Null Punkte, -114 Tore, schlechtester Club der ersten fünf Ligen Deutschlands: Oberligist Rostocker FC ist in die Investorenfalle getappt und möchte absteigen. Der Club ist längst kein Einzelfall.
Rostock, Straelen, UerdingenBei Abstieg Party: Amateurfußball als Investoren-Spielball

Hier ist nur der Torwart im Tor: Doch der Rostocker FC kassierte bereits über 100 Gegentore.
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Henry Karper steigt erst einmal vom Rad. Er braucht etwas mehr Luft für die Geschichte. „Am Ende ging das schneller zu Ende, als man gucken konnte. Das war ein herber Schlag“, sagt der Vorsitzende des Rostocker FC. Karper redet vom einstigen Investor, der 2020 mit großen Ambitionen kam und den Club von der Ostsee am Ende fast die Identität gekostet hätte. Dabei ist der RFC nur ein typisches Beispiel vom Treiben im Unterbau des Profi-Fußballs.
Derzeit kickt der Verein unfreiwillig in der Oberliga NOFV-Nord. Mit null Punkten und einer Tordifferenz von -114 ist Rostock der schlechteste Club der ersten fünf deutschen Ligen. Vergangenen Samstag gab es ein 1:7 beim Berliner AK, die ganze Saison ist sozusagen nur die Vorbereitung auf die Verbandsliga. Zum Thema Investoren sagt Karper rückblickend: „Grundsätzlich bin ich nicht dagegen. Aber hier gab es nichts Nachhaltiges.“
Identität gegen Erfolg getauscht
Mitten in der Corona-Pandemie gewann man in Rostock Richard Kings Atikpo für sich, der daheim in Ghana wohl viel Geld mit Öl verdiente. Warum er sich ausgerechnet beim Oberliga-Aufsteiger engagierte, darüber rätselt Karper noch heute. „Seine Intention war die Regionalliga, weil er der Meinung war, da kann man Geld verdienen“, sagt der Funktionär. „Dass das nicht der Fall ist, hat ihm wohl keiner gesagt.“

Henry Karper spendiert der Mannschaft nach der Saison eine Abstiegs-Party.
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In Rostock tauschte man Mannschaft und Trainer aus, stellte auf Profi-Training um, verprellte langjährige Sponsoren und hoffnungsvolle Nachwuchsspieler, die Fans wandten sich ab. Erfolgreich war der Club dennoch. Den Regionalliga-Aufstieg verpasste man knapp, dafür gewann man den Landespokal und nahm erstmals am DFB-Pokal teil.
Pokal-Einnahmen retten
„Für den Verein war der Landespokalsieg ein richtig starker Titel“, sagte Karper, der zu Investorenzeiten noch kein Vorsitzender war. „Ich persönlich bin nicht stolz darauf. Im Endeffekt war das ein gekauftes Ding. Aber das ist nur meine altmodische Fußball-Vorstellung.“

