Die Kölner Galerie Boisserée zeigt und verkauft rund 100 Grafiken und Keramiken aus dem Spätwerk Pablo Picassos. Wer bietet mehr?
Picasso in KölnWarum sich die Lust am Leben nicht delegieren lässt

Pablo Picasso im Jahr 1968. Die Kölner Galerie Boisserée zeigt eine Ausstellung des Künstlers.
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Im Sommer 1946 war die Liebe zwischen Picasso und Françoise Gilot noch frisch, und das 65-jährige Genie wurde nicht müde, seine junge Eroberung mit Pinsel oder Zeichenstift zu feiern. Wie eine Trophäe wirkt auch die Lithografie, die Picasso am 14. Juni von seiner Françoise anfertigte: ein Frauenkopf mit langem Hals, der wie abgetrennt auf einem Gekräusel ruht. Vermutlich brauchte Picasso für seinen Geniestreich nur ein paar Sekunden; wie durch ein Wunder stehen die wenigen Linien alle an der richtigen Stelle. Lediglich die linke Pupille hängt über das untere Augenlid hinaus wie ein verlaufendes Spiegelei.
Absicht oder Schlendrian? Die Picasso-Forschung dürfte zu ersterem neigen und in der tränenden Pupille eine verkappte Träne sehen. Wie man seit Gilots Buch „Surviving Picasso“ weiß, war ihr gemeinsames Glück beinahe von Anfang an kein ungetrübtes. Und so bleibt eigentlich nur zu klären, was sich der Maler an diesem Tag gegenüber seiner 40 Jahre jüngeren Geliebten herausgenommen hat.
So viel Picasso im freien Verkauf war selten, die Galerie läuft beinahe über
Die melancholische Gilot gehört zu den Blickfängen der aktuellen Ausstellung in der Kölner Galerie Boisserée. So viel Pablo Picasso im freien Verkauf war selten, die Galerie gegenüber der Minoritenkirche läuft beinahe über vor Grafiken, Keramiken und beigefügten Picasso-Aufnahmen des Fotografen Edward Quinn. Das Museum Ludwig mag mehr und berühmtere Picassos haben. Aber die hängen nicht im Schaufenster, um ahnungslose Passanten zu verwirren.
Stattliche 138 Positionen umfasst die Preisliste der Galerie, und wenn man Quinns Fotografien abzieht, bleiben immer noch beinahe 100 Picassos übrig. Die Arbeiten stammen sämtlich aus dem Spätwerk des Künstlers, das zu Picassos Lebzeiten in etwas liederlichem Ruf stand, mittlerweile aber als souveränes Ringen gegen die verstreichende Zeit zu Ehren kam. An den späten Themen liegt das eher nicht, denn die passen wunderbar ins Klischee vom alternden Macho, der sich an schönen Frauen, lüsternen Sagenfiguren und Stierkämpfen jung erhält.

Pablo Picassos „Stierkampf auf schwarzem Grund“ (1953)
Copyright: Galerie Boisserée, Köln und VG Bild-Kunst, Bonn 2025
Bei Boisserée begegnen sie einem nun alle wieder, angefangen bei den Beischlafszenen über eine barbusige Schlafende bis hin zum fabelhaften Minotaurus, Sinnbild des Tiers im Künstlermann. Eine imposante Reihe an Grafiken zeigt Künstler und Modell, wobei letzteres meist nackt ist und ersterer den alles verschlingenden Eros malend sublimiert. Auf einer Farblithografie aus dem Jahr 1953 scheint der Maler zweigeteilt zu sein: in einen alten Weisen und einen jungen Bauernlümmel, der zum stierenden Blick ein Grasbüschel als Kopfschmuck trägt.
Es sind Bilder eines Mannes, der sich und anderen offenbar nichts mehr beweisen und vor allem vormachen muss. Also warum nicht zugeben, dass alt werden ein ewiger Kampf ist und sich die Lust am Leben nicht einfach an die Fantasie delegieren lässt – und sei diese auch von Altersschwäche weitgehend ungetrübt? Seine technische Meisterschaft hatte Picasso im Alter ebenso wenig verlassen wie sein Einfallsreichtum, selbst wenn sich dieser mitunter im souveränen Selbstzitat erschöpft.
Die Bilder des mit Picasso befreundeten Quinn verleihen der Ausstellung einen privaten Rahmen
Die Bilder des mit Picasso befreundeten Quinn verleihen der Ausstellung einen beinahe privaten Rahmen, als wäre man in Haus und Atelier zu Gast und könnte miterleben, wie das eine auf das andere durchschlägt. Man sieht Picasso mit seinen (und Gilots) Kindern spielen und daneben Radierungen eines friedlichen Familienlebens (meistens allerdings „Mutter und Kinder“); Quinn zeigt den rauchenden Picasso und die Galerie hängt ein qualmendes Mehrfarbgesicht daneben. In dieser Manier fügen sich die Motive zu Gruppen: die Tauben, Eulen, Stillleben und Faune - und natürlich der Stierkampf als Symbol für Kraft und Tod.
Die größte Arbeit der Ausstellung ist eine Grafikserie über das Handwerk des Toreros, die Picasso als geborenen Erzähler zeigt. Sie beginnt mit einigen Stieren, die nichts Böses ahnend auf der Wiese weiden, und endet mit dem getöteten Tier, das aus der Arena gezogen wird. Es ist ein virtuos hingetupfter, aber ungleicher Kampf. Für Picasso liegt seine zweifelhafte Schönhaft darin, dass auch uns das Leben eines Tages in die Knie zwingt.
„Visiting Picasso“, Galerie Boisserée, Drususgasse 7-11, Köln, Di.-So. 10-13, 14-18 Uhr, Sa. 11-15 Uhr, bis 15. März 2025. Katalog: 10 Euro.