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„Schicksalsstunden einer Demokratie“Die Weimarer Republik als Warnung für die Gegenwart

Lesezeit 4 Minuten
Eine Blaskapelle spielt auf einem offenen LKW Musik.

Wahlwerbung anno 1919 für den Sozialdemokraten Friedrich Ebert zu Beginn der Weimarer Republik

Volker Ullrich untersucht in seinem neuen Buch, warum die Demokratie der Weimarer Republik starb - und was das für uns bedeutet.

Auf Seite 193 wird es dann selbst für Begriffsstutzige ganz offensichtlich und ganz aktuell: „Eine Brandmauer nach rechts steht für die thüringische DVP nicht zur Debatte.“ Man braucht nur den Parteinamen „DVP“ durch „CDU“ zu ersetzen, dann läse sich die Stelle wie ein Kommentar zur bevorstehenden thüringischen Landtagswahl und zu den Koalitionsoptionen nach den prognostizierten massiven Stimmengewinnen für die dortige AfD.

Es geht aber in Volker Ullrichs neuem Buch (über die Weimarer Republik) nicht um eine Landtagswahl anno 2024, sondern um das Jahr 1930. Damals wurde die DVP im Verbund mit anderen rechtsbürgerlichen Parteien zum Steigbügelhalter des ersten nationalsozialistischen Regierungsmitglieds auf Länderebene: Der Hitler-Intimus Wilhelm Frick übernahm in Thüringen das Innen- und das Volksbildungsministerium.

In Thüringen wurde das Ende der Weimarer Republik geprobt

Der Schaden, den er bis zu seinem Sturz nach 14 Monaten an der demokratischen Struktur und Kultur in seinem Verantwortungsbereich anrichtete, konnte dann größer kaum sein: Systematisch ließ er republiktreue Beamte aus dem Polizei- wie Schuldienst entfernen; er vertrieb das Bauhaus aus Weimar, setzte die Berufung des NS-Rasseideologen Hans F.K. Günther an die Uni Jena durch, führte völkische Schulgebete ein. Kurzum: Frick zog als eine Art Generalprobe durch, was dann nach dem 30. Januar 1933 im großen Stil reichsweit ins Werk gesetzt werden sollte.

Üblicherweise nimmt diese Thüringen-Episode in Gesamtdarstellungen der Weimarer Republik nur ein paar Seiten in Anspruch, kein komplettes Kapitel wie in der Darstellung des produktiven Hamburger Historikers und früheren „Zeit“-Redakteurs. Indes ist „Schicksalsstunden einer Demokratie“ auch nicht als Komplettanalyse der ersten deutschen Demokratie konzipiert. Vielmehr bildet Ullrich bei grundsätzlich chronologischer Anlage thematische Schwerpunkte, die sich um von ihm als solche herausgestellte Schlüsseldaten gruppieren. Die einzelnen Kapitel beginnen zumeist mit der Nennung des jeweiligen Tages und gleichsam szenischen Einstiegen in das, was damals geschah: 9. November 1918 – die Revolution in Berlin; 24. Juni 1922 – der Mord an Walther Rathenau; 29. Mai 1932 – der Sturz von Reichskanzler Heinrich Brüning, und so weiter.

Ullrich gelingt es überzeugend, den Blick über das einzelne Datum hinaus zu weiten

Man könnte diese Dramaturgie kritisieren: Wird da nicht, wie in Stefan Zweigs „Sternstunden der Menschheit“, die Bedeutung einzelner Kalenderdaten übertrieben, ja mystifiziert? Solche möglichen Einwände vermag der Autor indes zu zerstreuen: Sicher fällt einiges mehr oder weniger durch den Rost dieser Darstellungsweise, etwa die mittlere Weimar-Periode. Das mag damit zusammenhängen, dass Ullrich hier auch bereits publizierte eigene Beiträge kompiliert. Indes gelingt es ihm immer wieder überzeugend, den Blick über das einzelne Datum hinaus zu weiten, das jeweilige Ereignis in einen dann breit entfalteten zeitgeschichtlichen Kontext zu stellen. Und der Stil des Buches ist, wie stets bei Ullrich, beneidenswert lebendig und packend, hält souverän die Mitte zwischen Drama und Analyse. Langeweile ist hier Fehlanzeige – selbst wenn der Leser schon so ungefähr weiß, was ihn erwartet.

Sicher: Der Verfasser schreibt „Weimar“ nicht neu, entdeckt und verarbeitet auch keine neuen Quellen (die bekannten und zugänglichen werden freilich gekonnt „montiert“). Und die ausdrückliche Reverenz an die großen Vorgänger Karl Dietrich Bracher und Heinrich August Winkler ist immerhin aller Ehren wert. Aber Ullrich setzt doch eigene Akzente, die ein bestimmtes Erkenntnisinteresse signalisieren: Er versucht, die erste deutsche Republik nicht von ihrem katastrophalen Ende her zu denken (ganz gelingt das nicht, niemand kann sich künstlich dümmer machen, als er ist) und damit aus dem Status einer bloßen „Vorgeschichte“ (des Dritten Reiches) zu befreien. Deutlich wird allemal und aufs Neue: Der 30. Januar war nicht zwangsläufig, sondern der „Worst Case“ in einem Strauß (leider nicht realisierter) Alternativen, die es bis zum buchstäblich letzten Augenblick gab. Frei nach Brechts „Arturo Ui“: Der Untergang von Weimar war „aufhaltsam“.

Auf der anderen Seite gerät das Buch zu einem eindrucksvollen Beleg der Erkenntnis, dass Demokratien sterben können. „Demokratien sind fragil“, heißt es gleich zu Beginn: „Sie können in eine Diktatur umschlagen. Freiheiten, die fest errungen schienen, können verspielt werden.“ Gerade das Thema „Wilhelm Frick in Thüringen“ wird in diesem Sinn zu einer eindringlichen Lehrstunde. Mit Blick auf die bevorstehende Wahl just in diesem Bundesland mag man bemängeln, dass Ullrich hier etwas zu suggestiv und zu aktualistisch die Warnlampe schwingt. Aber eine historische Darstellung kann auch kaputt differenzieren, damit jeden Erkenntniswert für die Gegenwart verspielen und sich solchermaßen selbst entwerten. Und angesichts der aktuellen politischen Situation in Deutschland ist es legitim, wenn ein kenntnisreicher Autor auf die Schrift an der Wand hinweist, deren Existenz ja eh kaum zu leugnen ist.


Volker Ullrich: „Schicksalsstunden einer Demokratie. Das aufhaltsame Scheitern der Weimarer Republik“. C.H. Beck, 383 Seiten, 26 Euro