Heidi-Experte Peter Otto Büttner und Dracula-Fan Mark Benecke suchten nach Gemeinsamkeiten zwischen zwei Ikonen der Weltliteratur
lit.Cologne 2025„Das ist Energie-Vampirismus“ – So viel „Dracula“ steckt in „Heidi“

Mark Benecke ist forensischer Biologe und Vorsitzender der internationalen Dracula-Gesellschaft.
Copyright: Hieronymus Rönneper
Es war schon etwas verrückt, was sich die lit.Cologne für eine der letzten Veranstaltungen des diesjährigen Literaturfests vorgenommen hatte. Da bediente man sich zweier Legenden der Weltliteratur und stellte die Frage: Wie viel „Dracula“ steckt denn wohl in „Heidi“?
„Nicht ein bisschen“, war bis dato wohl die naheliegende Antwort eines jeden Zuschauers in der Kölner Stadthalle, der die Geschichten über das liebenswürdige schweizerische Waisenmädchen und den blutsaugenden Vampir Graf Dracula kannte. Doch auf der Suche nach Parallelen zwischen Schriftstellerin Johanna Spyri, sie schrieb Heidi 1880, und Autor Bram Stoker, der Dracula 1897 veröffentlichte, wich das skeptische Gelächter im Publikum schnell überraschten Blicken.
Johanna Spyri veröffentlichte „Heidi“ 1880, Bram Stoker „Dracula“ 1897
Heidi habe eine ähnliche Situation erlebt, wie Jonathan Harker im Schloss des Grafen, erklärte Spyri-Kenner Peter Otto Büttner. Der Schweizer ist promovierter Kulturwissenschaftler sowie Direktor des Heidi-Archivs, das im Mai 2023 von der Unesco als Weltdokumentenerbe anerkannt wurde.
Die Ähnlichkeit zwischen den Werken sei ursprünglich nur eine Randnotiz in seinen Aufzeichnungen gewesen, so Büttner. „Dann merkte ich, dass mehr dahinter steckt.“ Eine inhaltliche Parallele sei zum einen das Motiv der Isolation: Harker vereinsame im Schloss, Heidi werde erst auf die Alm geschickt und später im Frankfurter Herrenhaus von ihrer neugewonnenen Heimat abgekapselt. „Ich fühle mich wie in einem Vogelkäfig“, sage sie selbst.

Peter Otto Büttner ist Experte für „Heidi“, Präsident der Heidiseum Stiftung und Direktor des Heidi-Archivs.
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Außerdem gehe es in beiden Erzählungen um seelischen und körperlichen Zusammenbruch. Genauso sei der Dualismus von Stadt versus Land und Horror versus Idylle in beiden Romanen erkennbar. „Ich habe dann gesehen, dass es nicht nur textliche, sondern auch bildliche Übereinstimmungen gibt und dass die Rezeptionsgeschichte eine ähnliche ist“, erzählte Büttner.
Ihm gegenüber saß der nicht minder geeignete zweite Experte für dieses Thema: Mark Benecke. Der Kölner ist ein bekannter forensischer Biologe und Vorsitzender der internationalen Dracula-Gesellschaft. Kein Scherz!
Vampirismus auch bei „Heidi“?
Mit der Vampirgeschichte von Bram Stoker werde häufig nur das Schauerliche verbunden, so Benecke. In dem ursprünglichen Roman sei aber ebenfalls – wie bei Heidi – eine große Portion Liebe angelegt. „Alle denken, dass es in den Erzählungen über Untote in erster Linie um Hass geht. Das stimmt aber überhaupt nicht.“
Analogien fanden Büttner und Benecke in sprudelnden und lustigen Ausführungen noch weitere, vor allem, was den Vampirismus angeht. „Mich hat's fast einen Schlag getroffen, als ich das sah“, sagte Büttner und berichtete über das aus seiner Sicht stärkste vereinende Motiv. Während Heidi in den Fängen von Fräulein Rottenmeier in Frankfurt eingehe, blühe die im Rollstuhl sitzende Klara auf. Sie sauge Heidi sinnbildlich die Lebenskraft ab. „Das ist Energie-Vampirismus“, so der Heidi-Forscher.

Mavie Hörbiger las aus „Heidi“ und „Dracula“
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Erstaunlich eingängig machte diese Beobachtung auch Schauspielerin Mavie Hörbiger. Sie begleitete die Diskussion durch lange und wunderbar vorgetragene Lesepassagen aus beiden Werke und verlieh Klara schließlich eine ähnlich schaurige Stimme wie Dracula. „Komm hier her“, zitiere sie Klara mit einem gruseligen, langgezogenen Wispern.
Wer sich bei der lit.Cologne auf diese Lesart einließ, der war nach 90 Minuten überrascht davon, wie nah sich Spyri und Stoker waren, vermutlich ohne vom Werk des anderen jemals Kenntnis gehabt zu haben. Wer skeptisch blieb, der konnte sich zumindest auf eine Parallele einlassen: literarisch unsterblich sind sie beide, Dracula und auch Heidi.