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Ticks, Marotten und RitualeMenschen aus Köln und Region erzählen von verrückten Angewohnheiten

Lesezeit 9 Minuten
Wenn neben dem Ausrichten der Bleistifte auf dem Schreibtisch kaum mehr Zeit zum Arbeiten bleibt, ist das keine lustige Marotte mehr.

Wenn neben dem Ausrichten der Bleistifte auf dem Schreibtisch kaum mehr Zeit zum Arbeiten bleibt, ist das keine lustige Marotte mehr.

Treppensteigen immer mit dem rechten Fuß zuerst oder die Ecken von Möbeln anfassen: Leserinnen und Leser berichten über ihre Spleens.

Wenn er die Zähne putzt, dreht Herr S. den anderen Arm auf den Rücken und hält sich mit der Hand hinten an seinem Hemd fest. Und wenn irgendeine Sache schnell gehen muss, zählt er im Kopf immer wieder bis acht. „Als wären es Musiktakte und ich würde dazu tanzen“, erläutert der Kölner. Er versuche, die dringende Angelegenheit jedes Mal mit einem „Takt“ zu beenden. „12345678 T-Shirt gesucht, gefunden und angezogen. 12345678 Treppe runter, Jacke an. 12345678 den einen und 12345678 den anderen Schuh zubinden. Sachen zusammensammeln und auf 8 genau die Tür hinter mir schließen“, schreibt S.

Dadurch sei er stets viel schneller, das funktioniere „extrem gut“. Die einzelnen „Schläge“ im Takt jedenfalls seien immer gleich lang, nämlich „etwa 100 bpm“. Bpm steht für „beats per minute“. Mit dieser Maßeinheit kann das Tempo eines Musikstücks angegeben werden. Er mache zwischen den Achtergruppen keine Pausen, wenn etwas nicht auf einem Takt beendet werden konnte. „Dann beanspruche ich halt noch einen ganzen weiteren Takt dazu“, lässt S. wissen: „Hauptsache es endet auf einem Schlag.“

Wie Opa dem sechsjährigen Neffen das Treppenzählen beigebracht hat

Von etwa zwei Wochen hatte ich im „Kölner Stadt-Anzeiger“ über komische Angewohnheiten geschrieben, von denen wohl die meisten Menschen eine haben. Es gibt viele Bezeichnungen für dieses „besondere Verhalten“. Tick zum Beispiel. Oder Marotte. Oder Spleen. Oder Schrulle. Die Reaktion auf den Artikel jedenfalls war überwältigend. In ihren Familien sei der Beitrag „ernsthaft bis belustigend“ diskutiert worden, heißt es in einigen Zuschriften. Wenn sie es selbst noch nicht bemerkt hatten, seien sie von Angehörigen auf ihre Marotten hingewiesen worden. Auf Eigenarten, die amüsant wirken, bis hin zu Verhaltensweisen, die bedenklich erscheinen. Dutzende Leserinnen und Leser haben mir - wie Herr S. - von ihren wunderbaren Verrücktheiten berichtet.

Herr T. beispielsweise zählt Treppenstufen. Rauf oder runter gehend - egal. „Das ergibt weitestgehend unnützes Wissen, das ja nicht lang erhalten bleibt - daher zähle ich immer wieder ...!“, schreibt er. Herr U. aus Leverkusen („Keine Ahnung, wieso ich das tue!“) hat dies sogar seinem sechsjährigen Enkelkind schon beigebracht: „Der zählt jetzt auch schon Stufen.“  Auch Herr B. aus Euskirchen ist im Club. „Aber ich habe noch nie gedacht, dass ich deshalb einen an der Schüssel habe“, schreibt er: „Im Gegenteil, ich muss immer schmunzeln, wenn ich jede Stufe einer Treppe zähle, egal wie oft ich diese schon begangen habe.“

