Ab 2026 sollen erste Fachabteilungen aus Holweide und Riehl an den gemeinsamen Standort der Kliniken der Stadt Köln ziehen.
Gesundheitscampus MerheimKlinik-Geschäftsführer versprechen Medizin auf „allerhöchstem Versorgungsniveau“

Daniel Dellmann und Professor Axel Goßmann (rechts), die Geschäftsführer der Kliniken der Stadt Köln, zu Besuch in der Redaktion des Kölner Stadt-Anzeiger.
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Die deutsche Krankenhauslandschaft steht vor großen Veränderungen. Wirtschaftliche Zwänge, die geopolitische Lage und die Krankenhausreformen von Land und Bund machen diese nötig. Betroffen sind auch die Kliniken der Stadt Köln, ein inzwischen hoch defizitärer Betrieb, dem zuletzt 2010 ein positiver Jahresabschluss gelang.
Daniel Dellmann ist seit einem halben Jahr Kaufmännischer Direktor der städtischen Kliniken. Gemeinsam mit Axel Goßmann, Professor, Chefarzt der Radiologie und seit Januar 2013 Ärztlicher Direktor des Krankenhauses Merheim, bildet er ein Geschäftsführer-Duo, das die Kliniken in bessere Zeiten führen soll. Der vom Rat der Stadt Köln gebilligte Plan: Mit der Zusammenlegung der drei Krankenhäuser Merheim, Holweide und der Kinderklinik an der Amsterdamer Straße am Standort in Merheim soll die medizinische Versorgung in Köln moderner werden und gleichzeitig so effizient, dass die Millionendefizite deutlich zusammenschmelzen, die seit Jahren den ohnehin knappen städtischen Haushalt belasten.
Wie das gelingen kann, was genau geplant ist für den neuen Gesundheitscampus in Merheim und welche Verbesserungen sie sich erhoffen, haben Dellmann und Goßmann bei einem Besuch in der Redaktion des Kölner Stadt-Anzeiger erklärt.
Wie stehen die Kliniken der Stadt Köln aktuell finanziell da?
Eine bilanzielle Überschuldung wurde im vergangenen Jahr durch einen vom Rat der Stadt Köln beschlossenen Schuldenschnitt abgewendet, das kostete die Stadt 533,2 Millionen Euro. Allerdings teilte Stadt-Kämmerin Dörte Diemert am Donnerstag mit, dass die Allgemeine Rücklage der Stadt dadurch nicht wie zunächst angenommen um den vollen Betrag vermindert wird, sondern lediglich um 239,2 Millionen Euro. Der Grund: Nach einem neuen Gutachten einer externen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft haben die Kliniken der Stadt Köln einen Substanzwert von 294,0 Millionen Euro.
2023 machten die städtischen Kliniken, eine hundertprozentige Tochter der Stadt Köln, 89,1 Millionen Euro Verlust – ausgeglichen werden musste das durch einen Betriebskostenzuschuss der Stadt. Am Jahresabschluss 2024 werde gerade gearbeitet, sagt Dellmann. Die Stadt habe mit einem so genannten „Finanzbedarf“ von rund 114 Millionen Euro gerechnet, man werde stattdessen aber erheblich besser bei einem Defizit im zweistelligen Millionen Euro-Bereich landen. „Das ist immer noch schlecht, aber besser als geplant“, sagt Dellmann.
Wir werden es auch im Jahr 2025 nicht schaffen, eine schwarze Null zu produzieren
„Wir werden es auch im Jahr 2025 nicht schaffen, eine schwarze Null zu produzieren.“ Die Stadt muss also weiter mittlere bis hohe zweistellige Millionenbeträge als Betriebskostenzuschuss für ihre Kliniken einplanen. Im Haushalt für 2025 sind 71,6 Millionen Euro vorgesehen, bis 2029 soll sich dieser Betrag auf 54,6 Millionen Euro verringern.
