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Zehntausende bei AuftrittenIm Westen der USA erwacht der Widerstand gegen Trump und Musk

Lesezeit 4 Minuten
Bernie Sanders und Alexandria Ocasio-Cortez bei ihrem Auftritt in Denver.

Bernie Sanders und Alexandria Ocasio-Cortez bewegen die US-amerikanische Linke.

Zehntausende bejubeln in den USA die Linken Bernie Sanders und Alexandria Ocasio-Cortez. Die Forderungen sind alt, werden unter Trump aber populärer. 

Es ist die Rede seines Lebens. Bernie Sanders hat die kämpferische Philippika gegen die Gier der Reichen und die soziale Ungerechtigkeit im Land im Laufe seines 50-jährigen Politikerlebens so oder so ähnlich bestimmt tausend Mal vorgetragen - doch noch nie vor so viel Publikum wie heute und mit einem so starken aktuellen Widerhall.

„Als ich vor ein paar Jahren das Wort ‚Oligarchie‘ benutzt habe, wussten viele Leute nicht, wovon ich sprach“, ruft der Senator der Menge zu: „Nun wissen es alle.“ Der 83-Jährige steht auf einer Bühne im Park vor dem Kapitol des Bundesstaates Colorado.

Vor ein paar Jahren hat er hier schon einmal gesprochen. Damals kamen 10.000 Zuhörer. Heute Nachmittag sind es 34.000 alleine in Denver – die größte Menge, vor der er je gesprochen hat.

Zehntausende kommen zu Auftritten von Sanders und AOC

Sanders ist der Alt-Rocker der amerikanischen Linken. Zwei Mal hat sich der Parteilose aus Vermont vergeblich um die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten beworben. Noch einmal will er nicht antreten. Doch mit dem Milliardär Donald Trump im Weißen Haus und Elon Musk, dem reichsten Mann der Welt, am Steuerungsknopf der Abrissbirne des amerikanischen Verfassungsstaats hat der greise Sozialist plötzlich ein Momentum.

Vor vier Wochen hat er in Nebraska eine Protesttour unter dem Namen „Fighting Oligarchy“ (Kampf der Oligarchie) begonnen. Statt der erwarteten 800 Zuschauer kamen 3400. Seither tingelt er an den Wochenenden durch die Republik. Überall bilden sich lange Schlangen, und die Säle sind überfüllt.

Gleich fünf Auftritte vor insgesamt 86.000 Menschen legt der weißhaarige Revoluzzer an diesem Wochenende im amerikanischen Westen hin. Doch Sanders kommt nicht allein: er hat Alexandria Ocasio-Cortez mitgebracht, die Hoffnungsträgerin der linken Demokraten, die ihre Anhänger nur „AOC“ nennen.

Als er in Denver den Arm der 35-jährigen Abgeordneten hochreisst und sie als „Inspiration für Millionen junger Menschen“ anpreist, wirkt das fast wie eine Staffelübergabe im progressiven Lager. Die Stadt am Fuße der Rocky Mountains ist eine der Hochburgen dieser Wählerklientel. Entsprechend begeistert fällt der Beifall aus.

Sanders nennt AOC „Inspiration“

Auch ansonsten ist der Auftritt bemerkenswert. Seit zwei Monaten feuert Trump quasi im Minutentakt irgendein Dekret ab, das die Hälfte des Landes in Angst und Schrecken versetzt. Doch von den Demokraten in Washington ist wenig zu hören. Sie haben dem Präsidenten sogar bei der Verabschiedung eines Übergangshaushalts geholfen.

Auch sonst wirkt das Land verstörend ruhig. „Die ganze Welt möchte wissen, wann Amerika endlich gegen Trumpismus, Oligarchismus und Autokratie aufsteht“, ruft Sanders aus. Der Oktogenarier, der im hohen Alter noch mehr Feuer als mancher Zwanzigjährige versprüht, will dazu den Anstoß geben.

Sanders brennt auch im hohen Alter für seine Themen

Die Agenda, mit der Sanders und Ocasio-Cortez für den Wandel in den USA kämpfen, klingt geradezu altbacken. Da ist viel von der Arbeiterklasse, von Gewerkschaften und Solidarität die Rede. Beide Politiker konzentrieren sich weitgehend auf soziale Fragen: das Auseinanderklaffen der Gesellschaft, die „Gier der Reichen“, die hohen Mieten, die schlechte Gesundheitsversorgung.

Ihre Antworten sind ebenfalls nicht neu: eine Krankenversicherung für alle, ein höherer Mindestlohn, ein gerechteres Steuersystem. Zwischendurch verfällt  Sanders kurz in den Duktus seiner vergangenen Wahlkampfreden und verspricht, er werde die Arzneimittelkosten senken.

Sanders und AOC machen nicht Trump zum Hauptziel

Bei den vergangenen Wahlen gab es für diese Positionen in den USA keine Mehrheit. Die beiden Politiker setzen offenbar darauf, dass unter dem Eindruck von Massenkündigungen und massiven Einschnitten bei den Sozialversicherungen die Bereitschaft der Bevölkerung für eine radikale Abkehr vom Kapitalismus wächst.

Dem nationalistischen Rechtspopulismus der Trump-Regierung setzen sie einen empathischen linken Populismus entgegen. Ihre Attacken richten sich vor allem gegen „die Oligarchen“ und Musk (wofür es den meisten Beifall gibt). Trump spielt bei ihnen nicht die Hauptrolle.

Trump führt keine „traditionelle Regierung“

„Ich habe eine schlechte Nachricht für Euch“, ruft Sanders der Menge einmal zu, als sie ihn mit „Bernie“- Rufen anfeuert: „Es ist nicht Bernie. Es seid ihr!“ Seine Zuhörer fordert er zum Engagement in Graswurzelbewegungen, Gewerkschaften und Elternbeiräten auf.

Der Weckruf gilt nicht nur einzelnen Bürgern: „Die Demokraten müssen härter für uns kämpfen“, kritisiert Ocasio-Cortez die ängstliche Zurückhaltung ihrer Partei.

Eine Besucherin der Kundgebung steht vor der sich auflösenden Menschenmenge.

Wünscht sich "mehr Bernie und AOC": Ex-Soldatin Laurie McKenney.

Die Menge jubelt. Laurie McKenney sieht das ähnlich. Die ehemalige Luftwaffen-Soldatin ist mit ihrem Mann eine Autostunde von Colorado Springs zur Kundgebung in Denver gefahren. Sie macht sich große Sorgen wegen der angekündigten Einschnitte in der Veteranenversorgung.

Viele Amerikaner hätten noch gar nicht verstanden, was auf sie zukomme, glaubt McKenney. Und auch die demokratischen Politiker in Washington würden die Lage verkennen. „Sie verhalten sich so, als hätten wir eine traditionelle Regierung. Aber die Zeiten sind vorbei“, urteilt die Demokraten-Wählerin. Dem müsse sich die Opposition anpassen: „Wir brauchen mehr Bernie und AOC!“