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Signa-GründerVom Protz in die Pleite – für René Benko wird es eng

Lesezeit 7 Minuten
6000 Quadratmeter Größenwahn: René Benko hatte seinen Lebensmittelpunkt in der luxuriösen Villa in Igls.

6000 Quadratmeter Größenwahn: René Benko hatte seinen Lebensmittelpunkt in der luxuriösen Villa in Igls.

Pompös residierte René Benko, einst reichster Mann Österreichs, mit seiner Familie hoch oben über Innsbruck. Nun sitzt der einstige Vorzeige-Unternehmer im Gefängnis.

Der weiße Klotz in schönster Aussichtslage wirkt verlassen. Kein Auto steht in der Einfahrt, kein einziges der vielen Fenster ist geöffnet. Man sieht keine Menschen, hört keine Kinder, entdeckt keinen Gärtner oder Handwerker. Die Villa in Igls, ein Dorf und Teilort von Innsbruck oberhalb am Berg, liegt da wie ausgestorben. Für einen der einst reichsten Männer Österreichs war sie bis vor Kurzem der Lebensmittelpunkt. Doch seit zwei Monaten sitzt René Benko in Wien in Untersuchungshaft. Seine Ehefrau Nathalie ist mit den drei Kindern fort, laut Medienberichten will sie sich scheiden lassen. Das Paar war seit 2010 verheiratet.

Die Igls-Villa, auf deren Rückseite es auf einer buckeligen Wiese nach unten geht, ist zum Symbol geworden für den rasanten Aufstieg und den krachenden Fall des Unternehmers, der mit seinem Signa-Imperium einst als Immobilien-Tycoon bezeichnet wurde. Ein Mann, der in Österreich, Deutschland und Italien halbe Innenstädte besaß, der hochfliegende Immobilienprojekte wie am Fließband entwickelte, dem alles zu gelingen schien. Und von dessen Geld viele andere profitierten.

An einem der ersten schönen Frühlingstage sind einige Menschen in Igls unterwegs, sie gehen in der Sonne spazieren, joggen oder fahren Rad. Man grüßt sich, aber über den berühmten Dorfbewohner im Gefängnis will sich niemand groß äußern - schon gar nicht mit Namen. „Der soll bleiben, wo er ist“, meint ein Mittfünfziger in Sportkleidung. „Mit dem sind wir so was von fertig“, sagt eine jüngere Frau. Ein Blender, ein Pleitier, der größte Betrüger Österreichs - so wird René Benko mittlerweile landauf landab bezeichnet.

In Wien ermittelt derzeit die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft (WKSta) gegen den einstigen Vorzeige-Unternehmer. Die Behörde steht in dem Ruf, akribisch, bohrend, unbestechlich und scharf zu sein. Manche sagen, dass diese Staatsanwaltschaft das größte Schmuckstück des Rechtsstaats und der unabhängigen Justiz in der Alpenrepublik ist.

Neue Fälle von mutmaßlich Betrogenen

Benko werden Betrug und Untreue in verschiedenen Fällen vorgeworfen. In Haft sitzt er wegen Verdunkelungs- und sogenannter Tatbegehungsgefahr. Unter Letzterer versteht man das Risiko, dass in Freiheit weitere Straftaten begangen werden. Die U-Haft kann bis zu zwei Jahre andauern. Ein Sprecher der WKSta macht im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) keinen Hehl daraus, dass man Benko idealerweise so lange im Gefängnis behalten will, bis ein Prozess beginnt.

Die Staatsanwaltschaft hat offenbar gute Gründe für diese Haltung. Anfang vergangenen Jahres war Benkos undurchschaubares Signa-Konstrukt mit 1000 Firmen im Immobilien- und Handelsbereich zusammengebrochen. Davor und auch danach bemühte sich der Unternehmer nach Kräften, Vermögen aus seinem Firmengeflecht zu ziehen, zu verschleiern, zu bunkern.