„Die Tendenz geht in die richtige Richtung“, sagt Goßmann. „Unser medizinisches Spektrum ist groß, wir haben eine riesige Nachfrage und eine faktische Vollbelegung an allen drei Klinikstandorten.“ In den Corona-Jahren habe es „dramatische Zuschüsse an Bundesmitteln gegeben, die an vielen Krankenhäusern das wahre Ergebnis maskiert haben“. Im Vergleich zu diesen Jahren sei man in Köln „auf einem sehr, sehr guten wirtschaftlichen Weg“.
Warum können die Kliniken nicht kostenneutral wirtschaften?
Das liege zum einen daran, dass die eigentlich vorgesehene duale Finanzierung von Krankenhäusern nicht funktioniere, sagt Dellmann. Danach sollten die Betriebskosten durch die von den Krankenkassen gezahlten Fallpauschalen für die Behandlung der Patienten refinanziert werden. „Und für die Investitionskosten sind die Länder zuständig, und zwar zu 100 Prozent, so steht es im Gesetz. Aber die Refinanzierungsquote der Investitionen ist kleiner als 25 Prozent, daraus entsteht natürlich eine ständige Unterdeckung.“ Auf diese Weise stiegen die Betriebskosten. Erklären lässt sich das so: Fehlt das Geld aus dem Investitionstopf, um ein Gerät zu kaufen, wird es über den Topf Betriebskosten gemietet. Viele Projekte, die eigentlich durch Investitionen umgesetzt werden müssten, bleiben ganz auf der Strecke.

In Merheim entsteht in den kommenden Jahren ein hoch moderner Gesundheitscampus.
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Zum anderen sei in Köln in der Vergangenheit nicht besonders sparsam verfahren worden, betont Dellmann: „Es gab hier eine Misswirtschaft, es wäre gelogen, wenn man das von der Hand weisen würde.“ Letztlich koste es aber eben auch besonders viel Geld, drei Klinikstandorte zu betreiben. „An einem Standort können wir mit dem Personal sparsamer verfahren und allein die Logistikkosten deutlich reduzieren. Was da den ganzen Tag für ein LKW-Verkehr zwischen den drei Standorten unterwegs ist, das ist enorm.“
Der gemeinsame Gesundheitscampus in Merheim kostet zunächst viel Geld. Woher kommt das?
Die Stadt Köln lässt sich das Projekt weitere 590 Millionen Euro kosten, diese Summe hat der Stadtrat bewilligt. Zudem hat die Landesregierung einen Zuschuss von 250 Millionen Euro zugesagt, weil die Zusammenlegung ganz im Sinne des neuen Krankenhausplans NRW ist. Damit stehen für Sanierungen und Neubauten in Merheim 840 Millionen Euro zur Verfügung.
Werden die städtischen Kliniken nach der Zusammenlegung kostenneutral wirtschaften können?
„Das Ziel muss immer sein, dass man so eine Krankenhausstruktur kostendeckend betreibt, also irgendwo in der Nähe der Null“, sagt Dellmann. Erreichbar sei das in Köln aber erst, wenn die Zusammenlegung in Merheim komplett vollzogen ist. Eine Schwierigkeit bleibe aber, denn vor allem die Bereiche Kinder- und Jugendmedizin sowie Notfallversorgung seien „nicht gut ausfinanziert“. „Die Kinderklinik hat allein ein strukturelles Defizit von zehn bis 20 Millionen Euro pro Jahr, ohne dass irgendjemand etwas falsch gemacht hat.“ An den drei Kölner Standorten zusammen habe man rund 100.000 Notfallkontakte pro Jahr, auch das sei ein Minusgeschäft. „Aber das sehen wir ganz klar als unseren Versorgungsauftrag als städtische Klinik“, betonte Dellmann.
Warum gelingt es Krankenhäusern in privater Trägerschaft besser, gewinnbringend zu wirtschaften?
