Am zweiten Tag der Verhandlung gegen den Opladener, der mit seinem Auto in eine Gruppe von Partygästen gefahren sein soll, kommt der vermeintliche Aggressor zu Wort.
Prozess nach Roma-PartyOpfer des Leverkuseners haben nur lückenhafte Erinnerungen

Der Angeklagte mit seinen Verteidigern vor dem Düsseldorfer Landgericht
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So detailliert die Schilderung am ersten Prozesstag war, so dürftig fällt sie in der zweiten Runde aus. Obwohl am Donnerstag die Opfer der Amokfahrt nach der Roma-Party in Düsseldorf zu Wort kommen: Unter ihnen ist der Mann, den der Bruder des Angeklagten als den eigentlichen Verursacher des Dramas dargestellt hatte, bei dem sechs Menschen schwer verletzt wurden. Vor der 1. Großen Strafkammer am Düsseldorfer Landgericht stellt sich ein Mann mit Bart und Glatze vor.
Auf seinem Hinterkopf prangt ein Tattoo mit Totenkopf und Flügeln; auch sonst ist der Kölner eine ziemlich beeindruckende Erscheinung. Dem Bruder des Beschuldigten hat er Angst eingeflößt an jenem Abend.
Das kann man zwar nachvollziehen. Aber dass er sowohl den Bruder als auch den Beschuldigten attackiert habe, streitet dieser Zeuge ab. Man sei sich auch nicht mehrfach begegnet an jenem Abend, sondern ein einziges Mal: auf der Toilette. Dort habe es ein Wortgefecht gegeben, räumt der Zeuge ein. Es sei tatsächlich um Religion gegangen.
Allerdings sei der Stress nicht von ihm ausgegangen, wie es noch am Mittwoch geheißen hatte. Ihm sei nur ein „Oh Gott“ entfahren – daraufhin habe ihm der Roma gesagt, dass man auf dem WC nicht über Gott reden solle. Das sei ein unwürdiger Ort. Er habe dem Fremden eine passende Antwort gegeben – „das war’s“.
Der Mann mit der Glatze hat sich nur geschützt, sagt er
Die Darstellung, dass er sich dem Bruder des Beschuldigten noch mehrmals drohend genähert habe, bestreitet der Zeuge vehement. Die nächste Schlüsselszene bei der Party mit Gesangsstars unter anderem aus Nordmazedonien Anfang November vorigen Jahres sei ein Tumult gegen Ende gewesen. Irgendjemand habe drohend eine Flasche geschwungen; tatsächlich sei er am Arm getroffen worden – und habe vielleicht auch ein paar Abwehr-Bewegungen gemacht, räumt der Mann mit der Glatze schließlich ein. Detailliert schildern könne er das Geschehen leider nicht: „Ich hatte schon gut gesoffen: eine Flasche.“
Auch deshalb ergab sich trotz intensiver Befragung durch den Vorsitzenden Richter Rainer Drees, dem sich eine ebensolche durch die Verteidiger Stephanie Ablass und Ardian Shabani anschloss, kein Gesamtbild der Vorkommnisse, die mit einer Amokfahrt endete. Bei der ist auch der glatzköpfige Mann angefahren und verletzt worden. Er kann sich nur an die Scheinwerfer des Autos erinnern, das plötzlich aus einer Parkhaus-Einfahrt auf den Vogelsanger Weg in Düsseldorf geschossen kam.
Die Automarke oder Insassen habe er nicht erkennen können, bevor er kurz das Bewusstsein verloren habe und dann ins Krankenhaus gebracht worden sei. Die Situation belaste ihn bis heute, sagt der Mann. Schließlich habe das Auto „uns volle Kanne mitgenommen“.
Die waren Stress-geil
Mit Blick auf die Roma-Gruppe um den Beschuldigten aus Opladen fasst der Tätowierte den Abend vielmehr so zusammen: „Die waren Stress-geil.“ Im Gegensatz zu ihm: Er habe wenige Wochen vor der Party seine Mutter verloren – und ganz andere Sorgen.
Die kurze Amokfahrt ist – wenn auch von weitem – auf einem Video festgehalten. Weil es ein paar Momente vor der eigentlichen Tat beginnt, ist reichlich Gebrüll zu hören. Ganz offenkundig war die Party schon vorher komplett aus dem Ruder gelaufen. Das bestätigt der Veranstalter im Grunde.
Der 43-Jährige aus Duisburg ist lose mit dem Tätowierten und dessen Freunden bekannt. Er sagt: Der Kölner sei schon erkennbar sauer gewesen und habe herumgebrüllt.
Details habe er allerdings nicht mitbekommen. Dass es Stress gebe und die Leute massenhaft und fluchtartig die Location verließen – dabei vielfach das Bezahlen vergaßen –, sei ihm erst da klargeworden. Um Streit zu schlichten, sei auch er auf die Straße gerannt. Fatal für ihn: Auch er wurde von dem Auto gestreift. Aber gut für die Ermittler: Der Veranstalter rief als Erster die Polizei. Und: Er merkte sich das Kennzeichen.