Toilettenpapier darf nur nach vorne abgerissen werden

Außer gezählt wird gerne auch geordnet. Bei ihr müsse eine Rolle Toilettenpapier immer nach vorne abzureißen sein, lässt Frau Z. wissen. Frau P. teilt mit, dass sie morgens Tabletten brauche. Aber sie nehme aus ihrem Blister mit 25 Pillen „nicht einfach die nächste“: „Sondern so, dass sich ein Muster bildet. Und ich überlege mir immer wieder ein anderes.“

Susanne jedoch berichtet von einer Gewohnheit ihres Mannes, die für einen Kölner ungeheuerlich erscheint, ihr aber trotzdem „ganz besonders“ gefällt. Der Gatte habe schwarze, grüne und weiße Wäschestücke lange Zeit nur mit Klammern in der entsprechenden Farbe aufgehängt. Dies habe vermutlich mit seiner „Vorliebe für einen bestimmten Fußballverein in der Nähe der holländischen Grenze“ zu tun, dessen Namen wohl mit Borussia anfängt und mit Mönchengladbach aufhört, so Susanne: „Niemals durfte man hingegen rote Wäsche mit weißen Klammern oder weiße Wäsche mit roten Klammern aufhängen. Das wäre ein Hinweis auf den ungeliebten Verein in der Domstadt gewesen.“

In der Straßenbahn die Menschen zählen, die am Handy daddeln

Frau H. hat einen ganz anderen Tick. Sie bleibt meistens stehen, wenn sie mit der KVB fährt. Dann zählt sie die Menschen, die in ihrem Umfeld mit dem Handy beschäftigt sind. „Sind es weniger als 50 Prozent, dann bin ich recht zufrieden“, lässt die Leserin wissen. Ihre „nächste Statistik“ beziehe sich auf die Frage: Wie viele „Handy-Menschen“ nehmen wahr, wer einsteigt und eventuell einen Sitzplatz benötigen könnte? „Meine Bilanz ist ziemlich trostlos“, so H.: „Dennoch freue ich mich über die Menschen, die noch einen lebendigen Gesichtsausdruck haben.“

Michael Bornheim, Chefarzt der Libermenta-Klinik Schloss Gracht in Liblar

Michael Bornheim ist Chefarzt der Libermenta-Klinik Schloss Gracht in Liblar.

„Ich muss 100 oder sind es 1000 Dinge jeden Tag doppelt, auch mehrfach tun, sonst passiert meinem Sohn etwas“, schreibt eine Leserin: „Angefangen mit dem Aufstehen (falsche Seite aufgestanden), 3 x Tasse aufnehmen, um den ersten Schluck Kaffee zu trinken.“ Das ziehe sich durch den ganzen Tag: „Es gibt kaum etwas, das ich nicht wiederholen muss. Oder draußen darf ich zum Beispiel nicht auf einen bestimmten Stein treten.“ Unerträglich werde es, „wenn der Zwang will, tu es doppelt und dann doch wieder sagt: nein, nicht doppelt.“ Das gehe oft mehrmals hin und her. „Dann weiß ich nicht mehr, was ich tun soll“, so die Kölnerin: „Wenn die Zwänge mich dann unendlich lange quälen, schlage ich mich, dass sie endlich aufhören.“

Die Grenze von der harmlosen Marotte zum Zwang ist fließend

Die Grenze, an der eine harmlose Marotte zum bedrohlichen Zwang wird, sei nicht klar festzulegen. „Da gibt es keine handfeste Definition wie etwa dreimal Herd ausmachen ist noch Okay, aber ab zehnmal wird es schon krankhaft“, weiß Michael Bornheim, Chefarzt der Libermenta-Klinik Schloss Gracht in Liblar. Ein deutlicher Warnhinweis aber sei, „wenn ich die Gewohnheit nicht mehr lassen kann“. Dass sie so „mächtig“ werde, „dass sie sich immer mehr Raum schafft“, so Bornheim: „Ich habe Patienten gesehen, die wegen ihres Waschzwangs acht Stunden am Tag oder länger unter der Dusche standen.“ Oft diene das zwanghafte Prozedere dazu, bedrohlich wirkende Gedanken abzuwehren.

