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Joggen statt TinderKölner organisiert Lauftreff für Singles – viele sind frustriert vom Online-Dating

Lesezeit 4 Minuten
Läufer wärmen sich in Köln in einem Kreis auf

Nach einer kleinen Aufwärmrunde laufen die Singles acht Kilometer durch Köln.

Jeden Montag treffen sich Singles zum gemeinsamen Laufen in Köln. Die Veranstaltung wird stetig beliebter.

Marcel hat keine Lust mehr. „Ich bin genervt, gelangweilt und frustriert vom Online-Dating.“ Wie dem 35-jährigen Kölner geht es offenbar vielen. Das ständige Swipen, dann wochenlang Chat-Nachrichten austauschen, nur um am Ende doch wieder geghostet zu werden oder beim ersten Date zu merken, dass die online angehimmelte Person offline doch ganz anders ist – Dating-Apps können kräftezehrend sein. Als Alternative entstehen in Köln immer mehr Veranstaltungsformate für Singles, eines davon „Run for Love“. Hier sucht auch Marcel seit einigen Wochen jeden Montagabend beim Joggen nach der Liebe.

Die Hälfte der deutschen Internetnutzerinnen und -nutzer hat schon mal sein Glück bei Tinder, Bumble und Co. versucht. Das ergab eine anlässlich des Valentinstags durchgeführte repräsentative Befragung im Auftrag des Digitalverbands. Fast zwei Drittel (63 Prozent) der Befragten sagen demnach, flirten falle ihnen online leichter als in der realen Welt. Ein Viertel derer, die online daten, meint sogar, gar nicht zu wissen, wie man jemanden ohne Online-Dating kennenlernen sollte. Gleichzeitig würden aber mehr als drei Viertel (78 Prozent) lieber jemanden im realen Leben kennenlernen.

Kennenlernen ohne Druck

„Die Gestik, die Stimmlage, das alles hat ja einen großen Einfluss beim Kennenlernen“, sagt André. Deshalb läuft auch er seit November lieber jede Woche acht Kilometer durch Köln statt zu swipen. „Ich trinke keinen Alkohol, ich bin nicht in Bars oder Clubs unterwegs. Und bei der hübschen Frau an der Supermarkttheke weiß man ja nicht sofort, ob sie nicht in einer Beziehung oder verheiratet ist. Es ist schwer, neue Leute kennenzulernen“, sagt der 50-Jährige. Beim „Run fort Love“ dagegen ginge das im Gegensatz zum Online-Dating ganz ohne Druck, findet Anne. „Die Stimmung ist nett, sehr aufgeschlossen. Und die Einstiegsfrage steht ja auch: Bist du zum ersten Mal dabei? Oder: Gehst du oft laufen?“

Marius Schürmann organisiert den Single-Lauftreff.

Marius Schürmann organisiert den Single-Lauftreff.

Seit Oktober findet „Run for Love“ immer montags statt. Anfangs, in den kalten Monaten, waren es nur eine Handvoll Läuferinnen und Läufer, erzählt Organisator Marius Schürmann. „Jetzt werden es aber von Woche zu Woche mehr, die Resonanz ist wirklich super.“ Mit Marcel und André laufen an diesem Montag rund 30 Singles vom Zappes Süd im Stollwerck am Rhein entlang Richtung Süden über die Rodenkirchener Brücke und auf der anderen Rheinseite wieder zurück, über die Südbrücke bis zum Zappes. Etwas mehr als acht Kilometer in knapp 55 Minuten. „Wir versuchen, das Tempo immer so anzupassen, dass sich alle noch gut unterhalten können. Meistens laufen wir etwa zwischen 6 und 6 Minuten und 30 Sekunden pro Kilometer“, sagt Schürmann.

Er selbst ist Personal Trainer, die Idee für den Single-Lauftreff entwickelte sich bei ihm vergangenes Jahr: „Hier in Köln sind da gerade super viele Lauftreffs aus dem Boden geschossen und ich hörte überall: Das sind alles eigentlich Single-Börsen, die Leute gehen dahin, um Leute kennenzulernen, nicht um zu laufen. Die Organisatoren der Lauftreffs haben das aber selbst nie so kommuniziert. Also dachte ich mir: Warum sollte man das nicht einfach mal offensiv angehen?“

Bunte Schnapparmbänder

Armbänder signalisieren, ob jemand hetero-, homosexuell oder an allen Geschlechtern interessiert ist.

Mitlaufen darf also nur, wer wirklich Single oder in einer offenen Beziehung ist. Bevor es losgeht, verteilt Schürmann bunte Schnapparmbänder: Gelb steht für homosexuell, weiß für heterosexuell und blau bedeutet, dass man an allen Geschlechtern interessiert ist. Wenn die acht Kilometer geschafft sind, kommt die Gruppe nochmal im Zappes zusammen. Im Tausch gegen das bunte Armband gibt es hier noch ein Getränk.

Marcel steht mit einem Bier in der Hand mit Eva und Clara zusammen. Die drei kannten sich vor dem Lauf nicht, unterhalten sich jetzt aber angeregt miteinander. Und selbst, wenn es bei diesem einen Gespräch bleibt und keiner von ihnen Kontaktdaten austauscht oder sich wieder trifft, findet Marcel: „Wenigstens habe ich am Ende trotzdem Sport gemacht. Man hat also nichts zu verlieren, beim Online-Dating dagegen verliere ich Zeit.“