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Böller, Provokationen, FrustWie unsicher ist das Görlinger-Zentrum in Köln?

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Das Ordnungsamt patrouilliert über den Hauptplatz des Görlinger-Zentrums, immer wieder zünden Jugendliche hier laut Anwohnern laute Böller in den Wintermonaten.

Das Ordnungsamt patrouilliert über den Hauptplatz des Görlinger-Zentrums, immer wieder zünden Jugendliche hier laut Anwohnern laute Böller in den Wintermonaten.

Das Görlinger-Zentrum und seine Jugendlichen – das ist seit Jahren ein Reizthema. Der Frust ist bei manchen Anwohnern groß – zurecht?

Sieben Jugendliche stehen am Rand des zentralen Platzes im Görlinger-Zentrum. Ein Polizeiauto fährt mit Blaulicht langsam vorbei, dreht eine Runde, kurz darauf folgt ein zweiter Streifenwagen. Plötzlich detonieren zwei laute Feuerwerkskörper. Ob sie von den Jugendlichen gezündet oder aus einem der verwinkelten Durchgänge geworfen wurden, ist auf dem Video, aufgenommen in der Nacht zu Heiligabend, nicht eindeutig zu erkennen.

Für Oleg W., der das Video aufgenommen hat, ist die Szene trotzdem sinnbildlich für die Situation auf dem Platz: „Seit Jahren gibt es hier regelmäßig solche Szenen. Zwischen September und Februar zünden Jugendliche abends illegale Böller, teilweise so laut, dass die Wände wackeln“, sagt er. „Besonders brisant ist die Lage angesichts der unmittelbaren Nähe von Kindergärten, einem Altenheim und kirchlichen Einrichtungen.“

Görlinger-Zentrum: Anwohner berichtet von Angst, Lärm und Frustration

Hinzu kämen Sachbeschädigungen bis hin zu ausgebrannten Fahrzeugen im Umfeld. „Abends ist der Platz oft menschenleer, viele Anwohner trauen sich kaum noch aus der Wohnung“, sagt W. Polizei und Ordnungsamt nehme er als machtlos wahr. „Viele fragen sich, ob erst schwere Personenschäden passieren müssen, bevor konsequent gehandelt wird.“

Das Görlinger-Zentrum und seine Jugendlichen – das ist seit vielen Jahren ein Reizthema, insbesondere rund um Silvester. Immer wieder kommt es zu Ruhestörungen, Sachbeschädigungen und Auseinandersetzungen mit der Polizei. In der vergangenen Silvesternacht sollen Jugendliche Polizisten gezielt mit Pyrotechnik beworfen haben. Zwei Tatverdächtige wurden ermittelt, gegen sie laufen Verfahren, teilte die Polizei mit.

Das verwinkelte Görlinger-Zentrum bietet viele Möglichkeiten für Jugendliche, nach dem Zünden von Böllern zu fliehen.

Das verwinkelte Görlinger-Zentrum bietet viele Möglichkeiten für Jugendliche, nach dem Zünden von Böllern zu fliehen.

Zuletzt vor zwei Jahren hat der „Kölner Stadt-Anzeiger“ ausführlich über die Situation berichtet. Viele Anwohner klagten über aggressive Jugendliche, verwahrten sich aber zugleich gegen das Stigma eines „Problemviertels“. Sie waren es leid, dass das gesamte Viertel wegen einer kleinen Gruppe in Verruf gerate.

Glaubt man Oleg G., der seit 18 Jahren im Görlinger-Zentrum wohnt, hat sich in der Zwischenzeit nicht viel getan. Polizei und Ordnungsamt nimmt er als machtlos wahr. „Trotz zahlreicher Meldungen bleiben Ordnungsamt und Polizei häufig untätig oder beschränken sich auf symbolische Präsenz“, sagt er. Das vermittle den Eindruck, dass Regelverstöße folgenlos bleiben. Wiederholt habe er wegen nächtlichen Lärms die Behörden alarmiert. „Das Ordnungsamt verwies auf die Polizei und sagte sogar, man komme aus Sicherheitsgründen nicht mehr auf den Platz.“

Die Stadt weist das zurück. Mitarbeitende seien „regelmäßig vor Ort“, zudem gebe es ein „gut zusammenarbeitendes Netzwerk sozialer Akteure“. Zwar sei das Görlinger-Zentrum ein Kontroll- und Präsenzschwerpunkt, und es habe in der Vergangenheit Übergriffe im Zusammenhang mit Böllern gegeben. „Die Zahl der Beschwerden aus der Bürgerschaft sowie die Feststellungen zu allgemeinen Ordnungswidrigkeiten sind jedoch unauffällig“, so eine Sprecherin.

„Welchen Anteil haben ungelöste Alltagsprobleme, fehlende Sicherheit und wahrgenommenes Behördenversagen am Erstarken radikaler Parteien?
Oleg G., Anwohner im Görlinger-Zentrum

Auch ein Polizeisprecher betont, man beobachte die Lage „fortwährend“ und passe Präsenz und Maßnahmen an. Vor Silvester sei man mit starken Kräften vor Ort gewesen und habe Störergruppen gezielt kontrolliert, unterstützt durch den städtischen Ordnungsdienst. Abgesehen von der Silvesternacht seien zuletzt keine gezielten Angriffe auf Beamte bekannt. Insgesamt seien die Einsatzzahlen rückläufig – von 130 im Jahr 2024 auf 88 im Jahr 2025. Besonders häufig komme es zu Einsätzen wegen Pyrotechnik, daneben Körperverletzungen sowie Ruhestörungen, die laut Polizei „besonders in den Sommermonaten“ auftreten, während Pyrotechnikfälle „ab Beginn der dunklen Jahreszeit“ zunehmen.

Jugendliche aus anderen Veedel zum Böllern ins Görlinger-Zentrum

Stephanie Bohn kennt die Diskussion um die Jugendlichen im Viertel gut. Sie ist Geschäftsführerin des Bürgerschaftshauses. „Zwischen Weihnachten und Neujahr war es erneut sehr laut“, sagt sie. Allerdings sei es in den vergangenen fünf Jahren deutlich ruhiger geworden. „Was mir Jugendliche hier erzählen, ist, dass sich Jugendgruppen aus anderen Vierteln verabreden, um ins Görlinger-Zentrum zu kommen und hier mit Böllern Grenzen auszutesten und zu provozieren.“ Das Viertel habe mittlerweile schlicht einen entsprechenden Ruf.

Oleg G. hat einen anderen Eindruck. Laut ihm bekommen die Ordnungsbehörden das Problem seit Jahren nicht in den Griff. Und das habe auch politische Konsequenzen: „Welchen Anteil haben ungelöste Alltagsprobleme, fehlende Sicherheit und wahrgenommenes Behördenversagen am Erstarken radikaler Parteien?“, fragt er. Viele Anwohner wünschten sich keine Parolen, sondern „Sicherheit, konsequente Rechtsdurchsetzung und das Gefühl, dass der Staat präsent ist – bevor Gewalt weiter eskaliert.“