald Trump.

Trump ist dabei, die Struktur des Regierungs- und Sozialsystems im rechtskonservativ-nationalistischen Sinne umzukrempeln. Gleichzeitig versucht er, die Außen- und Sicherheitspolitik der USA völlig neu aufzustellen und aus dem 80 Jahre lang geltenden liberal-demokratischen Rahmen auszubrechen.

Was aber motiviert Trump zu solch einer noch nie dagewesenen Radikaltour? Es lassen sich mindestens fünf wichtige Motivationsstränge ausmachen.

Donald Trump hält sich für den Auserwählten

1. Vor allem ist Trump bestrebt, als „transformativer Präsident“ in die Geschichte einzugehen. Auch wenn Trump nicht sonderlich religiös ist, so ist er tief davon überzeugt, dass er der von Gott Auserwählte ist, der Amerika vor Dekadenz und Untergang bewahren soll. Diese Überzeugung hat sich seit den beiden Attentatsversuchen während des Wahlkampfs im vorigen Jahr noch verstärkt. Tief bewegt hat ihn vor allem das erste Attentat vom 13. Juli in Butler/Pennsylvania, als eine Pistolenkugel seinen Kopf nur ganz knapp verfehlte und Trump am rechten Ohr verletzte. Er habe nur überlebt, so sagt er immer wieder im Brustton der Überzeugung, weil Gott ihn auserwählt habe, Amerika und die Welt zu retten. Mit solcher Rhetorik redete er den vielen fundamentalistischen Christen in den USA nach dem Mund, die zu seinen enthusiastischsten Anhängern zählen. Trump ist von seiner Einzigartigkeit und seinem politischen Genie überzeugt. Wenn er den USA ein neues „Goldenes Zeitalter“ nicht zuletzt im ökonomischen Sinne verspricht, glaubt er das auch selbst.

US-Präsident im Kampf gegen den „Deep State“

2. Trump ist ebenfalls fest davon überzeugt, dass die USA schon seit Jahren von ungesundem feministisch-sozialistischem Gedankengut unterwandert sind. Gerade was Schwule oder Transpersonen angehe, gebe es eine völlig überzogene Politik der Vielfalt, Gerechtigkeit und Inklusion. Dies wiederum habe zu einer Überbürokratisierung des Staats und zur Unterwanderung des Justizwesens geführt. Der gleichzeitige massenhafte, unkontrollierte, illegale Zustrom krimineller Einwanderer habe dem Land großen zusätzlichen Schaden zugefügt. In konspirativem Ton redet Trump von der inneren Gefahr durch einen links-radikalen „Deep State“ und Millionen von Einwanderern.

US-Präsident Donald Trump winkt seinen Anhängern aus seiner Limousine zu, als er beim Trump International Golf Club ankommt. (Archivbild)

US-Präsident Donald Trump winkt seinen Anhängern aus seiner Limousine zu, als er beim Trump International Golf Club ankommt. (Archivbild)

Auch für die Entwicklungshilfe der USA, die vielen umwelt- und gesundheitspolitischen Auflagen sowie staatliche Kontrollinstanzen hat er nichts übrig. Für ihn sind das linke, feministisch-sozialistische Projekte. Das erklärt die Machtfülle, die er Elon Musk und seinen eifernden Aktivisten eingeräumt hat. Sie sollen richtig durchgreifen und das ganze wuchernde staatliche System krass zusammenstreichen.

Donald Trump sieht sich als Rächer

3. Trump versteht sich aber nicht nur als der große Retter, der das Land von der linken Zwangsjacke befreien will, sondern auch als Rächer, um vergangenes Unrecht wiedergutzumachen. Er lässt nicht locker, all diejenigen zu verfolgen, die ihm vermeintlich geschadet haben. Dazu gehören die Juristen und demokratischen Politiker, die ihn wegen des von ihm angestachelten Sturms auf den Kongress 2021 zur Rechenschaft ziehen wollten. Verfolgt werden aber auch Ex- Mitarbeiter, die sich mit ihm überworfen haben, Journalisten, Professoren und Studierende, die ihn und seine rechtsradikale Politik kritisieren.

