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Gürzenich-Orchester unter Emmanuel TjeknavorianFederndes, punktgenaues Spiel

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Emmanuel Tjeknavorian

Emmanuel Tjeknavorian

Jubelnder Beifall für den jungen Dirigenten und das Gürzenich-Orchester in der Philharmonie.

Armenische Komponisten? Da fällt dem mitteleuropäischen Musikfreund zuerst (wenn nicht ausschließlich) Aram Chatschaturjan ein, der durch mehrere Nummern aus seinen Ballett- und Bühnenmusiken dem Klassik-Repertoire zu späten Weltschlagern verholfen hat. Der größte darunter ist fraglos der „Säbeltanz“, mit dessen aufpeitschenden Xylophon-Repetitionen in einem deutschen TV-Spot der 1970-er Jahre sogar mal ein populärer Kaffeelikör beworben wurde.

Bei der Matinee des Gürzenich-Orchesters war besagter „Säbeltanz“ denn auch das effektvolle Eingangsstück einer Suite, die der junge Dirigent Emmanuel Tjeknavorian, Österreicher mit armenischen Wurzeln, aus dem 1942 uraufgeführten Kolchosen-Ballett „Gajaneh“ extrahiert hatte. Das ist schon eine äußerst attraktive Musik - melodisch eingängig, farbig orchestriert und unwiderstehlich in ihrem tänzerischen Schwung. Große Probleme bereitet sie nicht: Wenn man sie (wie hier geschehen) präzise und mit Verve ausführt, ist ihren interpretatorischen Anforderungen bereits vollauf genügt.

Höchstmaß an Deutlichkeit und rhetorischer Schärfe

Da ist bei Maurice Ravels Klavierkonzert G-Dur die formende Hand schon in ganz anderer Weise gefragt. Mit gleich zwei sehr entschieden formenden Händen sorgte der französische Pianist Bertrand Chamayou hier für ein Höchstmaß an Deutlichkeit und rhetorischer Schärfe. Seine Darstellung war eher trocken in der Klanggebung, impulsreich, oft auch jäh in den Akzenten. Chamayou fesselte besonders durch seine kühne Freiheit der Deklamation - im Kopfsatz, aber auch im langsamen Mittelsatz, den er nicht als versonnene Traumszene, sondern als nachdrücklich formulierten Monolog ausbreitete. Zu dieser profilstarken Lesart passte das federnde, punktgenaue Spiel des Gürzenich-Orchesters, das sich im Finale mit hörbarem Vergnügen zur Jazzband verschlankte - inklusive herrlich zugespitzter „Fills“ der Solo-Bläser.

Dass Maurice Ravel ein Komponist mit vielen Gesichtern war, machte Bertrand Chamayou in der Zugabe deutlich, der pastellgetönten, seidenweichen „Pavane pour une infante défunte“. Mit Ravels Orchesterfassung von Modest Mussorgskis „Bildern einer Ausstellung“ wurde dann nach der Pause auch dem souveränen Beherrscher der orchestralen Klangpalette gehuldigt. Bei aller Bewunderung musste sich dieses Arrangement doch auch immer wieder den Vorwurf gefallen lassen, das pianistische Original durch seine suggestiven Farben zu entstellen.

Hier sorgte Emmanuel Tjeknavorian aber für den nötigen Ausgleich: Er arbeitete in den „Promenaden“ Mussorgskis trennscharfe Phrasierung heraus, betonte die starken Basslinien, griff insgesamt mehr in die holzschnittartige Faktur der Musik, als ihre luxurierende Oberfläche zu polieren. Die war im Spiel des bestens aufgelegten, feurig musizierenden Gürzenich-Orchesters ohnehin in jedem Moment gegenwärtig. Am Ende gab es jubelnden Beifall für den Maestro wie für die Musiker - besonders für die Schlagzeug-Sektion, die an diesem Morgen wahrlich alle Hände voll zu tun hatte.