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Kinderrechte-WorkshopsDamit Kölner Pänz sicher Karneval feiern können

Lesezeit 5 Minuten
Auf der Illustration von Dorothee Wolters sind drei Kinder zu sehen, eines ist als Clown verkleidet und trägt eine Trommel, zwei Mädchen tragen ein Harlekin-Kleid.

Alle Kinder sollten Karneval feiern können, lautet ein„ Zartbitter-Kinderrecht“.

Die Fachberatungsstelle „Zartbitter e.V.“ hilft Grundschulkindern, fröhlich und geschützt durch die jecke Zeit zu kommen.  

Kein Bützchen auf Kommando, kein Kostümzwang, keine Erwachsenen, die Kinder beim Rosenmontagszug zur Seite drängen und ihnen die Kamelle wegschnappen – Übergriffe sind tabu, Kinderrechte gelten immer, auch in der jecken Zeit. Darauf hat „Zartbitter e.V.“ im vergangenen Jahr mit der „Pänzrechte im Karneval“-Kampagne aufmerksam gemacht, die bundesweit auf große Resonanz gestoßen ist.

Gemeinsam mit Kinder-, Jugendtanzgruppen und dem Kölner Festkomitee entwickelte das Team der Kölner Fachberatungsstelle gegen sexuelle Übergriffe dafür einen Kinderrechte-Pass für den Karneval, gestaltete Broschüren dazu und versandte 75.000 Exemplare an Kölner Schulen. Deren Kernbotschaft: Alle Kinder haben das Recht, Karneval zu feiern, sich dabei sicher, geschützt und respektvoll behandelt zu fühlen.

Lebensnah und fröhlich statt drüsch und abstrakt

Ähnlich lebensfroh gestalten sich die Präventionsworkshops, die das „Zartbitter“-Team quasi als Staffel Zwei der erfolgreichen Kampagne für Grundschulkinder der dritten und vierten Klassen konzipiert hat. Seit Januar haben bereits fünf Kölner Schulen daran teilgenommen. „Kinderrechte, allein das Wort klingt etwas drüsch und wird Kindern manchmal trocken und abstrakt vermittelt. Deshalb ist es uns wichtig, dass die Kinder ihre persönlichen Rechte spielerisch kennenlernen. Sie sollen feiern, dass es diese tollen Rechte gibt und dazu ermutigt werden, sich für sie einzusetzen, lernen, sie auch anderen zuzubilligen und sich gegenseitig darüber zu informieren. Was eignet sich dafür besser als das tolle Fest Karneval?“, sagt Eckhard Pieper vom „Zartbitter“-Team.

Der Diplom-Psychologe, der vielen Kölnern als „Köbes Underground“-Frontmann bekannt ist, erklärt, wie die jeweils dreistündigen Workshops ein respektvolles Feiern vermitteln – und Handlungssicherheit, falls dem nicht so ist: Im ersten Teil des Präventionsangebots ruft das jeweils dreiköpfige „Zartbitter“-Team die im „Pänzrechte-Pass“ aufgelisteten – und von der Kölner Illustratorin Dorothee Wolters kindgerecht und liebevoll gestalteten – persönlichen Kinderrechte im Karneval in Erinnerung, tauscht sich gemeinsam mit der Klasse darüber aus und formuliert eventuell neue Rechte, die den Schülerinnen und Schülern persönlich und für ihre Klassengemeinschaft wichtig sind.

Jedes Kind soll sich verkleiden dürfen

Zu den Kinderrechten an Karneval zählt etwa das Recht darauf, dass alle mitfeiern dürfen, das Recht am eigenen Bild oder das Recht, dass sich jedes Kind verkleiden darf. „Das klingt selbstverständlich, aber es gibt Eltern, die aufgrund ihrer kulturellen Herkunft keinen Bezug zum Karneval haben, oder so wenig karnevalsbegeistert sind, dass sie ihren Kindern dieses Recht verwehren“, erklärt Zartbitter-Leiterin Ursula Enders.

Alle Kinder sollen Karneval feiern und sich verkleiden dürfen, lauten zwei Kinderrechte im Karneval.

In der anschließenden Kreativwerkstatt haben betroffene Kinder beispielsweise die Chance, mit wenigen Requisiten Verkleidungen zu basteln, und zu erleben, dass schon allein eine Clownsnase, eine Maske oder ein Haarreifen große Wirkung haben kann. „Es wäre toll, wenn alle Schulen und Einrichtungen der Jugendhilfe Kindern, in deren Elternhäusern man sich nicht verkleidet, solche Minimalverkleidungen zur Verfügung stellen, damit wirklich alle mitfeiern können und das Kinderrecht auf Teilhabe eingelöst wird“, sagt Enders.

