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Netflix-Hit„Adolescence“ ist die Antwort auf Andrew Tate und Trump, die es braucht

Lesezeit 7 Minuten
Montage aus der Netflix-Serie Adolescence, Andrew Tate und Donald Trump

Montage aus der Netflix-Serie Adolescence, Andrew Tate und Donald Trump

Die Netflix-Produktion „Adolescence“ begeistert Millionen. Sie ist die längst überfällige Antwort in einer Welt voller misogyner Männer.

Der Brite Andrew Tate dürfte mittlerweile vielen Menschen ein Begriff sein. Den einen, als gesuchter, potentieller Straftäter, dem unter anderem Vergewaltigung, Menschenhandel und die Bildung einer kriminellen Vereinigung zur sexuellen Ausbeutung von Frauen zu Last gelegt wird.

Den anderen als Internetpersönlichkeit, der sein ultra-luxuriöses Leben zwischen Privat-Jets, Yachten und teuren Autos in sozialen Netzwerken zur Schau stellte und mit frauenverachtenden Äußerungen ein Millionenpublikum erreichte – bis Meta und Co ihm seine Accounts sperrten. Im Sommer 2022 ist das gewesen, also vor fast drei Jahren.

Doch Andrew Tate ist aktueller denn je. Das liegt an ihm selbst, Donald Trump und der britischen Netflix-Produktion „Adolescence“. Vor allem an der Zeit, in der wir leben.

„Adolescence“: Darum geht es in dem Netflix-Hit

Im Zentrum der britischen Miniserie „Adolescence“ steht Jamie Miller (gespielt von Owen Cooper), ein Heranwachsender, der eines Abends seine Mitschülerin Katie Leonhard (Emilia Holiday) mit einem Messer ersticht. Am nächsten Morgen stürmt die Polizei Jamies Jugendzimmer und nimmt den 13-Jährigen fest.

Von da an beleuchten die Serienmacher Jack Thorne und Stephen Graham, wie Jamie Miller zu dem Mörder wurde, der er ist.Miller fühlte sich von seinem späteren Opfer gemobbt, ist sozial isoliert, flüchtet sich ins Netz und übernimmt nach und nach gefährliche, misogyne Denkmuster. Sein fehlendes Selbstbewusstsein wird nicht nur zur Gefahr, sondern in einem Akt ausgelebter aggressiver Maskulinität Mitschülerin Katie zum Verhängnis.

Für ihre Serie haben sich Jack Thorne und Stephen Graham nach eigener Aussage von realen Fällen, die sich in Großbritannien in den vergangenen Jahren ereignet haben, inspirieren lassen. Eines ihrer Anliegen sei es gewesen, auf die gestiegene Messergewalt unter Jugendlichen aufmerksam zu machen und die Rolle zu beleuchten, die das Internet bei der antifeministischen Radikalisierung von jungen Männern spielt.

Der britisch-amerikanische Influencer Andrew Tate ist einer, dem immer wieder eine erhebliche Rolle bei eben jener Radikalisierung nachgesagt wird. Nicht umsonst werden Andrew Tate und das lose, antifeministische Netzwerk Manosphere namentlich im Drehbuch genannt.Doch der Hauptcharakter, so Serien-Schöpfer Thorne gegenüber dem britischen Guardian, sei „von Stimmen indoktriniert worden, die wesentlich gefährlicher sind, als Tate's.“

Andrew Tate: Das macht ihn gefährlich

Andrew Tate ließe sich leicht abtun als ein Mann der Extreme: extremer Luxus, extreme Ausfälle, extreme Vorwürfe. Ein Mann, der also mit den meisten Männern nichts gemein zu haben scheint, ein Mann, der vermeidlich für sich steht, einer, über den sich manch einer vielleicht sogar lustig machen kann.

Darüber, dass sich Tate durch Oberflächlichkeiten, wie die Audemars Piguet am Handgelenk, die Cohiba im Mund oder den Ferrari vor der Tür definiert.

Darüber, dass so jemand im Jahr 2025 Frauen als Eigentum eines Mannes bezeichnet und der Überzeugung ist, dass Frauen nicht wählen sollen, oder Opfern von Vergewaltigungen die Schuld an den ihnen widerfahrenen Taten gibt. Ein Zurückgebliebener, ein Gestriger, ein Laggard.

Andrew Tate sollte nicht abgetan werden. Und zum Lachen ist er auch nicht. Andrew Tate ist einer von uns. Und das macht ihn gefährlich.

Tate, Ess, McGregor: Brüder im Geiste

Denn der Hass, den der Influencer früher selbst über soziale Medien verbreitete und der heute von seinen Anhängern über unzählige Fan-Accounts ins Internet gelangt, stößt auf fruchtbaren Boden: 4,7 Millionen Menschen folgten Tate zuletzt auf Instagram, seine Beiträge erreichten ein vielfaches mehr.

Das ist kein Wunder: Andrew Tate, der irische UFC-Kämpfer und verurteilte Vergewaltiger Conor Mc Gregor oder der deutsche Influencer Karl Ess, dem ebenfalls hunderttausende folgen, haben alle etwas gemeinsam. Sie verkörpern nicht einfach den von ihnen selbst und vielen weiteren selbsternannten Lifecoaches als erstrebenswert propagierten luxuriösen Lebensstil, dessen materielle Parameter über Erfolg und Misserfolg des eigenen und des Lebens der anderen entscheiden und damit über den Wert des Menschen an sich.

