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„Heben die S-Bahn-Flotte auf neues Niveau“Fünf-Milliarden-Euro-Auftrag für Alstom – 90 neue Züge für die S-Bahn Köln

Lesezeit 6 Minuten
Neuer S-Bahnzug der Firma Alstom für die S-Bahn Köln. go.Rheinland und der VRR bestellen 90 Fahrzeuge.

So sieht der Entwurf des neuen S-Bahnzugs der Firma Alstom für die S-Bahn Köln aus, der ab 2029 zum Einsatz kommen soll. Insgesamt bestellen go.Rheinland und der Verkehrsverbund Rhein-Ruhr 90 Fahrzeuge. Visualisierung: Alstom/Advanced & Creative Design

Bis Ende 2032 soll die gesamte S-Bahn-Flotte ausgetauscht werden. Der Vertrag mit dem Zughersteller läuft einschließlich Wartung und Instandhaltung über 30 Jahre.

Die Verkehrsverbünde go.Rheinland und Rhein-Ruhr (VRR) haben den teuersten Auftrag zum Kauf neuer Züge ihrer Geschichte unterzeichnet. Für die S-Bahn Köln bestellen sie bis zu 90 neue S-Bahnzüge, die ab 2029 im gesamten Netz zum Einsatz kommen sollen. Ziel ist es, die gesamte Flotte nacheinander bis zum Fahrplanjahr 2033, das im Dezember 2032 beginnt, zum Einsatz zu bringen.

Den Wettbewerb um den Auftrag von rund fünf Milliarden Euro, der als bisher größter in der Geschichte der beiden Verbünde gilt, hat der Fahrzeughersteller Alstom Transport Deutschland GmbH gewonnen. Die Laufzeit des Vertrags liegt bei 30 Jahren.

Probebetrieb beginnt Mitte 2029

Das Unternehmen habe in einem mehrstufigen Verfahren das wirtschaftlichste Angebot abgegeben und sei während der über 30-jährigen Laufzeit auch für die Wartung und die Sicherstellung der täglichen Verfügbarkeit verantwortlich. Die ersten neuen S-Bahnen sollen ab Mitte 2029 in einem Probebetrieb auf die Strecken im Rheinland und im Ruhrgebiet gehen, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung von go.Rheinland und dem VRR.

„Wir haben ein komplett neu konstruiertes Fahrzeug in Auftrag gegeben, das abgestimmt auf die speziellen Bedürfnisse und Anforderungen in unserer Region ist. Damit heben wir die S-Bahn-Flotte auf ein neues Niveau und freuen uns schon heute auf den Einsatz der Alstom-Züge“, sagte go.Rheinland-Geschäftsführer Michael Vogel.

22.04.2024, Köln: Neues Zeitalter für die S-Bahn Köln: go.Rheinland, VRR und DB präsentieren preisgekrönte Fahrzeuge.

Bis zum Einsatz der neuen Alstom-Züge setzt DB Regio NRW auf runderneuerte Fahrzeuge, die zuvor im S-Bahnnetz Hannover fuhren.

Man setze neue Maßstäbe im Regionalverkehr, so VRR-Vorstandssprecher Oliver Wittke. „Die neuen Züge werden dazu beitragen, dass wir den Fahrgästen der S-Bahn im Rheinland mehr Qualität und einen stabilen Betrieb anbieten können. Die Fahrgäste profitieren von flexiblen Sitzlandschaften, Kundeninformation der neusten Generation, Toiletten, freiem WLAN und einem verbesserten Mobilfunkempfang.“

Das Kölner S-Bahnnetz umfasst die Linien S 6 von Essen über Düsseldorf bis Köln-Worringen, die zukünftige Linie S 10 von Köln-Nippes bis Köln-Dellbrück, die Linie S 11 von Düsseldorf Flughafen über Köln bis Bergisch Gladbach, die Linie S 12 von Horrem/Sindorf bis Au (Sieg), die zukünftige Linie S 13 von Troisdorf bis Bonn-Oberkassel, die Linie S 19 von Aachen/Düren bis Au (Sieg), die zukünftige Linie S 38 von Bedburg über Horrem nach Köln Messe/Deutz sowie die Linie S 68 von Langenfeld über Düsseldorf nach Wuppertal-Vohwinkel.

