Die britische Sängerin und Schauspielerin Marianne Faithfull ist im Alter von 78 Jahren gestorben. Unser Nachruf.
Nachruf auf Marianne FaithfullSo long, Marianne

Marianne Faithfull ist im Alter von 78 Jahren gestorben
Copyright: IMAGO/Prod.DB
Es ist ein Auftritt wie aus einem mittelalterlichen allegorischen Gemälde. Zur Rechten trippelt David Bowie in einem schwarz-rot-glänzendem Fetischoutfit aus PVC, schwarze Straußenfedern bedecken seinen Oberkörper, seine Augenbrauen sind rasiert und golden übermalt. Er nennt es sein Engel-des-Todes-Kostüm.
Zu seiner Linken schwankt Marianne Faithfull im schwarzen Nonnenhabit, mit der weißen Haube einer Novizin, und als sie die Arme unter der Ordenstracht hervor windet, sieht man ganz kurz, dass sie gar nichts darunter trägt. Sie singen, mehr schlecht als recht, das Sonny-und-Cher-Duett „I Got You Babe“.
Es ist der Herbst des Jahres 1973, Bowie ist auf dem Höhepunkt seiner Glam-Dekadenz, Faithfull hat er als schon verwitterte Ikone der 60er Jahre eingeladen. Wahrscheinlich soll sie in ihrem Kostüm Schwester Morphium darstellen, nach der gleichnamigen Ballade einer Heroinsüchtigen, die sie fünf Jahre zuvor zusammen mit ihrem damaligen Liebhaber Mick Jagger und mit Keith Richards geschrieben hat.
„Du weißt und ich weiß, dass ich am Morgen tot sein werde.“
„Du weißt und ich weiß, dass ich am Morgen tot sein werde“, sang sie darin und hatte doch noch gar keine harten Drogen genommen. Nun, im Duett mit dem PVC-Todesengel, klingt ihre Stimme schon wie von jenseits des Grabes. Als sie 1964 mit Jaggers und Richards zuckersüßer Liebesklage „As Tears Go By“ debütierte, war ihre Stimme ungebrochen, ja glockenhell und sie erschien als blonder Engel („mit Titten“, ergänzte ihr Entdecker, der manipulative Rolling-Stones-Manager Andrew Loog Oldham).
Ihr Vater war ein englischer Spion, ihre Mutter eine Baronin von Sacher-Masoch, die zur Weimarer Zeit auf Berliner Bühnen in Brecht/Weill-Produktionen die Beine geschwungen hatte, ihr Urgroßonkel der Verfasser der berüchtigten Novelle „Die Venus im Pelz“. Kurz, Faithfulls Weg als masochistisches Opfer sadistischer Rockstars schien im Nachhinein vorgezeichnet. Als sie auf dem Höhepunkt der dionysischen Sixties während einer Drogenrazzia in Richards Landsitz in Sussex nur mit einem Fellteppich bekleidet vorgefunden wird, ist ihr schlechter Ruf endgültig gefestigt, auch weil die Presse noch anzügliche Details hinzudichtete: „Wenn du dich als männlicher Drogenabhängiger so benimmst, wirst du nur noch mehr glorifiziert“, stellte Faithfull viele Jahre später ernüchtert fest, „aber eine Frau in derselben Situation nennen sie eine Schlampe und schlechte Mutter.“
Nach der Trennung von Mick Jagger war Marianne Faithfull obdachlos
Nach der Trennung von Mick Jagger, nach dem Ende der großen Party geht es immer weiter bergab, schließlich irrt sie obdachlos durch die Straßen von Soho, auf der Suche nach dem nächsten Schuss.
Doch es gibt keine vorgezeichneten Wege. Menschen ändern sich, Zeiten ändern sich und manchmal sogar die Geschlechterverhältnisse. Am Ende der 70er Jahre gelingt Faithfull der Neustart. Ihr Album „Broken English“ lässt die Rockstars, die sie in den 60ern zugedröhnt auf dem Teppich liegen ließen, alt und müde aussehen, klingt frisch, abgespeckt, punkig, geil kaputt und glashart.
Während die Rolling Stones längst an ihrer Selbstmythologisierung arbeiteten, hatte Marianne Faithfull einen klaren Blick auf die bleierne Zeit behalten, sang von Ulrike Meinhof und vom Kalten Krieg, von frustrierten Hausfrauen, die davon träumten, einmal nackt und schreiend durch die Straßen zu rennen.
Tatsächlich brauchte Faithfull auch nach ihrem Meisterstück noch einige Jahre, um von den Drogen loszukommen. Eine Nonne oder ein Engel war sie eben nie. „Ich weiß, dass ich dekadent bin“, gestand sie vor ein paar Jahren dem „Guardian“, „aber ich weiß inzwischen auch, dass ich deswegen nichts unternehmen muss.“
Im April 2021 hatte Faithfull drei Wochen lang wegen einer Corona-Infektion im Krankenhaus behandelt werden müssen, überlebte gegen die Vorhersage der Ärzte. Am 29. Januar ist Marianne Faithfull nun im Alter von 78 Jahren gestorben. Sie sei, zitierte die BBC einen Sprecher, im Kreise ihrer Familie in London friedlich entschlafen.