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Interview

Kölner Regiestar Jan Bonny
„Deutsche Heldenhaftigkeit ein besonders unappetitliches Thema“

Lesezeit 7 Minuten
Regisseur Jan Bonny (inks) und Hauptdarsteller Ben Höppner stehen in der Halle Kalk vor den Kulissen der Inszenierung "Eisenfaust".

Regisseur Jan Bonny und Hauptdarsteller Ben Höppner in der Probebühne Halle Kalk. 

Man kennt Jan Bonny als Film- und TV-Regisseur, jetzt inszeniert er das erste Mal am Schauspiel Köln. Wir sprachen mit ihm und seinem Hauptdarsteller Benjamin Höppner.   

Jan Bonny, am Freitag feiert ihre Inszenierung „Eisenfaust“ Premiere am Schauspiel Köln, eine Bearbeitung von Goethes „Götz von Berlichingen“. Ein Stück, das erstaunlich selten aufgeführt wird.

Jan Bonny: Ja, weil es streckenweise unheimlich ungelenk ist. Der Goethe war um die 20, als er es geschrieben hat. Das ist so richtig Sturm und Drang: Ich haue mal alles raus. Aber gerade das ist als Widerstand sehr gut. Und es ist ein Stoff, den man neu entdecken kann, eben weil ihn viele Leute gar nicht im Detail kennen.

Benjamin Höppner: Man kennt das eine berühmte Zitat, aber sagt dann immer, ich dachte, es ist von Mozart.

Bonny: Was den Rechten von heute am „Götz“ so gut gefällt, ist die Behauptung von dem einen Anständigen, der sich sowohl gegen den Mob von unten als auch gegen die – sogenannte – Elite wehrt. Das hat dann zu diesen naturburschigen Interpretationen geführt und das ist natürlich Quatsch.

Höppner: Er sitzt ja auch immer so lange im deutschen Wald rum.

Bonny: Aber das Interessante, was darunter liegt, ist diese konservative Figur, deren Platz infrage gestellt wird. Radikalisiert sie sich dann? Glaubt sie, sie könne die Kontrolle über die Radikalen behalten? Sowieso ist deutsche Heldenhaftigkeit ein besonders unappetitliches Thema. Bei uns ist der „Götz“ eine Tragödie. Auch über die reaktionären Gespenster unserer Gegenwart, die viele leichtsinnig tot geglaubt haben.

Was den Rechten von heute am „Götz“ so gut gefällt, ist die Behauptung von dem einen Anständigen, der sich sowohl gegen den Mob von unten als auch gegen die – sogenannte – Elite wehrt.
Jan Bonny

Gerade haben Sie in Düsseldorf eine Bearbeitung von Klaus Manns „Mephisto“ aufgeführt. Zufall oder schult der Filmregisseur Jan Bonny gerade auf Theater um?

Bonny: Das weiß man ja nie so genau, was im Leben Zufall und was Plan ist. Die Auseinandersetzung mit dem Theater hat sich über die letzten Jahre gerade aus der Zusammenarbeit mit Schauspielern wie Ben Höppner ergeben. Ich war neugierig, mal auszuprobieren, wie man da erzählerisch arbeiten kann, wie sich im Theater der Erzählraum vom Film unterscheidet. Ich sage bewusst Raum, weil die Erzählachsen in anderen Dimensionen verlaufen. Ich finde am Theater toll, wie sehr das den Schauspielern gehört. Man gerät auch mit dem Publikum anders in Kontakt – und auch in Konflikt. Theatergänger erheben einen anderen Anspruch an ihre Bühne, haben ein sehr emotionales Verhältnis zu ihrer Bühne. Mit solchen Erwartungen zu arbeiten, finde ich reizvoll.

Aber auch angsteinflößend, oder?

Bonny: Man muss die Erwartungen ja nicht zwingend befriedigen. Und nicht alles muss sich zu 100 Prozent auflösen. Der Zuschauer darf an unserem Denk- und Entstehungsprozess teilnehmen. Wir wollen den offenlegen, sichtbar lassen. Ich glaube, das ist das eigentliche Vergnügen. Es geht nicht darum, hier ein Make-Believe herzustellen. Theater, das sich bemüht, filmisch daherzukommen, finde ich gar nicht so interessant.