Anders als ein öffentliches Unternehmen müssten private Träger nicht jeden Auftrag ausschreiben, was viel Zeit, Geld und Effizienz koste, sagt Dellmann: „Es ist ja kein Klinikphänomen, dass alles, was die öffentliche Hand kauft, teurer ist.“ Dazu käme, dass große private Krankenhausbetreiber sehr viele Standorte besäßen und deshalb beim Einkauf von Medikamenten oder Geräten ganz anders verhandeln können. „Und natürlich tun sich öffentliche Arbeitgeber schwer, sanierend an einen Personalkörper heranzugehen.“ Betriebsbedingte Kündigungen seien im privaten Bereich weniger ein Tabu.
Wird es im Zuge der Zusammenlegung der drei Standorte Kündigungen geben?
„Nein, 100 Prozent der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden mitgenommen“, betont Goßmann. Dellmann sagt: „Natürlich versuchen wir sparsam zu verfahren mit Personal, das ist ein großer Kostenfaktor. Aber es wird keine strukturellen Abbaumaßnahmen geben.“ Ein Stellenabbau sei lediglich im Rahmen der natürlichen Fluktuation zu erwarten. Allerdings nicht in der Pflege, dort müsse und wolle man im Gegenteil zusätzliches Personal finden. Laut Goßmann sind die Bedingungen günstig: „Im Rahmen unserer Neukonzeption merken wir eine deutlich erhöhte Nachfrage. Die Stimmung unter den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ist deutlich besser, weil es jetzt eine klare Perspektive gibt. Dennoch könnten aktuell an allen drei Standorten zusammen rund 100 Betten wegen Personalmangels nicht betrieben werden.
Wie läuft die Zusammenlegung am Standort Merheim?
Gerade wird in Merheim der Bestand saniert. Die linke Seite des großen Bettenhauses bekommt eine Kernsanierung, die rechte Seite wird auf einen besseren Stand gebracht. „Zeitgleich arbeitet unser Team des Gesundheitscampus Neubaucampusteam mit Hochdruck an den nächsten Schritten“, sagt Dellmann. Gebaut wird ein Kinderkrankenhaus, das an das Bestandskrankenhaus und an einen neuen Erweiterungsbau für die Frauen- und Geburtsmedizin angebunden werden soll.
„Dort planen wir auch ein ambulantes OP-Setting und eine moderne Notaufnahme“, sagt Goßmann, „denn die Krankenhauslandschaft wird sich mit den Reformen dramatisch ändern, es geht ganz klar hin zur Ambulantisierung.“ Die Kliniken der Stadt Köln hätten jetzt den großen Vorteil, ihre Neubauten in Merheim an die neuen Anforderungen anpassen zu können.
Die Verlagerung erster Fachabteilungen aus Holweide und Riehl ist für 2026 geplant, frühestens 2031 könnte die Zusammenlegung abgeschlossen sein. Daher werde man auch in Holweide und Riehl noch Investitionen tätigen. „Wir müssen diese Standorte ja noch viele Jahre betreiben“, sagt Goßmann.
Welche Vorteile wird der Gesundheitscampus Merheim für die Bevölkerung haben?
„Wir werden die die Qualität insgesamt nochmal deutlich steigern“, sagt Goßmann. Durch die Verzahnung von Erwachsenen- und Kindermedizin, durch kurze Wege zwischen den Fachabteilungen, durch die neu gebauten Strukturen auf höchstem Versorgungsniveau. Abgesehen davon verhindere man durch die Zusammenlegung den Verlust einzelner Fachbereiche, betont Goßmann. Dieser würde im Zuge der Krankenhausreformen den einzelnen Standorten nämlich drohen. So könne etwa die höchste Versorgungsstufe in der Perinatalmedizin, über die Holweide derzeit verfügt, nur gehalten werden, wenn die Geburtsklinik einen direkten Anschluss an die Kinderklinik bekommt – wie es in Merheim vorgesehen ist.