Der Bestseller-Autor der Gereon-Rath-Krimis las in der Hennefer Meys Fabrik und hielt ein Plädoyer für die Demokratie.
Vorlage für „Babylon-Berlin“Volker Kutscher erzählt in Hennef, wie er seine Erfolgsromane schreibt

Volker Kutscher im Dialog mit Dorothée Grütering, Vorsitzende des Fördervereins der Stadtbibliothek Hennef
Copyright: Dieter Krantz
Wie konnte es dazu kommen? Wie konnte der „endgültige Zivilisationsbruch“ in der damals noch jungen deutschen Demokratie Einzug halten? Das, so Volker Kutscher, sei seine Leitfrage von Beginn an gewesen.
Der Bestseller-Autor war der gemeinsamen Einladung des Fördervereins Stadtbibliothek Hennef und der Buchhandlung Am Markt gefolgt. Im Dialog mit der Fördervereins-Vorsitzenden Dorothée Grütering sprach er in der ausverkauften Meys Fabrik über seine Gereon-Rath-Romane, , die die Vorlage für die Erfolgsserie „Babylon-Berlin“ lieferten. Und er las drei Kapitel aus seinem jüngsten Buch „Rath“, die beispielhaft für die drei Hauptfiguren der Reihe stehen. Passagen, die zugleich zeigten, wo seine Erzählung im abschließenden Band historisch angekommen ist: Bei jenem endgültigen Zivilisationsbruch, den Kutscher an der Reichpogromnacht im November 1938 festmacht und deren Vorboten er in der heute kaum noch bekannten ersten Deportation deutscher Juden, der sogenannten Polenaktion, erkennt.
Volker Kutscher recherchierte im Wohnhaus von Konrad Adenauer in Bad Honnef-Rhöndorf
Das zynisch lange als „Reichskristallnacht“ bekannte Geschehen habe jüdischen Menschen deutlicher denn zuvor gezeigt: „Hier geht es uns an den Kragen, hier geht es nicht nur um Herabwürdigung, sondern um Mord und Totschlag.“ Ein Zitat von Hannah Arendt, das Volker Kutscher seinem letzten Romanteil vorweg gestellt hat, ist ihm so wichtig, dass er es auch vor dem Hennefer Publikum wiederholt: „Das persönliche Problem war doch nicht, was unsere Feinde taten, sondern was unsere Freunde taten.“ Denn, wie Kutscher über diese Nacht und die darauf folgenden Tage erzählt, es ließen auch viele vermeintliche Freunde oder Nachbarn ihre Masken fallen, versagten ihre Hilfe, beteiligten sich gar an den Gräueltaten.
„In jedem Ihrer Bände wird zugleich ein Kriminalfall gelöst“. Dorothée Grütering fragt nach, wie der Autor diese Balance halten könne zwischen Dokumentation und Fiktion. Volker Kutscher antwortet sehr klar: „Alles was meine Personen sagen und tun ist fiktiv“. Auch wenn seine Personen, wie im jüngsten und letzten Teil der zehn „Gereon Rath“-Romane, mit real existierenden Personen wie Konrad Adenauer sprechen.
Gleichwohl will er den „Wahrheiten möglichst nahe kommen“ und recherchiert akribisch, bis in kleinste Details. Für die Szene mit Adenauer im Familienkreis etwa las er das Erinnerungsbüchlein von Libet Werhahn, der jüngsten Tochter Adenauers. Er reiste nach Rhöndorf und ließ sich von den „sehr hilfsbereiten“ Mitarbeitenden der Stiftung den Vorkriegszustand des Hauses erläutern.
Auftritt in Hennef: Volker Kutscher warnt vor Möglichkeiten der KI
„Haben Sie eine Lieblingsperson?“, spricht die Moderatorin den Hauptfiguren-Wechsel Kutschers in den beiden letzten Bänden an. Doch der Autor, der sich seit seinen ersten Recherchen zu Band 1 seit mehr als 20 Jahren mit dem „Rath-Kosmos“ beschäftigt, weist das ein wenig zurück. „Wie alle gute Eltern habe ich keine Lieblinge“, scherzt er. „Ich mag auch meine Bösewichte, die haben alle einen guten Kern und eine Geschichte“, verteidigt er selbst seine wohl dunkelste Romanfigur Obersturmbannführer Sebastian Tornow, dessen tragisches Jugendereignis in einem früheren Band zur Sprache gekommen war. Und für Kutscher, das unterstreicht er noch einmal am Ende seiner Lesung, war eben genau wichtig, „nachzuspüren, wie es damals gelaufen ist“.
Bedeutung für das Erstarken des Unrechtsregimes hatte die Propaganda, damals vor allem über das Radio. Sorge macht Kutscher im Vergleich die heutige Situation: „Es wird immer schwieriger, die Wahrheit von Bullshit zu unterscheiden“, warnt er vor den Möglichkeiten von Social Media und Künstlicher Intelligenz. „Seriöse Medien brauchen wir als Demokratie, und Menschen, die seriösen Journalismus konsumieren.“
Als er vor zwei Jahrzehnten mit dem ersten Rath-Band „Der nasse Fisch“ angefangen habe, „hätte ich mir nicht träumen lassen, dass die stabile bundesdeutsche Demokratie in Gefahr geraten könnte.“ Damals habe er einfach nur „gegen die Selbstgerechtheit“ nachkommender Generationen anschreiben wollen.
So ganz müssen Fans den „Rath-Kosmos“ noch nicht verlassen. Mit der Illustratorin Kat Menschik veröffentlicht er noch in diesem Jahr „Westend“ im Verlag Galiani; eine Sammlung von Rath-Kurzgeschichten soll danach folgen.