Benko-Projekte wurden zu Bauruinen

Seit die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwälte ermitteln, gelangen immer wieder neue Fälle von mutmaßlich Betrogenen an die Öffentlichkeit, die in Wien als Zeugen vernommen werden. In der vergangenen Woche etwa der Schweizer Investor und Unternehmer Arthur Eugster, der Kaffeemaschinen herstellt und enorm wohlhabend ist. 2023, als die Signa schon äußerst klamm war, wollte Benko demnach von seinen Investoren weitere 350 Millionen Euro als Finanzspritze haben.

Er gab vor, so berichtet der Wiener „Kurier“ über die Vernehmung, selbst 35 Millionen Euro frisches Geld zuzuschießen. Wohl eine Täuschung, tatsächlich schob er schon bestehende Summen hin und her, verdoppelte sie auf dem Papier. Das Verschiebe-Karussell schien zunächst zu überzeugen. Eugster zahlte 35 Millionen. Als seine Zweifel immer größer wurden, wollte er das Geld zurück - nur da hörte er nichts mehr von Benko. Man fühle sich „über den Tisch gezogen“, wird der Schweizer Unternehmer zitiert.

ARCHIV - 22.05.2024, Österreich, Wien: Signa-Gründer René Benko trifft im Parlament für die Befragung in einem parlamentarischen Ausschuss ein. (zu dpa: «U-Haft für Immobilieninvestor René Benko beantragt») Foto: Georg Hochmuth/APA/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Benko pries seine Projekte als immer wertvoller an - beste Lagen, stets steigende Preise und Werte. So gelangte er an Kredite für weitere Vorhaben.

Es gibt viele solcher Geschichten. Darüber, wie der heute 47-Jährige seine Investoren - darunter Unternehmer, Banken, Versicherungen - betrogen haben soll. Die Folgen nach dem Zusammenbruch des Firmenimperiums sind weitreichend: Wie es beispielsweise mit der brachliegenden Baustelle am Hamburger Elbtower weitergeht, ist offen. In vielen Städten wurden die Benko-Projekte zu Bauruinen, etwa die Alte Akademie in München. Der Warenhauskonzern Galeria Karstadt Kaufhof konnte mit knapper Not an einen neuen Käufer abgegeben werden. Die Forderungen an drei Sparten der Signa - also wie viel Geld zurückverlangt wird - belaufen sich auf 17 Milliarden Euro. Das haben die Wirtschaftswissenschaftler Leonhard Dobusch und Jakob Sturn errechnet.

Vermögen steckt in Stiftungen

Es braucht seine Zeit, um die Villa in Igls zu umrunden. An der Einfahrt ist ein riesiges Metalltor angebracht, es ist verriegelt. Am Klingelschild steht kein Name. 6000 Quadratmeter hat diese Villa mit ihren drei hohen Geschossen. Die Benkos residierten auf einer Fläche, auf die auch 40 Einfamilienhäuser passen. All das muss am Laufen gehalten werden. Mehr als ein Dutzend Bedienstete umsorgten die Familie.

Die Villa steht auch für einen weiteren Kniff des Österreichers. Zumindest offiziell gehörte und gehört sie gar nicht ihm selbst, sondern der von ihm gegründeten „Laura Privatstiftung“. Benannt ist diese nach seiner ältesten Tochter, die Leitung hat auf dem Papier seine Mutter Ingeborg Benko. An Stiftungen, wie Benko sie mehrere hat, kommt der Staat schwer ran. Sie sind das ideale Konstrukt, um Vermögen zu verstecken.

So hat Benko Privatinsolvenz angemeldet und sagt laut österreichischen Medien, dass er als Angestellter seiner eigenen Firmen nur ein Gehalt von 3700 Euro beziehe. Tatsächlich aber läuft alles über die Stiftungen. Sie sind eng verwoben mit dem gesamten Signa-Imperium. Das Ziel der Staatsanwaltschaft ist es nun, zu beweisen, dass hinter allem René Benko steckt.

Ein anderes Benko-Anwesen, das „Chalet N“ - gewidmet seiner bisherigen Frau Nathalie - im österreichischen Exklusiv-Skiort Lech am Arlberg scheint auch zu den undurchsichtigen Projekten des 47-Jährigen zu gehören. Die feine Unterkunft hat 1800 Quadratmeter, zehn Schlafzimmer stehen zur Auswahl. Offiziell firmiert das Chalet als Beherbergungsbetrieb. Die Miete beginnt, so steht es im Internet, bei 250.000 Euro pro Woche. Und so liegt die Vermutung nah, dass hier Benkos privates Urlaubsquartier nur als Mietobjekt getarnt ist.

