Abo

Überregulierung oder Kontrolldefizit?Burmesters „Ballermannisierungs“-Vorstoß wird in Köln kontrovers diskutiert

4 min
Jugendkultur oder „Ballermannisierung“? Jecke feiern am 11.11. auf der Zülpicher Straße in Köln.

Jugendkultur oder „Ballermannisierung“? Jecke feiern am 11.11. auf der Zülpicher Straße in Köln. 

Kulturmanager Jan Krauthäuser findet es falsch, „positive Phänomene“ wie die jugendliche Feierkultur als „Ballermannisierung“ zu bekämpfen. 

Oberbürgermeister Torsten Burmester (SPD) hat mit seiner Aussage, Köln vor einer zunehmenden „Ballermannisierung“ bewahren zu wollen, eine kontroverse Diskussion in der Stadt ausgelöst. Die Begrifflichkeit in der Sache ist nicht neu, das Problem genauso wenig, damit haben sich auch schon Burmesters Vorgänger befasst und keine zufriedenstellenden Lösungen gefunden.

Was genau der OB meint, wenn er jetzt gegenüber der Deutschen Presse-Agentur von „klaren Regeln“ und „gezielten Kontrollaktionen“ spricht und dabei nicht eine „flächendeckende Überwachung, sondern eine höhere Akzeptanz der Regeln in der Bevölkerung“ will, ließ er auf Nachfrage offen. Ein Sprecher verwies auf die kommende Woche, dann will die Stadt ihre Pläne für Karneval bekannt geben. 

„Das Ding“-Chefin spricht von „hohlen Phrasen“

Claudia Wecker, Betreiberin des Studentenclubs „Das Ding“ am Hohenstaufenring, reagiert via Instagram auf Burmesters Aussagen: „Wird es jemals eine Person in Verantwortung geben, welche aufhört, diese hohlen Phrasen zu dreschen?“ Sie wünscht sich jemanden, der „eine vernünftige Lösung der gesamten Ballermann-Problematik an der Wurzel packt“ und „vernünftige Angebote für die jungen Leute schafft“. Wenn man junge Menschen auf der Straße abstelle oder wie Schafe auf einer Wiese parke, machten die nun mal „sicher nicht brav Mäh“.

Alles zum Thema Alter Markt

Weckers Vorwurf an die Stadt: „Kein Angebot. Kein Verständnis. Nur leere Worte und Zäune.“ An junge Feiernde richtete die Clubchefin den Appell: „Geht vernünftig feiern. Kennt euer Limit. Passt gut aufeinander auf und lasst nicht zu, dass die Verantwortlichen ihre unverantwortliche Unfähigkeit, etwas Vernünftiges auf die Beine zu stellen, dazu nutzen, euch als Sauftouristen zu diffamieren.“

Wird es jemals eine Person in Verantwortung geben, welche aufhört, diese hohlen Phrasen zu dreschen?
Claudia Wecker, Betreiberin des Studentenclubs „Das Ding“

Burmester hatte gesagt: „Es ist etwas Schönes, wenn Menschen nach Köln kommen, weil sie das Feiern hier schätzen.“ Die Stadt sei stolz auf ihre Geselligkeit. Vor dem Hintergrund von Großereignissen wie Silvester und Karneval, zu denen zahlreiche Feiernde gezielt von außerhalb anreisten, fügte der OB an: „Dass wir das nicht in die Ballermannisierung laufen lassen dürfen, ist aber auch klar. Es gibt kein Recht darauf, hier Dinge zu tun, die man in der eigenen Heimatstadt nicht tun dürfte.“ Ziel müsse es sein, Feiern zu ermöglichen, ohne dass Sicherheit, Sauberkeit und Rücksichtnahme verloren gingen. Die Stadt setze deshalb auf klare Regeln und auch gezielte Kontrollaktionen.

Kulturmanager Krauthäuser: Mehr Raum und Mitsprache für Jugendliche in Köln

„Köln muss sein kulturelles Potential besser nutzen, anstatt sich nur über negative Auswüchse aufzuregen. Positive Phänomene wie die jugendliche Feierkultur sollte man zum Beispiel nicht als Ballermannisierung bekämpfen, sondern mehr Raum und Mitsprache anbieten“, sagt Kulturmanager Jan Krauthäuser. Er richtet seit den 1990er Jahren die Humba-Party aus, mit der er die kulturelle Vielfalt Kölns in den Karneval einbringen will. Natürlich gebe es Auswüchse des Feierns, die eine Stadt nicht hinnehmen sollte – Aggression, Vermüllung oder „rücksichtslose Kommerzialisierung“. In der Vergangenheit sei allerdings „die Entwicklung der Feierkultur durch angstbesetztes Überregulieren verhindert worden“, meint Krauthäuser.

Köln muss sein kulturelles Potential besser nutzen, anstatt sich nur über negative Auswüchse aufzuregen.
Jan Krauthäuser, Kulturmanager

So habe der Runde Tisch Straßenkarneval Konzepte für die Entzerrung und Rekultivierung des Straßenkarnevals entwickelt, „die von der Stadtverwaltung einerseits begrüßt, dann aber leider nie umgesetzt wurden“. Was es brauche, sei eine Kultur-Politik, „die sich um die Feierkultur in der Stadt kümmert und Orte aktiv bespielt – anstatt den Job nur an die Sicherheits- und Ordnungsinstanzen zu delegieren“.

Bürgergemeinschaft Altstadt: „Kontrolldefizit“ in Köln

Joachim A. Groth, Vorsitzender der Bürgergemeinschaft Altstadt, sieht dagegen „ein Kontrolldefizit“. Zwar gebe es „diverse ordnungsrechtliche Vorschriften, man muss allerdings die Bereitschaft entwickeln, diese auch umzusetzen“. Die wichtigste Frage für ihn sei, welche Vision die Stadt habe: „Wohin will sie? Welches Leitbild dient den Entscheidern in Politik und Verwaltung?“

Groth verweist auf den Dom als weltbekanntes Symbol und Welterbestätte und die Kölner Via Culturalis mit zwölf romanischen  Kirchen und vielen anderen Kulturgütern. „Wer dieses historische Erbe endlich als einmaliges Geschenk begreift, entwickelt auch eine andere Haltung zu seiner Stadt.“ Nur so könnten Probleme wie die von Burmester so genannte Verballermannisierung erfolgreich bekämpft werden.

Eine Feierkultur im ursprünglichen Sinne gebe es längst nicht mehr, sagt Groth. In den 1990er Jahren sei der Karneval in der Altstadt noch ein Fest für die Kölner gewesen. Heute dagegen sei er „ein international vermarktetes Event, das das gesamte Viertel verändert hat“. Zwei Dutzend Kioske zwischen Hohe Straße und Rheinufer, diverse Massenveranstaltungen, Fast-Food-Betriebe und Airbnb-Wohnungen „haben die innerstädtische Sozialstruktur gefährdet“.

Nehme man die Drogenproblematik und die marode Infrastruktur hinzu, „kann eine Stadt, deren Herz immer noch auf dem römischen Stadtgrundriss schlägt, ihre eigentlichen Funktionen nicht mehr ausfüllen“, sagt Groth. „Es braucht eine klare Haltung – ein Bewusstsein für den Wert unserer Stadt.“