Es wäre doch wunderbar, wenn beim nächsten Schull- und Veedelszoch das Motto Kinderrechte ein großes Thema wäre
Eckhard Pieper, Diplom-Psychologe im „Zartbitter“-Team

Nachdem sich die Klasse darauf geeinigt hat, welche maximal zehn Rechte ihr am wichtigsten sind, können sich die Kinder entscheiden, auf welche kreative Art und Weise sie diese Rechte am Ende des Workshops präsentieren möchten – als Tanz, Text, Song, Collage, Theaterstück, akrobatische Einlage oder Kostüm – und verteilen sich auf die entsprechenden Arbeitsgruppen. „Wir möchten die Schülerinnen und Schüler dazu motivieren, die Karnevalsfeiern und -Motti an ihrer Schule oder im Veedel mitzugestalten, dort die Kinderrechte zu präsentieren, indem sie zum Beispiel einen Kinderrechte-Song singen, eine akrobatische Pyramide vorführen oder eine Büttenrede halten. Es wäre doch wunderbar, wenn beim nächsten Schull- und Veedelszoch das Motto Kinderrechte Thema wäre“, sagt Pieper.

Kinderrechte-Sandwiches und das Recht, petzen zu dürfen

Dafür würden sich auch die, bei den Schülerinnen und Schülern als sehr beliebt erwiesenen, „Sandwiches“ eignen, also Plakate mit bestimmten Botschaften, die vorne und hinten am Körper getragen werden und das Kind wie ein Sandwich einrahmen. Eckhard Pieper kommt auf einen weiteren Aspekt zu sprechen, der neben Spaß am fairen Feiern auch Thema der Workshops ist: Grundschulkindern ein Handlungsrepertoire zur Verfügung zu stellen, dass sie vor Grenzverletzungen und Übergriffen in der Schule, auf der Straße oder im Park schützt.

Wir beobachten in der Praxis häufig, dass übergriffige Klassenkameraden im Anschluss an solche Selbstbehauptungstrainings die erlernten Methoden nutzen, um betroffene Kinder erneut zu unterwerfen, nicht selten mit noch massiverer Gewalt
Ursula Enders, Leiterin der Fachberatungsstelle„ Zartbitter e.V.“

Pieper: „Damit sind keine, leider häufig vermittelten, körperlichen Selbstbehauptungstechniken gemeint, die Kinder in die Lage versetzen sollen, sich in grenzverletzenden Situationen körperlich zur Wehr zu setzen.“ Diese würden in nicht wenigen Klassen die Gewaltdynamik verstärken. „Wir beobachten in der Praxis häufig, dass übergriffige Klassenkameraden im Anschluss an solche Trainings die erlernten Methoden nutzen, um betroffene Kinder erneut zu unterwerfen, nicht selten mit noch massiverer Gewalt“, sagt Enders.

Problematische Stopp-Regeln

Auch die dabei häufig angewandten, einfachen Stopp- oder Nein-Regeln würden nicht zum Ziel führen. Im Fall einer Grenzüberschreitung sollen demnach Kinder zweimal laut „Nein, ich möchte das nicht!“ oder „Stopp“ sagen, bevor sie sich mit dem Hinweis „Ich hole jetzt Hilfe“ an Erwachsene wenden dürfen. „Während unseren Workshops und auch in der Beratungsstelle erleben wir immer wieder, dass daraus neue Konflikte entstehen. Oft kommt es zu Diskussionen und Rechtfertigungen der übergriffigen Kinder, dass das betroffene Kind gar nicht, nicht laut genug oder missverständlich Nein gesagt, die Stoppregel also falsch angewandt hätte“, sagt Pieper.

Auf der Illustration von Dorothee Wolters ist ein Kind zu sehen, das als Biene verkleidet auf der Toilette sitzt, zwei andere Kinder filmen es heimlich unter der Tür hindurch.

„Niemand darf ein Kind auf der Toilette heimlich filmen!“ lautet ein Lieblingskinderrecht der Kölner Grundschulkinder.

Ähnlich problematisch wie die Tatsache, dass diese Methode impliziere, dass ein Kind mehrfach Übergriffe erleben muss, bevor es sich Hilfe holen darf, sei die pauschal postulierte Devise „Gewalt ist keine Lösung“.

„Die Grundidee halten wir natürlich für richtig, aber es gibt eine Ausnahme, nämlich Notwehr. Bei sexuell übergriffigen oder anderweitig gewalttätigen Angriffen muss es Kindern doch erlaubt sein, sich zur Wehr zu setzten und sofort Hilfe zu holen. Schließlich sind nicht Kinder, sondern wir Erwachsenen für ihren Schutz verantwortlich“, sagt Pieper.

Jedes Kind sagt anders Nein

Statt einfache Nein-Regeln zu trainieren, geht es in den „Zartbitter“-Workshops deshalb auch darum, die Grundschülerinnen und -schüler dafür zu sensibilisieren, die unterschiedlichen Neins der anderen Kinder zu respektieren. Mit Blicken, Gesten, indem es wegläuft, die Arme verschränkt, erstarrt oder aktiven körperlichen Widerstand leistet – jedes Kind hat seine eigene Art, „Nein!“ zu sagen. Wie die Jecken eben, die sind auch sehr verschieden.