Der Kölner Sozialwissenschaftler Adil Demirci ist nach fünf Jahren Prozess am Dienstag in Istanbul in Abwesenheit freigesprochen worden.
Nach zehn Monaten in HaftTürkisches Gericht spricht Kölner Regimekritiker frei
Am 13. April 2018 war der Kölner Sozialwissenschaftler und Journalist Adil Demirci in Istanbul verhaftet worden. Er hatte seine todkranke Mutter in die Türkei begleitet, die noch einmal ihre Verwandten sehen wollte. Fünf Jahre später ist Demirci, der bis 14. Februar 2019 in türkischer Haft saß und das Land bis Juni 2019 nicht verlassen durfte, von einem Gericht in Istanbul freigesprochen worden.
Die türkische Justiz hatte Demirci, der die deutsche und die türkische Staatsangehörigkeit besitzt, vorgeworfen, Mitglied einer terroristischen Vereinigung zu sein – üblich sind im Falle einer Verurteilung fünf bis zehn Jahre Haft. Die Anklage wegen Mitgliedschaft einer terroristischen Vereinigung ist ein Standardvorwurf in der Türkei, mit dem die türkische Justiz viele Regimekritiker belegt. In den vergangenen Jahren war der Prozess gegen den Kölner immer wieder verschoben worden.
Am Dienstagmorgen sprach das Gericht ihn nun von den Vorwürfen frei – die Vorwürfe hätten für eine Verurteilung nicht ausgereicht, hieß es laut Demircis Anwalt zur Begründung. „Als wir am Montag miteinander sprachen, war mein Anwalt nicht davon ausgegangen, dass es die Möglichkeit eines Freispruchs gebe“, sagte Adil Demirci dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. „Ich bin sehr überrascht und erleichtert und kann kaum glauben, dass dieser groteske Prozess jetzt ein Ende hat.“ Die nach fünf Jahren nun fallengelassenen Vorwürfe gegen ihn zeigten „die ganze Willkür der türkischen Justiz“, so Demirci.
Adil Demirci ist einer von mehreren Kölnern, die in den vergangenen Jahren in der Türkei inhaftiert wurden. Bereits im Jahr 2010 war der inzwischen verstorbene Schriftsteller Dogan Akhanli bei der Einreise verhaftet worden, als er seinen todkranken Vater besuchen wollte. Er saß mehrere Monate in Haft und wurde auch nach internationalem Druck freigelassen.
Kölnerin Dilan Örs zu zehn Jahren und fünf Monaten Haft verurteilt
Die kurdische Kölner Sängerin Hozan Cane wurde 2018 verhaftet und wegen vermeintlicher Mitgliedschaft in einer Terrororganisation zu sechs Jahren und drei Monaten Haft verurteilt. Ende September 2020 wurde Cane überraschend aus der Haft entlassen, durfte bis zur Fortsetzung ihres Prozesses die Türkei zunächst aber nicht verlassen. Im Juli 2021 durfte sie nach Deutschland ausreisen. Im Oktober 2021 wurde Cane in Abwesenheit zu drei Jahren und dreieinhalb Monaten Haft verurteilt.
Canes Tochter Dilan Örs war im Mai 2019 festgenommen worden, als sie ihre Mutter in der Haft besuchen wollte. Nach Monaten im Hausarrest, Untersuchungshaft und Ausreisesperre kam sie frei, floh nach Deutschland – und wurde in Abwesenheit zu zehn Jahren und fünf Monaten Haft verurteilt. Örs war laut Anklage vorgeworfen worden, mit neun weiteren Personen ein Ausflugsschiff in Köln besetzt, Banner aufgehängt und Slogans der verbotenen prokurdischen Organisation PKK gerufen zu haben. In Deutschland waren Ermittlungen gegen Örs in dem Fall umgehend eingestellt worden.