Die „Ursonate“ von Kurt Schwitters bringt die Kölner Schriftstellerin Husch Josten in ihren „Gedankenspielen“ zur Europawahl und zum Thema Bildung.
Kolumne zur BildungsmisereSägen am Ast, auf dem man sitzt

Wahlplakate zur Europawahl
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Fümms bö wö tää zää Uu. An der „Ursonate“ des Künstlers Kurt Schwitters, die zwischen 1923 und 1932 entstand, schieden sich bei ihrer Veröffentlichung die Geister. Die einen hielten das dadaistische Lautgedicht des damals 45 Jahre alten „Merz“-Stars der Kunstszene (abgeleitet von „Kommerz“) für grandios, andere für gestört. Was die Nazis darüber dachten, kann man sich denken. Schwitters zählte für sie zu den Schöpfern „entarteter“ Kunst. Verfemt verließ er 1937 das Land.
In unseren Zeiten, hundert Jahre später, verschlägt einem ebenfalls vieles derart die Sprache, dass man – wenn überhaupt noch irgendetwas – auch Fümms bö wö tää zää Uu rufen möchte. Leider trüge das nicht zur Erleichterung bei, sondern allenfalls zu noch mehr Verwirrung, während sich die Menschen auf der ganzen Welt doch das ganze Gegenteil wünschen: Klarheit, Frieden, Übersichtlichkeit, Umsicht, Ruhe und endlich wieder gute Nachrichten.

Husch Josten in einer Diskussionsrunde des „Kölner Stadt-Anzeiger“ zum 75. Geburtstag des Grundgesetzes am 23. Mai 2024
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Davon gab’s in diesem Mai – zumindest hierzulande – tatsächlich ein paar. Allen voran den 75. Geburtstag des Grundgesetzes, das in seiner Humanität, Klugheit und Weitsicht wahrlich Anlass zum Feiern ist. Aber auch das Ergebnis einer Studie der Bertelsmann-Stiftung, dass Parteien ihre Wahlversprechen viel häufiger halten, als gemeinhin angenommen (die aktuelle Ampel-Regierung bislang zu 64 Prozent). Oder die Studie des Allensbach-Instituts für Demoskopie, der zufolge 30- bis 59-Jährige in Deutschland grundsätzlich zuversichtlicher sind und weniger Sorgen haben als noch im vorigen Jahr.
Zugegeben: Solche Nachrichten klingen lapidar angesichts der bedrohlichen Gesamtsituation der Welt. Aber von Schwitters‘ hochbelasteter Zeit – dem Trauma des Ersten Weltkriegs, der Ära von Straßenkämpfen zwischen Nazis und Kommunisten, der Krise der Weltwirtschaft – sind wir glücklicherweise doch recht weit entfernt. Dank Europa, des Grundgesetzes und unseres Rechts-, Sozial- und Demokratiesystems.
Regelmäßig haben wir nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht zur Mitgestaltung von Politik.
Regelmäßig haben wir nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht zur Mitgestaltung aller Politik. Zum Beispiel, indem wir Wahlprogramme lesen und daraufhin wählen gehen. Und würden wir uns vor Augen führen, dass erfreulicherweise zumindest das „Mittelalter“ schon mal zuversichtlicher in die Welt schaut, unsere Aufmerksamkeit aber vor allem – endlich – der Jugend gelten muss, damit nämlich sie zuversichtlich und mit hochgekrempelten Ärmeln die Zukunft gestaltet – wir würden dem ersehnten Durchblick und den guten Nachrichten enorm auf die Sprünge helfen.
Allein… Das Bildungsniveau in Deutschland hat sich in den vergangenen Jahren dramatisch verschlechtert, und das ist keine Schwarzseherei. Bildungsetats hintanzustellen, Schulen verkommen und die Lehrkräfte mit allerlei Reformen, Re-Reformen, Verordnungen und Überbelastungen alleinzulassen, ist nicht nur grob fahrlässig. Es ist, als sägte man den Ast ab, auf dem man sitzt.
Dass es eine große Unzufriedenheit vieler Jugendlicher mit der Politik gibt, steht außer Frage.
Währenddessen sind die Zweige dieses Asts, nämlich alle Schüler ab 16 Jahren, dazu aufgerufen, bei der Europawahl die Zukunft mitzugestalten. Dass es eine große Unzufriedenheit vieler Jugendlicher mit der Politik gibt, steht außer Frage – und dazu gehört auch und ganz besonders die Bildungspolitik. Man befasse sich nur einmal damit, was Lehrerinnen und Lehrer, Schülerinnen und Schülern eigentlich bräuchten, was sie längst erwarten dürften, was so dringend nötig wäre.
Und was so ärgerlich ist. Das Thema Bildung ist ja keineswegs unzureichend analysiert oder in der öffentlichen Diskussion unzureichend präsent. Es ist, im Gegenteil, überanalysiert, überdiskutiert, überbürokratisiert, ohne dass mit gesundem Menschenverstand Konsequenzen gezogen werden.
Bildung hat in der Gesellschaft insgesamt an Wertschätzung verloren.
Die Bildungsmisere gründet aber nicht allein in der Politik und ihrem Bund-Länder-Kompetenzgerangel, das man mit einem entschiedenen Fümms bö wö tää zää Uu kommentieren müsste. Bildung hat in der Gesellschaft insgesamt an Wertschätzung verloren. Zwar wird allerorten und von (fast) jedem beteuert, dass sie das höchste Gut, das wichtigste Fundament sei. Wenn aber dann den Lehrerinnen und Lehrern von Eltern wie Schulträgern die Achtung und Anerkennung ebenso versagt wird wie den Schulgebäuden ihre Pflege, dann ist das ein verheerendes Signal an Schülerinnen und Schüler. Es mag ja vorkommen, dass die Deutschlehrerin grammatikalisch nicht immer richtig liegt, der Mathelehrer überwiegend Filme im Unterricht darbietet, die Informatik-Lehrkraft einen Grundkurs in Social Media bräuchte. Fortbildungen könnten helfen, Herablassung und Stillstand sicher nicht. Kinder lernen, was ihnen vorgelebt wird – im Zweifel auch Respektlosigkeit.
Darum ist es gerade jetzt so wichtig, einen Blick in die Parteiprogramme zu werfen. Was welche Partei über Bildung in Deutschland denkt und verspricht; wohin die Reise in diesem Land gehen soll, das Bildung als Grundrecht in seiner Verfassung verankert hat – das ist nicht nur interessant oder erschreckend, nicht nur klug oder ideologisch höchst fragwürdig, es ist vor allem von enormer Bedeutung, wenn man sich das Ergebnis der Bertelsmann-Studie in Erinnerung ruft: Wahlversprechen werden viel öfter eingehalten, als man denkt.
Schwitters‘ Ursonate endet übrigens mit dem Anfang von allem, was gute Gedanken brauchen: dem Alphabet. Gee äff Eeee dee zee beeee. Ein bisschen Dada kann auch in unseren Zeiten nicht schaden.
Zur Person
Husch Josten ist Schriftstellerin. Die Kölner Historikerin und gelernte Journalistin erhielt 2019 den Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung. Im August erscheint im Berlin-Verlag ihr neuer Roman „Die Gleichzeitigkeit der Dinge“.
Zusammen mit der Schauspielerin Annette Frier und anderen Prominenten hat Josten die Kampagne „Du und ich für Demokratie“ gestartet.