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„Romantisierte Erinnerung“Mann begeht Raubüberfall, um erneut in Untersuchungshaft zu kommen

Lesezeit 3 Minuten
Der Täter ist ein 23 Jahre alter Mann, dem versuchte schwere räuberische Erpressung zur Last gelegt wird.

Der Täter ist ein 23 Jahre alter Mann, dem versuchte schwere räuberische Erpressung zur Last gelegt wird. 

Der Angeklagte habe eine Kölner Tankstelle überfallen, um in einen geschützten Raum zu kommen.

Von einem „Adrenalinschub“ sprach am Freitag ein 40-jähriger Zeuge, als er im Kölner Landgericht schilderte, wie er am 15. Oktober des vorigen Jahres auf einen Raubüberfall reagiert hatte. Am Abend jenes Tages hatte er in der SB-Tankstelle an der Dellbrücker Hauptstraße Dienst. Als er im Hinterraum beschäftigt war, hörte er die Türklingel und ging nach vorne.

Dort sah er sich unvermittelt einem jungen Mann mit Mund-Nasen-Maske gegenüber, der hinter den Verkaufstresen gekommen war und ihn mit vorgehaltenem Messer aufforderte, die Kasse zu öffnen. „Ich weiß nicht, was mich geritten hat“, sagte der 40-Jährige im Zeugenstand. Der „Adrenalinschub“ habe ihn dazu gebracht, dermaßen loszuschreien, dass der Täter die Flucht ergriffen habe.

Angeklagter soll früheren Gefängnisaufenthalt „romantisiert“ haben

Der Täter ist ein 23 Jahre alter Mann, dem versuchte schwere räuberische Erpressung zur Last gelegt wird. „Der Vorwurf wird vollumfänglich eingeräumt“, sagte Strafverteidiger Michael Zaruk nach der Verlesung des Anklagesatzes. Ungewöhnlich ist das Motiv des Angeklagten, der wegen einer psychischen Erkrankung in einer Einrichtung für betreutes Wohnen lebt. 2020 wurde bei ihm eine paranoide Schizophrenie diagnostiziert.

Die Tat will er begangen haben, um in Untersuchungshaft und damit in einen geschützten Raum zu kommen. Geld zu erbeuten, sei nicht seine Absicht gewesen. Der Angeklagte habe eine „romantisierte Erinnerung“ an einen früheren Gefängnisaufenthalt bewahrt, sagte Zaruk. Auch damals ging es um Überfälle auf Tankstellen. Sein Mandant habe die damalige Untersuchungshaft „als beruhigend empfunden“, so der Verteidiger.

Ich wollte nicht mehr in eine Klinik, ich wollte in Untersuchungshaft
Angeklagter

In dem Wohnheim, in dem er im 2024 noch nicht lange lebte, habe sich der Angeklagte anfangs fremd gefühlt und sich gescheut, sich dem Personal anzuvertrauen. Der 23-Jährige selber sagte, er habe wieder angefangen, „Stimmen zu hören“, weil er medikamentös schlecht eingestellt gewesen sei: Er habe vergessen, seine Tabletten zu nehmen, außerdem die Depotspritze zur Behandlung der Psychose durch eigenes Zutun fünf Tage zu spät bekommen. Das Leiden nahm deswegen zu. „Ich wollte nicht mehr in eine Klinik, ich wollte in Untersuchungshaft“, sagte er vor Gericht. Dazu habe der Raubüberfall dienen sollen. Er habe vorgehabt, danach die Polizei zu rufen, um sich zu stellen.

Mitarbeiter vertreibt den Täter mit lautem Geschrei

Doch es kam etwas anders, weil der Mitarbeiter der Tankstelle sich nicht einschüchtern ließ. „Verschwinde“, habe der wiederholt geschrien. Ohne Beute flüchtete der Angeklagte Richtung S-Bahn. Dann setzte er einen Notruf ab. Von den kurz darauf eintreffenden Polizisten ließ er sich freiwillig festnehmen.

Die Untersuchungshaft „war anders, als er es sich vorgestellt hat“, sagte Verteidiger Zaruk, der Mandant habe sie „als schlimm empfunden“. Insofern konnte er von Glück sagen, dass er am 19. Dezember von der Haft verschont wurde. Die „Stimmen“ habe er schon seit sechs Monaten nicht mehr gehört, ließ der Angeklagte wissen, und er habe eine Beschäftigung in einem Lager in Aussicht. Die 22. Große Strafkammer verurteilte ihn wegen versuchter Nötigung zu einer einjährigen Freiheitsstrafe auf Bewährung.