Serie "Im Fokus"„In Overath ist immer was los“
Overath – In einer bergischen Kleinstadt erwartet man das nicht unbedingt, aber Mali Winkler betreibt schon seit fünfeinhalb Jahren ihr Thaimassage-Studio „Koh Samed“ in der Hauptstraße 93. Wie das Geschäft so läuft? „Es geht, manchmal kommen wenige, manchmal viele.“ Woran genau das liegt, hat sie noch nicht herausgefunden. Jedenfalls nicht am Wetter: „Mal kommen die Kunden bei schlechtem Wetter, mal bei gutem.“ Oder eben auch nicht. In Overath lebt Mali Winkler seit 2006. Und vorher? „In Bangkok, Thailand.“ Ihr Mann stammt aus Overath, so kam sie aus dem Fernen in den Overather Osten und entführt ihre Kunden nun in ihre alte Heimat.
Nicht ganz so weit weg, aber immerhin hinter die Alpen und ans Mittelmeer geleitet Carlo Franciosa seine Gäste mit seinem Ristorante schräg gegenüber. „Ich bin seit 30 Jahren in Deutschland, davon 20 Jahre in Overath“, erzählt er, und dass er hier überaus zufrieden sei. Grund zur Klage gebe es nicht – allenfalls die Baustelle am Bahnhof nerve gelegentlich, aber so sei das eben mit Baustellen.
Wenn es um Overath geht, haben häufig die „Monster-Brücke“ am Bahnhof, die Rekord-Grundsteuer oder auch die schlechte Luftqualität an der Hauptstraße im Mittelpunkt gestanden. Doch ist das Lebensgefühl vieler Menschen im Kernort offenkundig sehr viel weniger von diesen Problemen geprägt als von Lebensfreude und Zuversicht. Okay, es gibt auch Kritik – aber vor allem hört man viel Lob für das Leben im Aggertal.
Direkt an der Ecke zum Bahnhofsplatz hat Martin Scharrenbroich seine Fleischerei – und zwar in vierter Generation und im 120. Jahr, wie er nicht ohne Stolz anmerkt. Auf die Frage, was denn besonders gut sei an der Overather Hauptstraße, antwortet er zwar erst einmal ironisch: „Die Luft“. Aber dann betont er die hohe Standortqualität: Durch Bus, Bahn und Autobahn sehr nah an der Großstadt und doch ländlich sei die Stadt, „und die Overather sind sehr freundlich“. Auch die kommunalpolitische Szenerie sei interessant. „In Overath ist immer was los“: Damit meint er womöglich auch den Stadtrat, vor allem aber Weihnachtsmarkt, Overather Frühling und demnächst auch Herbstfest.
Gibt’s denn gar nichts, was man noch verbessern könnte? „Vielleicht mehr Parkplätze, aber das ist nicht zwingend. Ich kann einfach nichts Negatives über Overath sagen. Und ich ziehe hier bestimmt nicht weg.“
Nichts auf Overath kommen lassen auch die Geschwister Pervin Sentürk und Engin Cinar aus dem angrenzenden Geschäft, Engins Frischemarkt. „Ich bin vollkommen zufrieden“, sagt Pervin Sentürk, „hier sind unsere Freunde“. Ja, mehr Parkplätze wären gut, „die meisten Kunden wollen ja am liebsten mit dem Auto bis vor die Theke.“ Sie stammt aus Hennef und arbeitet seit 14 Jahren im Geschäft ihres Bruders, das in dieser Zeit mehrfach umgezogen ist. „Früher waren wir am Steinhofplatz.“ Nett und lieb zu sein, das sei doch eine Sache auf Gegenseitigkeit, und das klappe gut.
„Alles super“, sagt auch Verkäuferin Daniela Wurth aus dem Bäckerei-Café Müller an ihrem Standort schräg gegenüber vom Overather Bahnhof. Ja, viele Stammkunden treffen sich hier zum Kaffee trinken und klönen, aber es gebe auch viel Laufkundschaft. Seit drei Jahren schon arbeitet die junge Frau aus Engelskirchen-Loope hier in Overath.
