Jörn Tüffers über das Vorgehen der Kerpener CDU, ihren Bürgermeisterkandidaten zu wählen
Demokratisch, aber auch christlich?Kommentar zur Wahl des CDU-Bürgermeisterkandidaten in Kerpen

Die CDU wählte ihren Bürgermeisterkandidaten. Harald Stingl siegte gegen Addy Muckes.
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Grundsätzlich ist es ein beneidenswerter Umstand, eine Wahl treffen zu können. Beispielsweise in der Mittagspause: Kaufe ich unvernünftigerweise im Imbiss um die Ecke eine Currywurst mit Pommes oder wähle ich — meinem Gewissen und dem Ziel der schlanken Linie folgend – doch lieber den Salatteller, ohne Kräuter-Sahne-Soße, versteht sich?
Noch so eine Gewissensentscheidung: Schaue ich im Bezahl-TV das Spiel meines Lieblingsvereins – im sicheren Wissen, mich nachher angesichts der dürftigen spielerischen Darbietung schwarz zu ärgern, oder drehe ich lieber mit dem Hund eine große Runde durch Wiesen und Wälder? Ist doch so: Tagtäglich haben wir die Wahl, dieses zu tun und jenes zu lassen und treffen dann Entscheidungen. Von denen wir nicht im Vorhinein wissen, ob es die richtigen sind. Wäre ja sonst noch schöner.
Wahl zwischen zwei Kandidaten
Eine solche Entscheidung haben in dieser Woche die Kerpener Christdemokraten getroffen – weil sie die Wahl hatten, einen von zwei Männern zu ihrem Bürgermeisterkandidaten zu küren. Ob sie mit ihrem Votum richtig lagen, werden sie – und alle anderen – am Abend des 14. September erfahren: Nämlich dann, wenn alle Stimmen bei der Bürgermeisterwahl in der Kolpingstadt ausgezählt sind. Nicht ausgeschlossen, dass sie es auch erst zwei Wochen später erfahren werden, wenn Harald Stingl in die Stichwahl kommen sollte. Auch deren Ausgang ist – wie jede Wahl – ungewiss.
Aber das dürfte Teile der Kerpener CDU nicht weiter grämen. Denn sie scheinen Rechnungen mit Unbekannten zu mögen. Noch vor zehn Tagen schienen Zweifel daran, dass Parteichef Addy Muckes in den Wahlkampf ums Bürgermeisteramt ziehen würde, gänzlich unangebracht. Hatte er sich doch vor Wochen in Stellung gebracht, nachdem der amtierende und im Januar erneut von seiner Partei nominierte Bürgermeister Dieter Spürck seine Bewerbung aus gesundheitlichen Gründen zurückgezogen hatte.
Seit mehreren Monaten war Muckes aufgrund dessen Abwesenheit dank eines prall gefüllten Terminkalenders so präsent wie nie zuvor in der Stadtgesellschaft der Kolpingstadt als Repräsentant des Rathauses unterwegs. Muckes kam gut bei den Bürgerinnen und Bürgern an, er ist nahbar, kommunikativ, aufgeschlossen, volksnah. Bei den anderen Parteien wuchs so etwas wie die Hoffnung auf einen anderen Politikstil als den der vergangenen Jahre, den das Duo Spürck und Fraktionschef Klaus Ripp für sich gewählt hatten: In fataler Fehleinschätzung des tatsächlichen Einflusses und des Ansehens der CDU glaubten sie das politische Kerpen von oben nach unten dirigieren zu können.
Suche nach gemeinsamen Lösungen, um einen größtmöglichen gemeinsamen Nenner zu finden, war nicht vorrangiges Ziel. Nun aber zeigen sich die anderen Parteien ernüchtert, hatte sich doch an diesem Mittwochabend nicht Muckes bei der Wahl des Bürgermeisterkandidaten durchgesetzt, sondern derjenige, den so mancher nach Bekanntwerden seiner Kandidatur fälschlicherweise als krassen Außenseiter abgestempelt hatte.
Doch Ripp, seit Jahr und Tag der Strippenzieher der CDU Kerpen, hätte seinen Wunschkandidaten Stingl kaum ins offene Messer und in eine aussichtslose Wahl laufen lassen. Und so kam es, wie es kommen musste: Plötzlich waren sich so viele – auch lange nicht gesehene – CDU-Mitglieder der Verantwortung ihrer Stimmabgabe bewusst, dass Muckes chancenlos war. Eine demokratische Wahl, zweifelsohne. Aber wenn Politik zum Intrigantenstadl verkommt, ist es allzu verständlich, wenn sich so manche Bürgerin und mancher Bürger abwenden und sich Antworten von anderswo erhoffen.