Die Abstimmungsleiterin Andrea Blome erklärt, warum die Auszählung des Bürgerentscheids zu Olympia in Köln deutlich länger dauerte als erwartet.
Chaotische Olympia-AuszählungKölner Helfer erhalten OB-Brief – und Zuschlag

Gegen 16 Uhr – vor der heißen Auszählphase – besuchten Kölns Oberbürgermeister Torsten Burmester und Abstimmungsleiterin Andrea Blome das Auszählzentrum im Deutzer Berufskolleg.
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Nach der langsamen Auszählung der Stimmzettel des Bürgerentscheids zu Olympia, sind noch Fragen offengeblieben. Zum Beispiel: Wieso stand das Kölner Ergebnis erst um 3 Uhr in der Nacht fest? Die wichtigsten Antworten.
Wahlhelfer haben teils schwere Vorwürfe erhoben. Offenbar wurde nicht durchgängig regulär ausgezählt. Wie geht die Stadt damit um?
Andrea Blome, Stadtdirektorin und als Abstimmungsleiterin des Bürgerentscheids Verantwortliche, sagt: „Dem Wahlamt liegen keine Hinweise auf Unregelmäßigkeiten der Abstimmung vor, die einen Einfluss auf das Ergebnis gehabt hätten.“ Das finale Ergebnis müsse der Rat in seiner kommenden Sitzung feststellen.
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Ein erfahrener Helfer, der anonym bleiben will, aber der Redaktion bekannt ist, hatte berichtet, wie die Sorgfalt bei der Auszählung mit zunehmender Stunde gelitten habe. „Leute haben sich angeschrien.“ Am Ende hätten einige die Ja- und Nein-Stimmen nicht mehr durchweg getrennt durchgezählt, sondern nur noch eine der beiden Antworten gezählt und die anderen Stimmen per Umkehrschluss ausgerechnet. Am Montag hatte Blome bereits mitgeteilt, es gebe eine „umfassende Evaluation der Abläufe“, um gegebenenfalls Anpassungen für zukünftige Bürgerentscheide abzuleiten. Eine Entschuldigung blieb aus.
Hat Abstimmungsleiterin Andrea Blome von den chaotischen Zuständen im Auszählzentrum gewusst?
Das ist unklar. Sie sagt: „Ich war am Nachmittag und am Abend anwesend. Ich habe mitbekommen, dass die Auszählung unter besonderen Herausforderungen stand.“ Blome hatte die Abstimmungshelfer gegen 16 Uhr für einen Pressetermin besucht und sich danach den Abend über hauptsächlich auf der Veranstaltung der Staatskanzlei im Deutzer Hochhaus Köln-Triangle aufgehalten. Sie kündigte aber an: „Der Oberbürgermeister wird sich daher kurzfristig bei allen Wahlhelfenden mit einem persönlichen Schreiben melden und wir werden auch die Aufwandsentschädigung um einen Nachtzuschlag erhöhen.“
Wusste Oberbürgermeister Torsten Burmester am Abend Bescheid?
Das beantwortet die Stadt auf Anfrage ebenfalls nicht konkret. Burmester hatte das Auszählzentrum gemeinsam mit Blome besucht, bevor es in die heiße Auszählphase ging. Den Rest des Abends verbrachte er dann im Köln-Triangle. Ein Sprecher sagt: „Der Oberbürgermeister wurde wie üblich den ganzen Abend über die aktuelle Lage informiert.“
Und was sagt der OB jetzt?
Auf eine Anfrage am Montag hatte Burmester folgende Antwort gegeben: „Mehr als 320.000 Menschen haben ihre Stimme abgegeben. Damit und insbesondere mit dem Ergebnis der Abstimmung bin ich sehr zufrieden und fest davon überzeugt, dass es niemanden im Land gibt, der ernsthaft daran zweifelt, dass wir ein hervorragender Gastgeber für hunderttausende Besucherinnen und Besucher von Olympischen und Paralympischen Spielen sein werden.“ Auf die erneute Frage, was Köln hätte besser machen können, antwortete ein Stadtsprecher am Dienstag lediglich: „Dem Statement des Oberbürgermeisters von gestern ist nichts hinzuzufügen.“
Wirkt sich die schlechte Performance der Stadt Köln beim Bürgerentscheid auf die NRW-Bewerbung aus?