Ihre aggressiv durchgesetzte neo-kapitalistische Message geht einher mit dem Kampf für ein angeblich natürliches und in den letzten Jahren durch die angebliche Woke-Revolution verloren gegangenes patriarchalisches Weltbild, in dem der Mann das Sagen hat und die Frau sein Beiwerk ist.

Andrew Tate: Mit Frauenhass zum Star

Bevor Andrew Tate mit dem von ihm ins Leben gerufenen Programm „Hustler's University“, das sich an junge Männer richtet und diesen finanzielle Freiheit verspricht, den Durchbruch in den sozialen Medien schaffte, war der vierfache Kickbox-Weltmeister höchstens in Szenekreisen bekannt.

Zum weltweit bekannten Influencer, vielfachen Millionär und Ikone der Incels, einer subkulturellen Bewegung von unfreiwillig im Zöllibat lebenden heterosexuellen Männern, brachte es der amerikanisch-britische Staatsbürger Tate erst, durch das Verbreiten seiner frauenverachtenden Ideologie.

Trump liefert politische Legitimation für Misogynie

So wundert es kaum, dass ausgerechnet US-Präsident Donald Trump, der nicht nur durch seine berüchtigte Aussage, als Prominenter dürfe man Frauen an die Genitalien fassen („Grab 'em by the pussy“), sondern sich ebenso in einem Vergewaltigungsprozess verantworten musste, selbst das bestehende Einreiseverbot gegen Andrew Tate und seinen Bruder Tristan, die zuletzt beide in Rumänien unter Hausarrest standen, aufgehoben hat. Denn der US-Präsident ist nicht der einzige, aber sicher der prominenteste politische Vertreter, der von Tate und Gleichgesinnten propagierten Haltung und kämpft mit politischen Mitteln für eben selbige.

Die Brüder, die sich die letzten Jahre in Rumänien niedergelassen haben, nutzten die Gunst der Stunde für eine mehrwöchige Reise in die Vereinigten Staaten und teilten dort in gewohnt abgehobener Manier gegen Andersdenkende, Medien und Justiz aus.

Florida ist kein Ort, an dem man willkommen ist, wenn solche Vorwürfe im Raum stehen.
Ronald De Santis (Republikanischer Gouverneur Floridas)

Auch das juristische Vorgehen des Staates Floridas nach Einreise der beiden Angeklagten Brüder, änderte daran nichts.

Trump, der als Präsident der Vereinigten Staaten das Land unternehmerisch führt, fällt nicht nur immer wieder durch misogyne Aussagen und fragwürdiges Verhalten gegenüber Frauen auf. Der US-Präsident führt seit Jahren einen erbitterten Krieg gegen das von ihm ausgemachte woke Establishment und schränkt in Konsequenz ganz konkret unter anderem die Rechte von Minderheiten ein, kürzt Mittel oder streicht Programme ganz.

Zutiefst gefährliche Geisteshaltung

Die ablehnende bis abfällige Haltung von Trump und seiner Adminstration, Conor Mc Gregor oder den Tate-Brüdern bezüglich Transgender-Personen und Homosexuellen ist kein Zufall, sie ist Zeugnis einer zutiefst gefährlichen Geisteshaltung.

Menfluencer wie Andrew Tate sind nicht zum Lachen. Es geht nicht um den Lambo in der Garage, die Villa mit Pool, den durchtrainierten Körper, auch wenn deren Inszenierung auf manche lächerlich wirken mag.Das alles kann erreichen, wer will.

Das gefährliche ist der propagierte Weg zum Erfolg. Und die Opfer, die dieser mit sich bringt: Frauen, LQBTQIA+ Menschen, andere Minderheiten. Und auch: Männer.

„Adolescence“: Darum ist der Netflix-Hit gerade jetzt so wichtig

Eine Serie wie der Netflix-Hit „Adolescence“ ist deswegen um so wichtiger. Der Mord von Jamie an Katie ist hier nicht einfach nur ein Mord unter Teenagern, es ist ein Femizid und wird auch als solcher benannt. In einer Zeit der Trumps und Tates gilt es aufzuzeigen, welche Auswirkungen aggressive Maskulinität haben kann, auch in ihrer radikalsten Konsequenz. Viel mehr noch, gilt es zu verstehen, wo die Gründe liegen, die in frauenverachtendes Verhalten münden.

„Adolescence“: Das macht die Serie richtig

Die Erkundung der Psyche Jamies, die Herausarbeitung seiner sozialen Isolation, des empfundenen Mobbings, der Flucht in das Internet, das die meisten Eltern als Gefahrenquelle zwar erkannt haben dürften, aber dennoch nicht verstehen oder schlicht überfordert sind, ist essentiell.

Essentiell, um Debatten führen und Strategien entwickeln zu können, die zum Ziel haben, die Radikalisierung junger Männer und die damit einhergehenden Konsequenzen für andere Geschlechter, aber auch die Betroffenen selbst, zu minimieren respektive zu verhindern.

Dabei muss verstanden werden, das Manosphere-Anhänger wie Andrew Tate keine Sonderlinge aus dem großen, weiten Internet sind, das man einfach ausknipsen kann. Die von Ihnen propagierte Ideologie kennt viele Wege, die politische Agenda eines Donald Trumps ist nur ein weiterer davon. 

„Adolescence“ liefert diesen Blick, liefert den Stoff für gesellschaftliche und politische Debatten, liefert Ansätze. Karl Ess zu folgen, gehört nicht dazu.