Benko war ein Aufsteiger aus einfachen Verhältnissen. Jene, die schon seit Generationen reich sind - das ‚alte Geld‘ -, verachten ihn. Aber sie freuten sich über Renditen von acht Prozent und mehr.
Wirtschaftsprofessor Leonhard Dobusch

Wie konnte es überhaupt so weit kommen und was war am Ende persönlicher Größenwahn und was systemischer Fehler? Mit dieser Frage beschäftigt sich in Innsbruck der Wirtschaftsprofessor Leonhard Dobusch, der im Zuge des Crashs zu einem der besten Benko-Kenner geworden ist. „Benko war ein Aufsteiger aus einfachen Verhältnissen. Jene, die schon seit Generationen reich sind - das ‚alte Geld‘ -, verachten ihn. Aber sie freuten sich über Renditen von acht Prozent und mehr“, sagt Dobusch.

Benko pries seine Projekte als immer wertvoller an - beste Lagen, stets steigende Preise und Werte. So gelangte er an Kredite für weitere Vorhaben. „Die Bankenvorstände hatten Risikoappetit“, sagt Dobusch. „Sie sahen das große Rad.“ Bis zum Schluss hätte der Unternehmer Kredite bekommen, „die normale Häuslebauer nie erhalten würden“.

Die Immobilienprojekte - Handel, Gewerbe, Wohnungen - wurden immer größer, immer überhitzter geplant. Jeder gab Kredite, wollte am Erfolg des als „Wunderwuzzi“ Titulierten beteiligt sein. Darunter waren auch etwa die so seriös auftretenden Landesbanken Baden-Württemberg und Bayern.

Immobilienbranche erwies sich als nicht krisenfest

Die Immobilienbranche erwies sich aber als nicht krisenfest, als „nicht nachhaltig“, wie Dobusch erklärt. Wegen der steigenden Zinsen ab 2022 gerieten Benkos Finanzen in Schieflage, zudem verteuerten sich Material und Leistungen im Baubereich. „Auf Kante genähte Modelle waren da nicht gut“, so der Wirtschaftswissenschaftler. Es folgte der Zusammenbruch.

Lässt sich so etwas verhindern? Für die Politik ist dieses Wirtschaftsgeschehen schwer durchschaubar, meint Dobusch, „es fehlt einfach an Expertenwissen“. Banken und die Immobilienbranche hätten auch kein Interesse daran, dass sich die Politik auskennt. Deshalb empfiehlt er: „Ähnlich wie in Frankreich oder den Niederlanden müsste man Unternehmen strenger regulieren, deren Vermögen und Einkommen mit Immobilien erwirtschaftet werden.“

Über René Benko ergießt sich seit seiner Verhaftung nicht nur Wut sondern auch Häme. Medien berichten genüsslich, inmitten welcher Gewalttäter er inzwischen im Gefängnis leben muss. Dass abgepacktes Schwarzbrot mit Wurst und Tee auf seinem Speiseplan steht. Der 47-Jährige ist im größten österreichischen Gefängnis in der Wiener Leopoldstadt, genannt das „Graue Haus“, inhaftiert.

Es hat so gar nichts zu tun mit der XXXL-Villa in Igls, die anmutet wie eine Mischung aus Weißem Haus und einem edlen Chateau in bester Bordeaux-Lage. Das Grundstück ist bestückt mit vielen, gut sichtbaren Überwachungskameras. Hier stand einst das „Schlosshotel Igls“, ein Luxusbau aus dem Jahr 1887, wie eine Tafel ein paar Meter entfernt vom Haus informiert. Altes Geld, von René Benko abgerissen. Daneben ist die Volksschule, etwas dahinter der kleine Dorffriedhof. Nathalie Benko möchte, so wird berichtet, wieder ihren Mädchennamen Sterchele annehmen. Die Möbel aus der Villa soll sie bereits bei ihrem Auszug mitgenommen haben.