Christian Blanck ist Trainer des Rostocker FC.
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Als man im August 2023 auf Heidenheim traf, war der Investor aufgrund einer Schuldenkrise in Ghana weg - die Pokal-Einnahmen retteten den Club. Die teuren Spieler gingen, man stieg sportlich aus der Oberliga ab. Weil es aber nicht genügend Aufsteiger gab, musste der Club bleiben - und freut sich jetzt einfach nur auf den nahen Abstieg. „Da wird es eine riesen Party geben, die haben sich die Jungs verdient“, sagt Karper. Die Stimmung sei mittlerweile so, dass „uns das auch nicht peinlich ist.“
Nächster Rückzug: Türkspor Dortmund
Der RFC ist noch einmal davongekommen, ist knapp in den schwarzen Zahlen. Ein Kraftakt, wie es Karper nennt, der viele alte Sponsoren nicht zurückgewinnen konnte. Der Club ist eines der wenigen Glück-gehabt-Beispiele, denn in der Regel geht es mit Mäzenen oder Investoren in den Ober- und Regionalliga anders zu Ende. Die jüngsten bundesweit bekannten Beispiele um den offenbar vor der Insolvenz stehenden KFC Uerdingen oder Türkgücü München sind nur die Spitze des Eisbergs.
Ein beispielhafter Blick in die Regionalliga West: Dort zog sich Türkspor Dortmund Mitte März zurück. Der vor acht Jahren in der Kreisliga B dank Mäzen begonnene Aufstieg endete völlig abrupt. „Der Verein ist sehr, sehr weit von einer Insolvenz entfernt“, betonte Türkspors Geschäftsstellenleiter Seyhan Adigüzel den „Ruhr Nachrichten“. Allerdings sei jeder Spieltag ein Minusgeschäft gewesen. Trotzdem will man in der Oberliga einen neuen Anlauf wagen.
Große Ansagen in Hohkeppel
Oft haben solche Clubs so lange Erfolg, wie Investoren oder Mäzene Geld und Lust oder beides haben. Auf Nachhaltigkeit ist der Erfolg selten ausgelegt. Nachwuchsarbeit und Infrastruktur bleiben meistens auf der Strecke, die Bedeutung der Vereine kann überhaupt nicht mit der sportlichen Entwicklung mithalten. Eine Refinanzierung ist ohnehin erst in der 2. Bundesliga möglich, wenn hohe TV-Gelder fließen. Es braucht einen langen Atem.
Ein paar Plätze über Türkspor steht in der Tabelle der SV Eintracht Hohkeppel. 2014 kickte man noch in der Kreisliga A, zehn Jahre später sollte auch die Regionalliga nur eine Durchgangsstation sein. „Für uns hat sich nur die Liga geändert. Das Ziel bleibt gleich: Wir wollen wieder aufsteigen, diesmal in die 3. Liga“, sagte Sportdirektor Kevin Theißen vor der Saison zu „Reviersport“.
Stars geheuert und gefeuert
Mit ehemaligen Bundesliga-Profis wie Richard Sukuta-Pasu und dem Geld des seit 40 Jahren zum Verein gehörenden Investors Hakan Ekmen sollte das gelingen. Lief aber nicht so. Und so warf man Anfang Oktober 2024 sechs Spieler, darunter Sukuta-Pasu, kurzerhand wieder raus.

Richard Sukuta-Pasu (l.), hier im Trikot des SV Meppen, war nur wenige Monate bei Hohkeppel.
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Der Aufstieg ist nicht mal mehr rechnerisch möglich und man dürfte froh sein, wenn man die Klasse hält. Heißt aber nur, dass man das dann eben nächste Saison schaffen will. Gespielt wird übrigens im 80 Kilometer entfernten Düren, das eigene Achim Lammers Waldstadion ist noch untauglich für die Regionalliga.
Der dort beheimatete 1. FC Düren meldete übrigens Ende der vergangenen Woche Insolvenz an - der Präsident, der inzwischen als Landrat des Kreises suspendiert ist, weist vehement den Verdacht zurück, in einen Schleuserskandal verwickelt zu sein. Die Behauptung, der Vereinschef habe in irgendeiner Form profitiert, bezeichnete dessen Anwalt als Verfolgungslyrik der Staatsanwaltschaft.
Straelen nach Ära Tecklenburg zurück im Kreis
Mäzen weg, Club weg. Das galt auch für den SV Straelen. Unterstützt vom bereits 1978 eingestiegenen Bauunternehmer Hermann Tecklenburg, hielt sich der Verein lange im Bereich Verbandsliga, Oberliga, Regionalliga auf. Nach Insolvenz und Rückzug Tecklenburgs ist man wie der da, wo man jahrzehntelang vor dessen Einstieg war: zurück auf der Kreisebene. Mitte März wurde übrigens eine Anklage gegen Tecklenburg wegen angeblicher Schwarzgeldzahlungen zugelassen.
Er sehe der Sache gelassen entgegen, sagte Tecklenburg der „Rheinischen Post“. „An den Vorwürfen wird schon was dran sein“, räumte er ein und fügte hinzu: „Zahlen kann ich nix – ich bin ja pleite. Bei mir ist nichts mehr zu holen.“

Hermann Tecklenburg finanzierte den SV Stralen über Jahrzehnte.
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Einem großen Regelwerk muss ein Investor nicht folgen, steigt er im Amateurfußball ein. „Man muss nur eine Regelung finden, dass das Spielrecht beim eingetragenen Verein bleibt“, sagt Karper. Mit seinem Rostocker FC möchte er auf Dauer gern zurück in die Oberliga. Wie früher mit Spielern aus dem eigenen Nachwuchs: „Und definitiv ohne Investor.“ (dpa)