Aus der Gegenrichtung, nämlich aus Köln, ist Apothekerin Monika Indrunas nach Overath zugezogen. Wie so viele Overather hat das ursprünglich kölsche Mädchen hat an der Agger eine neue Heimat gefunden. Gemeinsam mit Kerstin Koppenburg, Sabine Ehren, Yasemin Ereyik und Doris Schurz hat sie an diesem Mittag Dienst in der Bahnhof-Apotheke, einer von drei Apotheken an der Hauptstraße. „Die Kunden sind freundlich und aufgeschlossen“, ist ihr aufgefallen und überdies seien sie „sehr gelassen, ruhig und nicht so hektisch“ – bergisch eben.
Im neunten Jahr vor Ort ist Karin Greif, die ihren Laden „Forum“ Wohnaccessoires und Geschenke anbietet – und zwar als Geschäft im Mode- und Sport-Geschäft Wester. Vielleicht deshalb sieht sie auch kritische Tendenzen – immer wieder verschwinden Geschäfte, aktuell habe es wieder drei Abgänge gegeben, „zum Glück nicht direkt an der Hauptstraße“. Und sie sagt auch: „Es wäre besser, wenn wir mehr interessante Läden hier hätten statt immer neuer Versicherungsbüros.“ Der viele Verkehr auf der Hauptstraße sei zwar eine Last, aber auch ein Segen für die Geschäftsleute: „Viele Kunden kommen aus dem Oberbergischen und fahren zur Arbeit nach Bonn oder Siegburg.“ Die sähen dann die Overather Läden und kauften hier ein: „Für uns ist das ein Plus“. Ein Segen sei auch, dass die Drogeriemarkt-Kette „dm“ an die Hauptstraße gezogen sei.
Kritische Worte über die Hauptstraße von Overath hört man in der Bücherei St. Walburga. Zu viele Versicherungsbüros, zu viele Handy-Shops und zu viel Leerstand beklagen Melina Stuckmann und Waltraut Maraun: „Man kann in Overath eigentlich nur noch Lebensmittel gut einkaufen.“ Da allerdings hat der Kernort auch nach dem Abriss des früheren Edeka-Marktes neben dem Rathaus ein gutes Angebot an Einzelhandelsgeschäften und Discountermärkten. Kritisch sehen die beiden Bücher-Expertinnen Leerstände am Steinhof-Platz und dass auch ihrer Bücherei aus finanziellen Gründen nun erneut das Aus drohen könnte. Doch Melina Stuckmann benennt auch Pluspunkte: „Unser neuer Bürgermeister hat viele tolle Ideen“, sagt sie. Jörg Weigt fördere die Eigeninitiative der Bürger. Sie selbst arbeite etwa an der Initiative zur Wiederherstellung des aus Sicherheitsgründen gesperrten Lölsberger Stegs über die Agger mit.
Einer, der bestens über Chancen und Risiken an der Overather Hauptstraße Bescheid weiß, ist der Buchhändler Alexander Bücken: Er ist zugleich Vorsitzender der Händler-Vereinigung „Einkaufen in Overath“. „Eine Buchhandlung zu führen ist heute ein hartes Geschäft“, sagt er, aber aus seinem Munde ist das kein Lamentieren. „Wir machen viel, holen Kabarett-Veranstaltungen nach Overath oder veranstalten Lesungen.“ Was für ihn persönlich gilt, gilt auch für die Aktiven von „Einkaufen in Overath“. Deren jüngster Schachzug ist ein großes neues Stadtfest: Die bisherige Laurentiuskirmes wird von ihrem ewigen Sommerferientermin im August verlegt in den September. Kombiniert mit einem Weinfest soll das erste Overather Herbstfest am 6. September zum Besuchermagneten werden.