Haben Sie beide zuerst bei der Reichsbürgerserie „Freiheit ist das Einzigste, was zählt“ zusammengearbeitet?

Höppner: Nein, wir kennen uns aus einer Arbeit, in der mich Jan als den besten Freund von Dirk Nowitzki besetzt hat. Seitdem habe ich immer mal wieder in Jans Filmen mitgespielt. Ich mag die Arbeit mit ihm sehr, weil sie viel mit Unmittelbarkeit zu tun hat. Als Schauspieler bekommt man beim Film eine große Freiheit, eigene Ideen und Vorgänge zu entwickeln. Aber jetzt am Theater mit Jan zu arbeiten ist für mich auch neu, weil sich durch die unterschiedliche Erzählform andere Sachen ergeben. Da stellt sich zum Beispiel die Frage, wie man diese Unmittelbarkeit immer wieder erreichen kann.

Bonny: Überhaupt müssen die Schauspieler und Schauspielerinnen sich viel autonomer durch so ein Stück bewegen, sich in höherem Maße selbst inszenieren. Ich bin von unserem Ensemble beeindruckt. Aber es ist vor allem der Schnitt, der Film vom Theater unterscheidet, die stärkere Verdichtung und Rhythmisierung von Raum und Zeit. Am Theater gibt es dafür aufregende Momente durch Fehler, durch Überforderung und Verunsicherung. Genau wie spürbare Disziplin und Hingabe. Einfach spielerische Brillanz. Es ist ein Geschenk, dass alle zusammen im selben Moment im gleichen Raum sind. Aber ehrlicherweise trete ich hier an, um etwas zu lernen. Ist gar nicht so kokett gemeint, wie es sich anhört. Ich würde auch gar nicht auf die Idee kommen, alles richtig machen zu wollen.

Ich mag die Arbeit mit Jan Bonny sehr, weil sie viel mit Unmittelbarkeit zu tun hat.
Benjamin Höppner

Es geht bei Götz von Berlichingen um Freiheit, um ein Aufbegehren gegen die Ordnung. Da denkt man heute schnell an die erwähnten Reichsbürger. Ist Freiheit zum rechten Begriff geworden?

Bonny: Das würde ich verneinen. Aber es gibt einen Kampf um den Begriff, was Freiheit eigentlich ist. Welche Freiheit meinst du, wenn du Freiheit sagst?

Höppner: Es findet eine rechte Aneignung statt.

Bonny: Ja, klar gibt es eine Aneignung von linken Begriffen durch die Rechte. Aber auch von rechten Begrifflichkeiten durch die Linke. Allein deshalb sollte man den Freiheitsbegriff auf gar keinen Fall vereindeutigen. Der Kampf um Sprache ist immer politisch und nie zu Ende. Auch wir verhandeln die – und ich wähle bewusst den Plural – Freiheitsbegriffe der Gegenwart. Indem wir eine uns zuerst fremde, historische Welt betreten. Im besten Fall schärft das den Blick für das darin angelegte Grundsätzliche und Zeitübergreifende. Der erzählerische Zugang ist für meinen Co-Autor Jan Eichberg und mich das im Stück angelegte Familiendrama. Das Verhältnis von Götz zu seinem Sohn. Auf keinen Fall darf man so eine Arbeit mit der Absicht anfangen, jetzt mal allen die Freiheit erklären zu wollen. Das ist Quatsch, das funktioniert nicht. Dann ist man sofort im Schulfernsehen.

Aber das ist doch heutzutage eine entscheidende Frage?