Neuer S-Bahnzug der Firma Alstom für die S-Bahn Köln. go.Rheinland und der VRR bestellen 90 Fahrzeuge.

Das Innenleben der neuen Züge soll sich variabel an die Nutzungsbedürfnisse anpassen. Visualisierung: Alstom/Advanced & Creative Design

In der Umstellungsphase bis Dezember 2032 wird die DB Regio AG alle Linien des S-Bahnnetzes fahren. Für die Zeit danach wird ein neues Vergabeverfahren vorbereitet.

Für das Fahrplanjahr 2032 sind rund 14,2 Millionen Zugkilometer im Netz der S-Bahn-Linien vorgesehen. Perspektivisch wird mit 20,1 Millionen Zugkilometern pro Jahr geplant. Dafür muss aber an verschiedenen Stellen im Bahnknoten Köln noch die Infrastruktur fertiggestellt werden. Dazu gehört auch die Erweiterung des Kölner Hauptbahnhofs und des Bahnhofs Köln Messe/Deutz um jeweils einen S-Bahnsteig mit zwei Gleisen.

Neu ist, dass beiden Verkehrsverbünde go.Rheinland und der VRR und deren Eigenbetriebe Besitzer der S-Bahnen sind und sie den Eisenbahnverkehrsunternehmen zur Verfügung stellen. Dieses Betreibermodell ist zuerst beim Rhein-Ruhr-Express angewandt worden.

Hersteller Alstom übernimmt Wartung und Instandhaltung

Die Wartung und Instandhaltung, für die Alstom verantwortlich ist, soll in Werkstätten im Großraum Köln vorgenommen werden. Dass der Fahrzeughersteller eine Einsatzgarantie für die S-Bahnflotte abgibt, war offenbar der ausschlaggebende Punkt, warum Alstom bei der Ausschreibung die Nase vorn hatte und im Gesamtpaket das wirtschaftlichste Angebot abgeben konnte. Mit dem Einsatz digitaler Technik sollen laut Alstom Fehler und Störungen vorausschauend behoben werden. Dadurch sollen die Ausfallzeiten minimiert und die Wartungskosten gesenkt werden.

Neuer S-Bahnzug der Firma Alstom für die S-Bahn Köln. go.Rheinland und der VRR bestellen 90 Fahrzeuge.

An jedem Einstieg der neuen S-Bahnen werden die Linie und das Fahrtziel angezeigt. Visualisierung: Alstom/Advanced & Creative Design.

Alstom werde „komfortable und innovative Züge mit einem starken Fokus auf die Barrierefreiheit auf die Schiene bringen. Es freut uns ganz besonders, dass go.Rheinland und der Verkehrsverbund Rhein-Ruhr uns nicht nur mit der Lieferung der Fahrzeuge, sondern auch mit der Wartung über deren gesamten Lebenszyklus betraut haben“, sagte Müslüm Yakisan, Deutschland-Chef des Zugherstellers.

Die größte Herausforderung bei der Konzeption der neuen Fahrzeuge sei gewesen, die unterschiedlichen Bedürfnisse der Fahrgäste in Einklang zu bringen und gleichzeitig einen stabilen Betrieb zu gewährleisten.

„Im Durchschnitt verbringt ein Fahrgast etwa 25 Minuten pro Fahrt in der S-Bahn. Dahinter verbergen sich aber gleichermaßen kurze Fahrten in der Innenstadt und lange Reisen von bis zu einer Stunde Dauer in den ländlichen Raum“, so Yakisan. „Diesen breitgefächerten Anforderungen müssen die neuen Züge gerecht werden. Bei längeren Strecken braucht es mehr Sitzplätze, während für kürzere Strecken möglichst hohe Kapazitäten in Form von Stehplätzen benötigt werden.“ Ein Mix aus Modulen, die im Zug angeboten werden, solle „die optimale Schnittmenge und die bestmögliche Flexibilität bringen.“


„Sollte Alstom den Lieferplan nicht einhalten, wird das richtig teuer“

Michael Vogel, Geschäftsführer von go.Rheinland, geht davon aus, dass der Fahrzeughersteller Alstom den Zeitplan für die Lieferung der neuen S-Bahnen einhalten wird.

