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Sensationell ins PokalfinaleArminia Bielefeld wirft Titelverteidiger raus - Bayer Leverkusen blamiert sich

Lesezeit 4 Minuten
Der große Außenseiter Bielefeld begeisterte erneut.

Der große Außenseiter Bielefeld begeisterte erneut.

Bielefeld schlägt im DFB-Pokal auch Doublesieger Leverkusen. Erstmals seit 2001 steht wieder ein Drittligist im Endspiel. Bayer droht eine titellose Saison.

Um kurz nach 2.30 Uhr in der Nacht auf Dienstag knallte und blitzte es vor dem Teamhotel von Bayer 04 Leverkusen. Unweit des Mercure Johannisberg jagten Unbekannte von einem Parkplatz aus Feuerwerkskörper in den Bielefelder Nachthimmel. Die Polizei konnte die Täter nicht ermitteln.

Doch es ist schwer davon auszugehen, dass es Personen waren, die es mit Arminia Bielefeld halten und dem Gegner ihrer Mannschaft im Halbfinale des DFB-Pokals den Schlaf rauben wollten – was auch kurzzeitig gelang. Inwieweit dieses mittlerweile in Fankreisen weitverbreitete Mittel der Einflussnahme auf ein Fußballspiel dem krassen Außenseiter half, ist freilich nicht messbar. Fest steht: Der Drittligist schaffte gegen einen schläfrig und peinlich auftretenden Meister und Pokalsieger die Sensation und zog durch ein verdientes 2:1 ins Pokalfinale ein. Leverkusen blamierte sich und schenkte eine große Möglichkeit auf den nächsten Titel sorglos her. Es ist die größte Niederlage für Bayers Trainer Xabi Alonso.

Gemeinsam liefen viele Bielefelder Fans zum Stadion und stimmten sich ein.

Gemeinsam liefen viele Bielefelder Fans zum Stadion und stimmten sich ein.

Der Spanier setzte im Gegensatz zum 3:1-Erfolg in der Bundesliga am Freitag gegen den VfL Bochum auf den kämpferisch stärkeren Robert Andrich im Vergleich zum etwas spielstärkeren Aleix Garcia. Und im Sturm musste Victor Boniface zunächst auf die Bank, dafür begann Amine Adli. Im Tor setzte Alonso weiter auf Kapitän Lukas Hradecky, ein weiteres Zeichen für den bevorstehenden Abschied von Matej Kovar im kommenden Transferfenster.

Auch in der mit 26.601 Zuschauern ausverkauften Schüco-Arena auf der Alm versuchten alle Bielefelder Beteiligten schon vor dem Anpfiff Vorteile für ihre Mannschaft zu erhaschen. Die Unternehmungen reichten vom unsanften Empfang des Leverkusener Mannschaftsbusses bis zur Motivationsrede des Capos der Ultras über die Stadionmikrofone. Die Maßnahme, die wohl aber am meisten bewirkte, war, den Rasen nicht zu bewässern. Bayer, das sonst nur Top-Untergrund gewohnt ist, hatte sichtlich Probleme, sich an den trockenen, unebenen Rasen anzupassen. Bälle versprangen, Pässe kamen nicht an. Deshalb verwunderte es nicht, dass die ersten beiden Chancen aus Eckstößen entstanden. Beim ersten Versuch köpfte Tah noch über das Tor, wenige Minuten später vollendete der Abwehrchef eine Kopfballverlängerung von Adli mit dem Fuß zum 1:0 (17.) über die Linie. Alonso jubelte exzessiv, er wusste, welche Bedeutung dieses Tor haben konnte. Doch mit dem, was kam, rechnete er sicher nicht.

Etwas mehr als eine halbe Stunde später dröhnte zur Pause ein lautstarkes „Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin“, durch die Arena – vorgetragen von Tausenden Bielefelder Kehlen. Bayer machte nach der Führung alles falsch, was es falsch machen konnte. Jeremie Frimpong ließ sich nur drei Minuten nach dem Tah-Treffer von einem fantastischen langen Ball von Leon Schneider überraschen. Die anschließende Flanke verteidigte Piero Hincapie nicht mit Nachdruck – er wurde allerdings auch von Noah Sarenren Bazee hart gestoppt. Schiedsrichter Harm Osmers und auch Videoassistent Johanm Pfeifer hatten aber keine Einwände, also hatte das 1:1 durch Marius Wörl Bestand.

Hincapie völlig von der Rolle

Wieder nur wenige Minuten später hatte Sarenren Bazee die riesige Chance auf den Bielefelder Führungstreffer, nachdem er sich erneut gegen den völlig indisponierten Hincapie durchgesetzt hatte. Doch dem pfeilschnellen Arminia-Angreifer versagten freistehend vor Hradecky die Nerven. Leverkusen, das weiter ohne seinen am Sprunggelenk verletzten Superstar Florian Wirtz auskommen musste, war nun komplett selbstverschuldet in einem Spiel gefangen, vor dem vorher alle bei der Werkself gewarnt hatten. Der Underdog wuchs von Minute zu Minute mehr und mehr über sich hinaus, gewann an Selbstsicherheit. Und der Doublesieger ließ von Minute zu Minute mehr an allem vermissen – Zweikampfhärte, spielerische Klasse, Mentalität.

Die Krönung war ein völlig unnötiges Foulspiel von Andrich in der Nachspielzeit der ersten Hälfte. Die folgende Flanke verwertete am langen Pfosten Maximilian Großer artistisch – wieder zog Hincapie im Zweikampf den Kürzeren. Die Alm kochte zum Pausenpfiff. Hincapie setzte seine Fauxpas-Serie nach dem Seitenwechsel fort. Er warf in einer Spielunterbrechung den Ball an den Hinterkopf von Sarenren Bazee und hatte großes Glück, dass er mit der Gelben Karte davonkam. Die bitterste Erkenntnis aus Sicht der Gäste: Der Drittligist war mittlerweile dem Champions-League-Achtelfinalisten in allen Belangen – vor allem auch spielerisch – überlegen und war deutlich näher am 3:1 als Leverkusen am Ausgleich. Joel Grodowski musste nach einem ganz simplen, strukturierten Angriff auch dieses Tor machen, schob den Ball aber am Pfosten vorbei (69.).

Die Werkself spielte nun schon seit Ende der ersten Hälfte keinen einzigen Abstoß mehr flach aus, sondern schlug den Ball einfach nach vorn. Bezeichnend. Erst in der Schlussphase kam auch Bayer wieder zu Gelegenheiten. Ein Kopfball von Patrik Schick landete am Außenpfosten. Nach sechs Minuten Nachspielzeit stand der absolut verdiente Sieg fest. Einige Fans stürmten den Platz. Alle Arminen gingen in eine schlaflose Nacht. Die nächste soll am 24. Mai im Finale in Berlin folgen. Der Gegner wird am Mittwoch zwischen dem VfB Stuttgart und RB Leipzig ermittelt. Für Leverkusen wird dieser Abend in Bielefeld als Schmach in die Geschichte eingehen. Erstmals seit dem 1. FC Union Berlin 2001 steht wieder ein drittklassiger Club im Finale.