Nora Abdel-Maksouds Jobcenter-Komödie „Jeeps“ war ein Erfolgsstück der vergangenen Jahre. In Köln kann man jetzt noch mal sehen, warum.
Schauspiel KölnWas, wenn statt erben ums Geld gelost würde?
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von Nora Abdel-Maksoud
Regie: Fritzi Wartenberg
Regie: Fritzi Wartenberg
Video & Bühne: Elena Scheicher
Kostüme: Polly Stephan
Musik/Komposition: David Rimsky-Korsakow
Licht: Jan Steinfatt
Dramaturgie: Sibylle Dudek"
Anja Laïs, Yuri Englert und Nikolaus Benda in „Jeeps“ im Depot 2
Copyright: Thomas Aurin
Eine Neiddebatte würde man gerne starten, kündigt Anja Laïs an. Es gehe ums Erben. Darum, dass die Reichen unter sich bleiben, weil Lohnarbeit keinen Wohlstand schafft. Wenn man denn Arbeit findet. Darum, dass 400 Milliarden Euro pro Jahr in Deutschland vererbt werden, aber jedes fünfte Kind in Armut aufwächst. Da wird es plötzlich ernst im Depot 2. Und unangenehm, wenn das Ensemble die Zuschauertribüne nach heimlichen Erben absucht.
Dabei hatte der Abend so überschäumend angefangen. Das Quartett der Spielenden war auf Mini-Geländewagen sitzend auf die Bühne von Elena Scheicher gefahren. Umkurvte deren runde Metallgeländer mit angewinkelten Beinen zu fröhlichem Technogeboller. Das erinnerte an ein Fahrgeschäft auf einer Kirmes (oder an das Video von Daft Punks „Around the World“). Stattdessen befinden wir uns in Nora Abdel-Maksouds bewusst irreführend betitelter Komödie „Jeeps“ in einem Jobcenter.
Im Jobcenter treffen Enterbte auf Bürgergeld-Empfänger
Hier treffen sich nicht länger nur Arbeitssuchende und Bürgergeldempfänger, sondern seit neuestem sämtliche Schichten, vom Dauerhartzer bis zum Keksfabrikantenkind. Seit nämlich die Regierung das Erbschaftsrecht – Abdel-Maksoud nennt es die „Eierstock-Lotterie“ abgeschafft und durch eine echte Lotterie ersetzt hat.
Ab sofort herrscht echte Chancengleichheit, Sohn oder Tochter oder anderweitig verwandt sein, das reicht nicht mehr – die Vermögen Verstorbener werden per Losglück weitergereicht. Und ausgelost wird im Jobcenter, dem Jahrmarkt der Gesellschaft, der bald eine eigene Mikroökonomie herausbildet, mit Foodtrucks und Boulderwänden und Armenkindern, die für enterbte Schnösel anstehen.
Das mag arg konstruiert klingen, aber Nora Abdel-Maksoud gewinnt ihrem soziologischen Gedankenexperiment ein Maximum an boulevardeskem Spaß und Tempo ab, hier wird gewissermaßen auf der Kartrennstrecke philosophiert.
Die Autorin hat „Jeeps“ 2021 als Auftragsarbeit für die Münchner Kammerspiele geschrieben, seitdem ist es an etlichen deutschsprachigen Theatern nachgespielt worden. Auch Rafael Sanchez hat es bereits inszeniert, vor knapp einem Jahr am Schauspiel Essen.
In Köln überlässt der Intendant der jungen Regisseurin Fritzi Wartenberg den dankbaren Stoff. Die konnte erste Erfolge am Berliner Ensemble feiern, wird demnächst am Wiener Burgtheater arbeiten, mit „Jeeps“ stellt sie sich dem Kölner Publikum vor, mithilfe ihres spielwütigen Ensembles: Nikolaus Benda versprüht als distanzloser Möchtegernchef Armin „Stromberg“-Vibes, Yuri Englert gibt als Gesichts-blinder Sachbearbeiter Gabor seinen humorlosen Gegenpart (und ist dabei sogar noch lustiger).
Maddy Frost spielt die „kölsche Anna Wintour des Handtaschen-Designs“
Auf der anderen Seite des Schreibtisches umgarnen, beschimpfen oder nötigen sie ihre Kundinnen – Armin nennt sie „Opferwürste“: Anja Laïs spielt die Bürgergeld-Empfängerin Maude, eine Kitschroman-Autorin, die nach einer Stechapfel-Sucht unter Wortfindungsstörungen leidet. Und Maddy Frost spielt Silke, die „kölsche Anna Wintour des Handtaschen-Designs“. Es sind Handtaschen aus „zertifiziertem Ziegenlammleder der Hennes-Dynastie“, in der Münchener Fassung waren es „Laptops in Lederhosen“. Silke ist Start-Upperin, aber noch lieber träte sie das Erbe ihres Vaters an, denn das umfasst immerhin eine Mietwohnung am Brüsseler Platz und gehört zu ihrem Selbstverwirklichungsprogramm zwingend dazu.
Der überkorrekte Sachbearbeiter Gabor will ihr indes noch nicht einmal eine Loschance gewähren, weil sie im Anlageverzeichnis ihres Antrags „Einkommenssteuer“ mit behördlich unzulässigem Fugen-s geschrieben hat. „Da wiehert der Amtsschimmel“ hätte man da früher formuliert (mit Fugen-s), und die wilde Handlung, die sich durch das Aufeinandertreffen von Reformwillen und Egoismus entspinnt, wirkt wie mit der Räuberpistole aufs Blatt geschossen.
Nora Abdel-Maksoud aber geht es eher um die Lebenslügen der Mittelschicht, denn „man muss es sich leisten können, so zu tun, als sei man arm“, und die besten Gags zielen treffsicher auf die empfindlichsten Organe typischer Theatergänger. Die Komödie zappt zwischen satirischen Rückblenden und kolportagehaften Plot, beschleunigt dabei erheblich, manchmal wünscht man sich dabei, Fritzi Wartenberg hätte der Improvisationswut ihrer Akteure weniger Spiel gelassen und stärker dem Text vertraut.
Doch das ist nur eine kleine Mäkelei am Rande: „Jeeps“ ist ein ätzendes Vergnügen, und am Ende lacht man dabei über sich selbst.