In der Landespressekonferenz am Dienstag sagte Ministerpräsident Hendrik Wüst: „Dass man an so einem Abend auf die Auszählung von 1,4 Millionen Stimmen mal einen Moment lang wartet, ist kein K.o.-Kriterium für eine deutsche Bewerbung.“ Er habe das Gefühl, die Leute liebten ihre Stadt nahezu abgöttisch, trauten ihr aber nichts zu. Dass es bei einer Wahlbeteiligung von knapp 40 Prozent auch ein bisschen Zeit brauche, zu zählen, habe ihn nicht überrascht. „Wenn wir jetzt noch tausend Wahlhelfer eingestellt hätten, hätten wir heute eine Debatte darüber, wie teuer das ist, die alle zu bezahlen.“
Wieso hat die Auszählung in Köln so lange gedauert?
1000 Wahlhelferinnen und -Helfer waren für 321.521 gültige Stimmen zuständig. Macht im Schnitt 323 Briefe pro Kopf, beziehungsweise circa 2500 Briefe für jedes sieben- bis achtköpfige Team, in denen die Helfer arbeiteten. Fertig waren die letzten gegen 3 Uhr.
Zum Vergleich: Wie haben andere Städte die Auszählung am Sonntag bewältigt?
Sie waren alle deutlich schneller. Das Düsseldorfer Ergebnis lag zum Beispiel schon um kurz nach 21 Uhr vor. Da war noch keiner der 132 Kölner Bezirke ausgezählt. Die in Düsseldorf 158.523 gültigen Stimmen zählten 1100 Helferinnen und Helfer. Macht 144 Briefe pro Kopf oder in etwa 1100 Briefe pro sieben- bis achtköpfigem Team. Also mehr Helfer als in Köln für nur halb so viele Stimmen.
Hätte Köln nicht aus der eigenen Erfahrung mit Briefwahlen wissen müssen, wie viel ein Wahlhelferteam leisten kann?
Bei der Stichwahl um das Oberbürgermeisteramt am 28. September wurden 359.194 gültige Stimmen abgegeben. Die Stadt hatte zuvor für 265.687 Kölner Briefwahlunterlagen erstellt und verschickt. Bei etwa 808.000 wahlberechtigten Kölner Bürgern entsprach dies einem Anteil von 32,38 Prozent. Vor sieben Monaten wurden die Briefwahlstimmen in der Messe ausgezählt. Beide Auszählungen sind nur bedingt vergleichbar, da es 2025 mehr Stimmbezirke gab. 4000 ehrenamtliche Wahlhelfer kamen zum Einsatz, das waren also viermal so viele wie am vergangenen Sonntag. Die Helfer waren über drei Gebäude des Messekomplexes verteilt und wurden von etwa 250 städtischen Mitarbeitern unterstützt. Beim Olympia-Entscheid wurden 321.521 gültige Stimmen ausgezählt, also rund 60.000 mehr.
War das nicht ein Scheitern mit Ansage?
Schon vor Wochen war klar, dass es einen hohen Rücklauf an Briefen gab. Am 9. April verkündete die Stadt, dass rund ein Drittel der Stimmberechtigten ihr Votum abgegeben hat: 275.014. Das war nach Aussagen von Wahlhelfern nicht bis zum frühen Abend zu schaffen. Ein Helfer sagte unserer Redaktion: „Es waren zu viele Stimmen, die ein Team auszählen musste.“ Dabei hatten sich sogar mehr als doppelt so viele Menschen als ehrenamtliche Helfer beworben, wie die Stadt einsetzte.
Ein Stadtsprecher hatte bereits am Montag eingeräumt, dass es „angesichts des hohen Pro-Kopf-Aufkommens an Stimmzetteln pro Bezirk zu einer längeren Auszählungszeit“ gekommen war.
Warum hat die Stadt nicht mehr Helfer angefordert?