Auch wenn Trump selbst zur Elite gehört und seine Regierung von ultrareichen Männern dominiert wird, sieht er sich als moderner Robin Hood, der den angeblich unterdrückten und benachteiligten weißen Unterschichten wieder die Teilnahme am amerikanischen Traum ermöglichen will. Diese Milieus stellen den Kern seiner Anhänger, von denen 92 Prozent Trump nach wie vor für einen wunderbaren Präsidenten halten.

Obsession führt zu Trumps Zollpolitik

4. Trump ist auch tief davon überzeugt, dass die USA schon seit Jahrzehnten von ihren Freunden und Verbündeten ausgenutzt worden sind. Ausländische Staaten würden ungeheure Handelsprivilegien genießen, die sie umgekehrt den US-Exporten nicht einräumten, was zu einem enormen Handelsdefizit geführt habe. Diese Obsession erklärt Trumps wild fluktuierende Zollpolitik, die nicht nur den USA feindlich gesinnte Staaten wie China trifft, sondern bekanntermaßen vor allem auch die einstmals engsten Verbündeten wie die EU und Kanada.

Gleichzeitig benutzt Trump die Wirtschafts- und Militärmacht der USA, um sich geopolitische und -ökonomische Vorteile zu verschaffen und so die Haushaltskasse der USA kräftig aufzufüllen. Seine Absicht, sich Grönland einzuverleiben, ergibt strategisch durchaus Sinn – so illegal sie völkerrechtlich auch ist. Im Ringen der Großmächte um die Arktis sind die wertvollen Rohstoffe Grönlands außerordentlich wichtig.

Donald Trump und die Welt von morgen

5. Schlussendlich hat Trump eine ganz andere Vorstellung davon, wie die Welt von morgen geordnet sein soll. Er denkt in autoritären und monetären Kategorien, wie so mancher allmächtige Konzernlenker oder Chef eines Familienunternehmens. Entscheidungen müssen schnell, gezielt und ohne große Debatten fallen und umgesetzt werden. Mit der komplizierten Politik von Kooperation und Koalition, wie es in Demokratien üblich und notwendig ist, hat Trump nicht viel am Hut.

Matruschka-Puppen mit den Porträts von US-Präsident Donald Trump und Kremlchef Wladimir Putin in einem Touristenshop in Moskau. (Archivbild)

Matruschka-Puppen mit den Porträts von US-Präsident Donald Trump und Kremlchef Wladimir Putin in einem Touristenshop in Moskau. (Archivbild)

Dementsprechend entwirft er auch die internationale Szenerie der Zukunft. Eine Welt der starken „Großen Drei“ – USA, Russland, China – ist ihm durchaus genehm, insbesondere dann, wenn die USA in dieser Trias die führende Macht darstellen. Für weniger starke Player wie Kanada, die EU, die Ukraine, aber auch für die Vereinten Nationen als Organisation der Staatengemeinschaft hat Trump nur ein müdes Lächeln übrig und nimmt sie nur am Rande wahr.

Gerade auf Europa fällt aus dem Weißen Haus ein verächtlicher Blick. Dazu haben die seit Jahren zu geringen Verteidigungsausgaben der Europäer beigetragen, aber auch das Bemühen um Klimaschutz, soziale Gerechtigkeit und Menschenrechte. Vom ehedem gemeinsamen transatlantischen Wertesystem ist derzeit nicht viel übrig. Aber: Auch die unheilvolle Ära Trumps und seines Vize J.D. Vance wird einmal zu Ende gehen.


Zur Person

Klaus Larres ist Professor für Geschichte und internatinale Beziehungen an der University of North Carolina/Chapel Hill und Global Fellow am Wilson Center in Washington. IN seiner Kolumne schreibt der gebürtige Schleidener über die USA als Wahlheimat und sein liebes Forschungsgebiet.