Derartige Zwangsstörungen mit oft sehr komplexen Ritualen gehören zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. „Knapp vier Prozent der Menschen in Deutschland versuchen so, aus dem Lot geratene Ängste abzuwehren“, weiß Klinikchef Bornheim.

Egal warum es die Ticks auch gebe und wie beherrschend sie sind, „auf Knopfdruck einfach abstellen" könne man das ungewöhnliche Verhalten ohnehin nicht: „Ein Tick ist wie ein Schluckauf, eine plötzliche Bewegung, die sich immer wiederholt und nicht willentlich steuerbar ist.“

Für Herrn K. wurde seine Macke zum Alptraum

Herr K. aus Bergisch-Gladbach berichtet, dass er mit 14 Jahren „eine fürchterliche Macke gehabt“ habe, die für ihn zum „Alptraum“ wurde: „Eine hübsche Nachbarstochter mit schönen Augen hatte einen für mich traumhaften Augenaufschlag. Ich versuchte, diesen mir zu eigen zu machen“, schreibt K. „Dabei drückte, ja presste ich beide Augen zu. Das wurde immer schlimmer und es ging so weit, dass ich beim Zusammenpressen der Augenlieder sogar in die Knie ging.“ Das habe er lange Zeit nicht lassen können: „Und jedes Mal sagte ich mir: Noch einmal, dann nie wieder! So als ob ein Raucher nach der letzten Zigarette verlangt.“ Er sei dann „irgendwann davon abgekommen“, so K.: „Aber ich weiß bis heute nicht, wie! Es kam wohl über Nacht.“

Die Fenster dreimal putzen, weil es sonst Pech bringt. Marotten, komische Angewohnheiten also, sind weit verbreitet.

Die Fenster dreimal putzen, weil es sonst Pech bringt. Marotten, komische Angewohnheiten also, sind weit verbreitet.

Auch wenn es eine Reihe problematischer Beispiele gibt: Meist sind Spleens völlig harmlos. Herr S. berichtet, er sei darauf aufmerksam gemacht worden, dass er sich häufig die Hände reibe. „So dass mich mein Gegenüber fragt, ob mir kalt sei.“ Deshalb habe er nachgedacht, sich selbst beobachtet und festgestellt: „Es geschieht meist dann, wenn ich in oder nach einer erledigten Aufgabe zum Ende komme oder eine vermeintlich schwierige Aufgabe abgeschlossen habe. Sei es im Büro, nach einem Telefonat oder Gespräch, aber auch daheim – zum Beispiel nach dem Ausräumen der Spülmaschine“, schreibt S..

Frau W. spitzt immer die Lippen, wenn sie in den Spiegel schaut

Herr W. hingegen kann gleich mit zahlreichen Marotten dienen. Seine Frau spitze immer die Lippen, wenn sie in einen Spiegel schaut: „Das ist Automatismus, sie kann es gar nicht verhindern.“ Er selber zähle beispielsweise die Speichen von Autofelgen. „Einfach so, gibt mir nichts Großes, aber ich tue es immer wieder“, schreibt er. Zudem ziehe er immer zuerst den linken Schuh an. Nachts, auf dem Gang zur Toilette, fasse er stets an einen Heißkörper: „Um zu fühlen, ob er noch warm ist, selbst wenn ich woanders übernachte.“ Und an Ampeln versuche ich immer aus den Kennzeichen der voranstehenden Wagen Rückschlüsse auf den Fahrer zu ziehen: „Zum Beispiel die Zahl 1970 verrät mir vermeintlich das Geburtsjahr.“ Und etwa die beiden Buchstaben AO sagen, dass dort womöglich eine Andrea Otto oder ein Andreas Otto sitzt.

„Ritualisiertes Verhalten“ kann auch mit „magischem Denken“ einhergehen, wissen Experten. Frau W. beispielsweise berichtet, dass auf ihrem Nachttisch zwei kleine Schutzengelfiguren stehen. Morgens nimmt sie die in die Hand und sagt: „Ihr beiden Süßen, beschützt mich heute auf allen meinen Wegen!“  Das beruhige sie, schaffe Zuversicht, „und ich kann mein Tagewerk beginnen“, so die Kölnerin.