Alle Zughersteller haben volle Auftragsbücher. Es gibt immer wieder Probleme mit der pünktlichen Auslieferung der Fahrzeuge. Darüber klagt die DB, die KVB ebenfalls. Kann Alstom garantieren, dass der Zeitplan eingehalten wird?

Alstom hat schon bei der Angebotsabgabe garantiert, dass der von den Auftraggebern, also von uns und vom Verkehrsverbund Rhein-Ruhr, vorgegebene Lieferplan eingehalten wird. Sollte das nicht geschehen, sind Sanktionierungen vereinbart. Das würde für Alstom richtig teuer.

Bis Ende 2032 wird DB Regio NRW alle Linien des Kölner S-Bahnnetzes mit eigenen Zügen fahren, die nach und nach durch die neuen ersetzt werden sollen. Ist die DB nicht im Vorteil, wenn der Großauftrag für die Zeit ab 2033 neu ausgeschrieben wird, weil sie als einziges Unternehmen schon Erfahrungen mit den neuen Zügen machen konnte?

Wir werden bei der Vergabe auf die absolute Chancengleichheit achten. Das S-Bahn-Paket wird ab 2033 nicht im Ganzen, sondern in einzelnen Losen vergeben, so dass alle eine faire Chance haben und der Größenvorteil der DB keine Rolle spielt. Mit Blick auf Fahrpersonal ist DB Regio NRW verpflichtet, alle erforderlichen Daten für einen Personalübergang zu einem möglichen neuen Betreiber zur Verfügung zu stellen.

22.04.2024, Köln: Lässt sich vom Michael Vogel, Geschäftsführer go.Rheinland, das neue Designe der Bahn erklären, Oliver Krischer, Minister für Umwelt, Naturschutz und Verkehr des Landes Nordrhein-Westfalen (v.l.). Neues Zeitalter für die S-Bahn Köln: go.Rheinland, VRR und DB präsentieren preisgekrönte Fahrzeuge. Foto: Arton Krasniqi

Michael Vogel, Geschäftsführer go.Rheinland, mit NRW-Verkehrsminister Oliver Krischer bei der Übergabe einer modernisierten S-Bahn im Bahnwerk Köln-Nippes. Diese Züge werden ab 2029 durch die neuen Alstom-Fahrzeuge ersetzt. Foto: Arton Krasniqi

Alstom wird nicht nur die neuen Züge liefern, sondern auch Wartung und Instandhaltung übernehmen. Beim Rhein-Ruhr-Express ist das bereits der Fall. Welche Erfahrungen hat man gemacht?

Das System hat den Vorteil, dass die Hersteller schon bei der Konstruktion und Produktion wissen, dass sie für die zukünftige Wartung und Instandhaltung verantwortlich sind. Das wirkt sich vorteilhaft auf die spätere Qualität aus. Wir haben damit beim RRX sehr gute Erfahrungen gemacht. Die Züge fallen nicht mehr so oft aus. Auch der Aufwand bei der Instandhaltung konnte verringert werden. Fahrzeugseitige Fehler und Instandhaltungsausfälle konnten minimiert werden.

Was wird aus den Wartungsanlagen für die S-Bahn? Zum Beispiel in Köln-Nippes? Werden sie von Alstom übernommen?

Alstom wird mit DB Regio NRW zusammenarbeiten und sich der Wartung und Instandhaltung auf deren Werkstatt-Kapazitäten zurückgreifen, schwerpunktmäßig im S-Bahn-Werk Nippes.

Anfangs war immer von 100 bis 110 neuen Zügen die Rede. Jetzt sind es „nur“ 90. Reichen die für das neue S-Bahn-Zielnetz aus?

Ja. Damit können wir die S-Bahnlinien zuverlässig bedienen. Allerdings muss sich beim Ausbau der Schieneninfrastruktur noch einiges tun, damit das Zielnetz 2030 auch Wirklichkeit werden kann.