Olga Neuwirth ehrt Pierre Boulez zum hundertsten Geburtstag mit einer überwältigenden, düsteren Klangwelt, aufgeführt vom WDR Sinfonieorchester.
WDR-Reihe zum 100. Geburtstag von Pierre BoulezWie eine Kombination aus Geburtstagsfeier und Epitaph

Komponist und Dirigent Pierre Boulez, 2010
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Man hört das Orchester wie unter einer dicken Eisschicht: verschwommen, tief, dunkel, kalt, ungreifbar. Harmonien entgleiten zu Mikrotönen, Rhythmen zersplittern, Melodien zerfließen. Der zähe Klangstrom mit dominanten Blechbläsern und drängenden Crescendi speist sich aus Topoi des 19. Jahrhunderts und gipfelt in einem Zitat der markanten Doppelschläge von „Siegfrieds Trauermarsch“ aus Wagners „Götterdämmerung“.
Olga Neuwirths Hommage an Boulez
Olga Neuwirth schrieb ihr „Tombeau I“ zum hundertsten Geburtstags von Pierre Boulez am 26. März 2025. Neben neuer Musik dirigierte Boulez bevorzugt Debussy, Mahler und 1976 in Bayreuth den sogenannten „Jahrhundert-Ring“. Zu Ehren des 2016 verstorbenen Komponisten, Dirigenten, Kulturpolitikers, Ensemble- und IRCAM-Gründers lässt die österreichische Komponistin ihre dunkle Orchestermaterie immer stärker strahlen, als blähe sich ein sterbender Stern zur Supernova auf. Am Schluss verglüht das hochenergetische schwarze Loch in klirrenden Spitzentönen der Streicher. Das ist prachtvoll, schön und überwältigend, wirkt aber zugleich düster und bedrohlich wie eine Kombination aus Geburtstagsfeier und Epitaph. In jedem Fall eröffnete das exzellent agierende WDR Sinfonieorchester unter Leitung von Jonathan Nott mit dieser Deutschen Erstaufführung eindrucksvoll das in die Reihe „Kölner Sonntagskonzerte“ integrierte Konzert „Musik der Zeit“ zu Ehren des Jubilars.
Boulezʼ Virtuosität und Klangfarbenpracht
Typisch für Boulez sind Virtuosität, Brillanz, Farbe, Klangsinnlichkeit. Die Adaption seines „Dialogue de lʼombre double“ für Blockflöte von und mit Erik Bosgraaf blieb hinter dem Original für Soloklarinette und Elektronik allerdings zurück. Denn die Klarinette bewirkt mit ihrem ungleich größeren Tonumfang viel reichere Resonanzen auf dem pedalisierten und dann mikrophonierten Innenklavier. Das Hauptwerk des Abends „Pli selon pli“ beginnt wie ein Urknall mit einem Tutti-Schlag und mündet achtzig Minuten später exakt wieder in diesen Schlusspunkt. Der französische Perfektionist schrieb seinen fünfsätzigen Zyklus zwischen 1957 und 1962, um ihn anschließend wie fast alle seine Werke mehrmals zu revidieren. Wie ein geschliffener Kristall lebt diese klirrende Musik von Durchsichtigkeit, Klarheit, Brillanz. Über weite Strecken klingen die Instrumente nach- statt miteinander. Dann wieder gibt es erstaunliche Mixturen, Kontraktionen und splitternde Akzente, die sich wie das Licht im Prisma zu leuchtenden Regenbogenfarben des Orchesters auffächern.
Zwischen allem Funkeln, Glitzern und Blinken von Streichern, Bläsern, Klavier, drei Harfen, Gitarre, Mandoline sowie neun Schlagzeugern auf überwiegend metallischen Instrumenten strahlt der glockenhelle Sopran von Magali Simard-Galdès umso wärmer. Die Verse von Stéphane Mallarmé bleiben freilich komplett unverständlich. Die symbolistische Lyrik vom Ende des 19. Jahrhunderts feiert sich als L'art pour l'art vor allem selbst. Und ebenso autonom bewegt sich Boulezʼ Musik jenseits von wortausdeutender Programmatik. Umso irritierender sind plötzliche Vibrato-Exzesse des Solocellos oder die vielen großen Intervallsprünge der Vokalistin. Denn dieses Gestenrepertoire entfaltet eine Ausdruckskraft, die weder Mallarmé noch Boulez meinen. So verursacht die Klangfarbenfülle zugleich Faszination und expressives Chaos.
WDR3 und alle anderen Kulturradios der ARD senden das Konzert am 26. März.