Bei Frau L. muss alles gerade liegen

Frau L. aus Hürth hingegen glaubt, dass es Pech bringt, Wäsche in der Silvesternacht auf der Leine hängen zu lassen. Am 31. Dezember frage sie deshalb immer im Familienchat: „Ist überall die Wäsche abgehängt?“ In ihrer Jugend indes habe sie wesentlich komplexere Angewohnheit gehabt. Etwa beim Gehen die Knie immer abwechselnd mit den Händen berührt. Oder ständig die Ecken von Gegenständen wie Stühlen, Tischen oder Sideboards berührt. „Wie bescheuert das ausgesehen haben muss, kann man sich unschwer vorstellen“, so L.: „Zum Glück hat sich das alles aber ausgewachsen.“

Kontrolle, beispielsweise ob der Herd tatsächlich aus ist, und Ordnung, etwa wenn die Stifte im Regal nach einem speziellen Farbsystem sortiert sind, bringt Sicherheit. „Auf meinem Esstisch, Schreibtisch, im Bad - egal wo - es muss alles immer GERADE liegen“, schreibt Frau C.: „Ich erwische mich dabei, auch als Gast, Gegenstände gerade zu rücken. Sogar Bilder, wenn sie schief an der Wand hängen.“ Frau J. hat als junge Frau darauf geachtet, beim Gehen immer auf eine volle Steinplatte und nicht auf eine Fuge zu treten. „Wenn ich heute im Supermarkt bin, zähle ich alle Artikel, die ich auf das Band lege“, berichtet sie. Wenn sie die Waren aus dem Einkaufswagen dann in den Kofferraum legt, zähle sie erneut. „Ungefähr nach der Hälfte der Waren fällt mir ein, was das für ein Blödsinn ist - und dann lasse ich es sein.“

Rituale schaffen Sicherheit und Vertrautheit

Rituale schaffen auch Sicherheit und Vertrautheit. Schon archaische Naturstämme haben sie „als eine Art sozialen Kitt“ genutzt, „der Menschen zusammenbringt und die Bindungen innerhalb des Stammes stärkt“, sagt der Anthropologe John Smith. Tänze oder Feuerzeremonien, zunächst die Marotte einzelner, werden mit der Zeit ein Muss für die gesamte Gruppe: „Durch diese Praktiken werden die Werte und Überzeugungen des Stammes an die jüngere Generation weitergegeben und sichern so das Überleben ihrer Kultur.“

Frau R. aus Efferen kann zwar nicht von rituellem Feuerzauber oder etwas ähnlich Aufregendem berichten. Aber, angeregt durch den Artikel im „Kölner Stadt-Anzeiger“, hat ihre Familien jede Menge „merkwürdige Angewohnheiten“ entdeckt. So will die mittlere Tochter, ähnlich wie der Fußballtorwart Manuel Neuer, vor jedem Match in der Basketball-Bezirksliga den Ball berühren. Die Älteste trägt Handschuhe nur, wenn die Mutter sie vorher schon einmal getragen habe („Nur dann halten sie meine Hände warm“). Die Jüngste wählt bei einer ungeraden Zahl an Auswahlmöglichkeiten stets die Mitte, egal ob es um fünf Wochenhausaufgaben, drei zur Auswahl stehende Kinofilme oder 11 im Schrank übereinander liegende T-Shirts geht.

„Meine Mutter beginnt jede Treppe mit dem rechten Fuß, auch wenn sie dafür noch einmal kurz einen Zwischenschritt machen muss“, berichtet Frau R.: „Und ich wiederum gehöre zu den Bonbonpapierchen-zu-schmalen-Streifen-Faltern.“ Fertig damit sei sie erst, wenn sie den schmalen Streifen zu einem Knoten drehen kann. „Bei all dem halten wir uns für völlig normal - aber das tun ja alle, die einen Knall haben“, schreibt sie.