Bonny: Der Freiheitsbegriff ist immer der Begriff der Stunde. Erzählerisch hat die Verschiebung hin zum Vater-Sohn-Drama natürlich Konsequenzen, durch welche die nötigen Veränderungen zum Original entstehen. Die befüllen wir als Zuschauer mit dem, was wir von heute, von uns selbst da reinbringen. Jedenfalls hoffe ich das ganz optimistisch. Man könnte auch sagen: Durch die Risse dringt die Gegenwart ein. Sie können sich das vorstellen wie bei meinem Film „Wintermärchen“. Natürlich ist das vom Ende aus betrachtet ein Film über Rechtsradikalismus, über rechte Gewalt. Aber es ist zuerst ein Beziehungsdrama zwischen drei Figuren und damit öffnet man einen Zugang in eine fremde Welt. Ich denke, man muss immer von Menschen erzählen, nicht von Themen. Diese erschließen sich dann durch die Nähe zu den Figuren. Alle unsere Figuren sind im Kampf um ihre eigenen Freiheiten begriffen.

Höppner: Als Zuschauer kann man einem Familiendrama viel näher folgen, weil man sich darin wiedererkennt. Und über dieses Wiedererkennen kann man dann den Freiheitsbegriff von Götz und die konkurrierenden und immer eigenen Freiheitsbegriffe der anderen hoffentlich ein bisschen besser verstehen. Der Kampf um die eigene Freiheit ist auch immer ein Kampf ums Überleben, an dem einzelne Figuren im Stück scheitern.

Bonny: Und es geht auch um Dich, Ben, oder um uns. Es ist die Geschichte eines Menschen im mittleren Alter. Das Ende kommt langsam in Sicht. Reagiert man darauf mit Verbitterung? Mit Sendungsbewusstsein? Mit Demut? Die Lebensmitte ist gleichermaßen Tragödie wie Komödie und ich glaube, dass sich bei uns diese Tonalitäten gegenseitig ergänzen. Und weil es eine Geschichte von Vater und Sohn ist, erzählt sie auch von unterschiedlichen Betrachtungsweisen. Wie sieht man als 23-jähriger junger Mann die Welt, wenn man noch nicht allzu viele - eben auch - schmutzige Kompromisse gemacht hat? Und ist man mit 50 verbittert darüber, dass man zu viele Kompromisse gemacht hat oder verteidigt man diese Kompromisse und verurteilt die noch unerschütterte Sicherheit des 23-Jährigen? Damit geht es sofort auch um völlig unterschiedliche Begriffe von Freiheit.

Vor 60 Jahren war es für einen Schauspieler viel einfacher, den Götz von Berlichingen mit großer Emphase auf die Bühne zu poltern. Die Aufgabe ist jetzt schwieriger geworden, nicht wahr?

Höppner: Ja, das würde ich auch sagen. Wenn man vor 60 Jahren auf die Bühne gegangen ist, hat man noch etwas ganz anderes kolportiert. Jetzt sucht man eher nach einer Gebrochenheit in der Figur, nach einer Ambivalenz. Alle Menschen sind ambivalent, alle haben ihre Grauzonen. Das Spannende ist, diese Grauzonen herauszuschälen. Im „Götz“ hat man jemanden, der gewalttätige Dinge tut. Man kann aber nachvollziehen, woraus die Gewalt entsteht oder warum diese Dinge passieren. So eine Entwicklung zu zeigen, das ist das Spannende am Schauspielen.

Bonny: Wir haben einen großen Teil der Goethe’schen Sprache behalten, da zeigen sich auch neue Facetten, wenn eine bröckelige Gegenwartssprache daneben gesetzt wird. Auch das Bühnenbild von Alex Wissel bringt das zum Ausdruck, mit seinen Elementen aus deutschen Baumärkten und Wellpappe vor Brueghels Triumph des Todes.

Höppner: Das ist auch spannend bei der Erarbeitung, weil man als Schauspieler versuchen muss, in diese Goethe-Sprache einen direkten Ton zu bekommen.

Bonny: Ich finde unser Stück hat Schwung, ist nicht allzu lang – und es ist halt sehr deutsch. Aber ich habe mich auch in den Filmen und Arbeiten, die ich in den letzten Jahren hergestellt habe, immer mit unserer Gesellschaft im gegenwärtigen Moment beschäftigt, ob das jetzt „Wintermärchen“ war oder „King of Stonks“. Was soll man denn sonst auch machen?