Val Kilmer galt als schwierig, aber das galt nur, wenn seine Rollen den eigensinnigen Schauspieler unterforderten. Unser Nachruf.
Zum Tod des Hollywood-StarsVal Kilmers Karriere begann mit einem deutschen Bombenbauer

Val Kilmer starb am 1. April im Alter von 65 Jahren
Copyright: Charles Sykes/FR170266 AP/AP/dpa
Bevor Hollywood sein scharf geschnittenes Kinn und seinen goldenen Haarschopf entdeckte, bevorzugte Val Kilmer die ernste Muse, spielte Tschechow und Shakespeare, jagte als furienverfolgter Orest über die Bühne – und als deutscher Bombenleger.
Die renommierte Juilliard School hatte Kilmer nach der Highschool aufgenommen, mit 17 war er ihr jüngster Schüler. Dass der kalifornische Wunderknabe die autoritären Lehrmethoden des New Yorker Instituts verachtete, kann man schon daran ablesen, dass er mit einigen Klassenkameraden die damals in der BRD noch verbotene Autobiografie des Terroristen Bommi Baumann adaptierte und mit großem Erfolg einen Monat lang am Public Theater in Lower Manhattan aufführte.
In seiner ersten Kinorolle spielt Val Kilmer einen Rockstar auf DDR-Tour
Auch die nächste Rolle führte Kilmer nach Deutschland, viel weiter hätte er sich von seinen klassischen Wurzeln freilich nicht entfernen können: Die „Airplane!“-Macher Jim Abrahams und David und Jerry Zucker besetzten den Newcomer in ihrer Spionagefilm-Parodie „Top Secret!“ (1984) als surfenden US-Rockstar auf DDR-Tournee. „Top Secret!“ ist der lustigste Film der Welt. Kilmer, der zum Vorsprechen im Elvis-Kostüm erschienen war, gelingt hier das Kunststück, inmitten eines völlig überdrehten Gagfeuerwerks unverschämt sexy zu wirken – knapp zehn Jahre später erschien er Christian Slater als Elvis' Geist in „True Romance“.
Noch leichtfüßiger als in „Top Secret!“ wirkt Kilmer als junges Lasertechnik-Genie in der Campus-Komödie „Was für ein Genie“ (1985) und viel arroganter als Tom Cruises Gegenspieler Iceman im Air-Force-Werbefilm „Top Gun“ (1986) – eine Rolle, die ihn zum Star machte und die er in der sehr späten Fortsetzung „Top Gun: Maverick“ (2022) wiederaufnahm, trotz seiner Kehlkopfkrebserkrankung. Es wurde sein finaler Filmauftritt.
Späte Faszination für Mark Twain
In den Jahrzehnten dazwischen konnte sich Hollywood nie ganz entscheiden, ob Kilmer nun ein „leading man“ oder ein Charakterdarsteller war. Sein Jim Morrison in Oliver Stones „The Doors“ (1991) wirkte wie ein Voodoozauber, selbst die ehemaligen Bandkollegen des Rockgottes konnten seine Stimme nicht von der ihres Sängers unterscheiden. Im Western „Tombstone“ (1993) stahl er als charmanter Alkoholiker Doc Holliday jede Szene. War Kilmer unterfordert, wie etwa in der Titelrolle von Joel Schumachers bonbonbunten „Batman Forever“ (1995), konnte das am Set zum Problem werden: Regisseur und Star gerieten heftig aneinander und Kilmer galt für den Rest seiner Karriere als „schwierig“.
Kilmer-Vehikel wie „Die Insel des Dr. Moreau“, „The Saint“ oder „Red Planet“ floppten. Ja, er habe sich schlecht benommen, gelegentlich auch bizarr, gab der Veteran in einer Dokumentation über sein Leben zu. Aber er habe im Spiel Teile von sich verloren und gefunden, von denen er zuvor nicht ahnte, dass sie existieren. Den besseren Kilmer findet man in Filmen, in denen sein Name im Vorspann erst an zweiter oder dritter Stelle auftaucht, in Michael Manns epochalen Thriller „Heat“ (1995) oder in Shane Blacks schwarzer Krimikomödie „Kiss Kiss Bang Bang“.
In seinen späten Jahren recherchierte er jahrelang für das Ein-Personen-Stück „Citizen Twain“, spielte Mark Twain auch in einer 2014er-Verfilmung von „Tom Sawyer“: Im eigensinnigen amerikanischen Original erkannte er sich selbst. Am 1. April starb Val Kilmer mit 65 Jahren an den Folgen einer Lungenentzündung.