Andrea Blome sagte am Dienstag: „Für eine rechtssichere Abstimmung müssen bereits sehr früh im Vorfeld bestimmte Entscheidungen getroffen werden, wie zum Beispiel die Anzahl der Abstimmbezirke. Die Anzahl der Abstimmbezirke wurde nach Verfügbarkeit der räumlichen Situation entschieden. Aufgrund von Kostenvorgaben und Verfügbarkeiten, hat die Stadt sich für eine städtische Schule entschieden. Damit war klar, wie viele Personen als Wahlhelfende fungieren können und auch die Anzahl der Abstimmbezirke wurde daraus abgeleitet. Die Anzahl der Abstimmbezirke musste bereits im Januar 2026 für den Druck der Abstimmunterlagen festgelegt werden. Diese können dann im Nachhinein nicht mehr verändert werden.“
Heißt: Erst wurde die Auszählstätte festgelegt. Sie bestimmte dann die Zahl der Abstimmbezirke (132) und Wahlhelfer (1000). Wie viele Briefe voraussichtlich zu zählen sein würden, kommt in dieser Rechnung nicht vor.
Die Stadt argumentiert mit dem Kostendruck. Ist das nachvollziehbar?
Die Stadt hatte die Kosten für den Ratsbürgerentscheid zunächst auf 2.492.000 Euro geschätzt. Davon hätte sie jedoch nur einen 15-Prozent-Anteil bezahlen müssen, den Rest übernimmt das Land NRW. In der so verabschiedeten Ratsvorlage aus dem Dezember heißt es, für die Stadt würde ein Eigenanteil von 373.000 Euro anfallen. Das Land wollte demnach 2.118.200 Euro zahlen.
Vor zwei Wochen teilte die Stadt dann mit: Durch die Auszählung in einer Schule würden die Ausgaben auf insgesamt rund 1,82 Millionen gesenkt, bleibt ein Eigenanteil von 273.000 Euro der Stadt.
Auf die Frage, warum die Stadt keine größeren Räumlichkeiten angemietet hat als das Berufskolleg in Deutz, antwortet die Stadt nach der Auszählung am Sonntag: Die Verwaltung war dem Ziel verpflichtet, die Kosten für die Durchführung der Abstimmung so gering wie möglich zu halten.
Warum ist die Auszählung der Bürgerentscheide teuer?
Weil Bürgerentscheide wie eine Wahl ablaufen. In Köln waren beim Olympia-Entscheid 817.00 Personen stimmberechtigt. Jede dieser Personen erhält eine Benachrichtigung per Brief, ohne dafür einen Antrag stellen zu müssen. Dieses einstufige Verfahren wurde gewählt, um die Kosten zu reduzieren. Für eine Abstimmung mit Urnengang und Briefwahl, wie bei der Kommunalwahl im September, wären rund 4 Millionen Euro an Kosten angefallen. Für eine Briefwahl mit Antragsverfahren hatte die Stadt mit rund 3,5 Millionen Euro kalkuliert.
Hätte es Alternativen zum Berufskolleg gegeben?
Bei Wahlen wurde das Briefwahlzentrum zuletzt in der Kölnmesse eingerichtet. Dafür sprechen mehrere Gründe: die große Fläche und gute ÖPNV-Anbindung, aber auch leicht umsetzbare Sicherheitsvorkehrungen. Weil aber in der Kölnmesse die Fibo gastierte und in der Lanxess-Arena der DHB-Pokal ausgetragen wurde, habe man eine Alternative finden müssen, so die Stadt. Die Wahl fiel auf das Berufskolleg Deutz, das zu den größten Kölner Schulen zählt – hinter den Schulzentren in Porz und Weiden. Selbst bei Verzicht auf die Anmietung privater Hallen wäre es zumindest theoretisch möglich gewesen, auf größere oder mehrere kleinere Schulen zurückzugreifen.
Und jetzt?
Blome kündigte an: „Für die Landtagswahl 2027 können wir wieder in die Messe und die gewohnte Anzahl an Wahlhelfenden vorsehen.“ Die wird Andrea Blome allerdings nicht mehr begleiten, sie geht Ende Juni in den Ruhestand.

