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Kleingartenverein in Hennef-GeistingenAnlage hat eine lange Historie

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Hennef – „Besonders auch Frauen und Jungfrauen“ umwarb das Inserat in der Hennefer Volkszeitung. Sie sollten den Obst- und Gartenbauverein für Geistingen und Stoßdorf mit aus der Taufe heben. Das war im Advent 1919. Für 31 Pächter stand dann 1920 Ackerland des Rittergutes Zissendorf zur Verfügung.

Das Wichtigste, das sich in 95 Jahren auf den Schollen zugetragen hat, steht in der Chronik, die Frank Altermann zum Rundgang mitgebracht hat. 1981 etwa löste der Autobahnbau „Entsetzen bei den Kleingärtnern“ aus. 4730 Quadratmeter Gartenland fielen der A 560 und der Brücke für die Stoßdorfer Straße zum Opfer. Der Vorstand verhandelte hart und erfolgreich mit der Bundesstraßenverwaltung. 5480 Quadratmeter Ersatzland wurden zugestanden und auf Kosten des Bundes hergerichtet. Für die verlorenen Lauben gab es Entschädigungszahlungen.

Tief in die eigene Tasche musste der Verein in jüngster Vergangenheit greifen. Altermann, seit 1983 im Vorstand, und Kassierer Eberhard Knust zeigen auf die Eingangstore aus Metall mit den Feuerwehrschildern. Nach einer Brandschau habe die Stadt für die Hauptwege eine Mindestbreite von drei Metern zur Auflage gemacht. „18 000 bis 24 000 Euro hätte es gekostet, wenn wir das von einer Firma hätten machen lassen.“ Durch Muskelhypothek kam man mit 6000 Euro hin. Mühevoll war es, die Randsteine zu versetzen und Schotterstreifen anzulegen.

Die Gärten haben unter der Zusatzarbeit offensichtlich nicht gelitten. Wohin man schaut, blühen Tagetes, Dahlien und Prunkwinden in üppiger Pracht, hängen Himbeerruten und Tomatensträucher voller Früchte, reiht sich Kohlkopf an Kohlkopf, biegen sich Äste unter der Last der Äpfel, Pfirsiche und Pflaumen.

Fällt die Ernte so reich aus, dürfen sich die „Kunden“ der Hennefer Tafel auf Frisches freuen. „Überzähliges bringen wir dahin“, erzählt Eberhard Knust, der seine Parzelle wie einen Bauerngarten mit vielen kleinen Beeten gestaltet hat. Zum Direktverzehr reicht er eine Blüte der Kapuzinerkresse. „Die können Sie ganz essen, schmeckt etwas scharf.“ Nebenan wächst Salbei. Knusts Tipp: Salbeiblätter zwischen hauchdünn gehobelte Kartoffelscheiben mit Eiweiß als Klebstoff pressen und dann frittieren. Gewürzt mit Salz, Pfeffer, Paprika oder Chili gebe das köstliche Chips. Sorgen bereitet dem 66-Jährigen der aus Süd-Ost-Asien stammende Buchsbaumzünsler. Die gelben Raupen vertilgen radikal die Blätter des immergrünen Strauchs, mit denen einige Kleingärtner ihre Beete eingefasst haben. „Die kann man nur von Hand absammeln oder man muss spritzen.“

Am Törchen von Alexander Elert ist unübersehbar, wofür der 56-Jährige ein Händchen hat: Wie gemalt ranken Weinreben mit vollen gelb-grünen Beeren an dem Rundbogen. 27 Zentimeter große blaue Träubel habe er schon gehabt und – selbstverständlich nur für den Eigenbedarf – sogar Wein daraus gemacht, berichtet er stolz. Danach ist der vom Schwarzen Meer mitgebrachte Rebstock leider eingegangen.

Früher im Rosenmontagszug dabei

Frank Altermann, der gerade seinen 75. Geburtstag feiern konnte, kommt auf den Kleingärtner-Nachwuchs zu sprechen. „Wir bemühen uns um junge Familien“, sagt er. Zum Teil wohnen die Pächter in anderen Kommunen. Etwa die Hälfte sind Aussiedler, viele aus Kasachstan.

Um dem Rechnung zu tragen, ist mit Jakob Justus im Frühjahr einer von ihnen zum Vorsitzenden gewählt worden. Eine Aufgabe des Vorstandes ist die Organisation der Gemeinschaftsarbeiten. Zum Beispiel steht ein Anstrich des Gerätehauses an, der Spielplatz soll eine Nestschaukel erhalten, der äußere Saum der Anlage, unter dem eine Ruhrgas-Pipeline liegt, wird mitgepflegt, weil das sonst niemand tut, und auf der akkurat gemähten „Festwiese“ soll eine Grillhütte gebaut werden.

Fest im Kalender des Vereins steht die städtische Aktion „Hennef schwingt den Besen“, bei der die Kleingärtner im weiteren Umfeld ihrer Kolonie ausschwärmen, um Abfall aufzusammeln. An anderer Stelle hat sich der Verein zurückgezogen. Weil sich immer weniger Freiwillige fanden, sind die Kleingärtner nicht mehr mit ihrem Grillstand (und ihren legendären Steaks) auf der Geistinger Altstadtkirmes vertreten, und 2007 gingen sie zum letzten Mal im Hennefer Rosenmontagszug mit.Glücklich schätzen sich die Laubenpieper, dass wieder ein Imker zu ihnen gestoßen ist, tragen dessen von Ittenbach nach Geistingen umgesiedelten Völker doch zur Blütenbestäubung bei.

Das Summen der Bienen wird allerdings von vorbeirauschenden Zügen übertönt – neben der Autobahn grenzt auch die Bahntrasse an, was die Kleingärtner nicht zu stören scheint. „Den Zug hören wir schon nicht mehr“, sagt Altermann, der selbst eine der Randparzellen beackert. Über seinen Teich hat er dicke Drähte gespannt. Die sollen Reiher davon abhalten, sich die Goldfische zu holen. Wenn das ab und zu trotzdem passiert, ist der Rentner aber nicht böse. Vor zehn Jahren hat er mit sechs Fischen angefangen, „bei der letzten »Volkszählung« waren es 48“.

In der ersten Folge unserer Serie stellten wir den „Verein der Gartenfreunde Lohmar“ vor. Den Bericht gibt es hier zum Nachlesen: