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Pfarrer zum Germanwings-Absturz„Gott, wo warst du? Wir alle stellten uns diese Frage“

Lesezeit 5 Minuten
Ein Kreuz hängt einen Tag nach dem Absturz bei einer Pressekonferenz im Rathaus in Haltern am See über Mikrofonen.

Ein Kreuz hängt einen Tag nach dem Germanwings-Absturz bei einer Pressekonferenz im Rathaus in Haltern am See über Mikrofonen. 

Nach dem Germanwings-Absturz bat der Schulleiter von Haltern am See Martin Ahls zur Schule. Für den Priester war die größte Herausforderung, den eigenen Glauben nicht zu verlieren. 

„Der 24. März war weder der erste noch der letzte Tag, an dem Jugendliche aus meiner Gemeinde starben. Doch auf eine Katastrophe solchen Ausmaßes kann man sich trotzdem nicht vorbereiten, weil sie jede Vorstellungskraft sprengt. Der Tod von so jungen Menschen fühlt sich an wie messerscharfe Stiche ins Herz. Sie lassen einen mit sich und Gott hadern. 

Ich war 19 Jahre Priester in Haltern am See. Einige der getöteten Schüler habe ich getauft, manche als Messdiener kennengelernt. Als der Schulleiter mir am Telefon von dem Flugzeugabsturz erzählte und mich bat, zur Schule zu kommen, reagierte ich zuerst voller Unglauben. Ein Teil von mir dachte: Das wird ganz anders sein, wenn du an der Schule ankommst. 

In den ersten Stunden haben wir hauptsächlich organisiert und waren einfach da, was ja schon schwer genug war. Ich selbst übernahm dann die Sixtuskirche, in der sich schon viele Menschen versammelten. Wir richteten vier Kondolenzpulte ein und als einige Mitschüler aus der betroffenen Jahrgangsstufe sich eintrugen, rückten wir gemeinsam das große Wallfahrtskreuz in die Mitte der Kirche. Noch am selben Abend luden wir zu einer improvisierten Andacht ein. Um 10 Uhr war unsere riesige Kirche übervoll mit Menschen, obwohl wir die Andacht erst kurz zuvor angekündigt hatten.

Martin Ahls arbeitete 19 Jahre als Priester in Haltern am See

Martin Ahls arbeitete 19 Jahre als Priester in Haltern am See

Als biblischen Text lasen wir den Sturm auf dem See Genezareth vor, bei dem die Jünger das Vertrauen in Jesus verlieren und fragen: Kümmert es dich nicht, wenn wir zugrunde gehen? Danach ließen unser Organist und eine Saxophonistin die Musik statt Worten sprechen. Die Haltener brauchten neben der Schule einen quasi öffentlichen Ort, an dem sie in ihrer Fassungslosigkeit zusammenkommen konnten. Also luden wir in den ersten Tagen und Wochen nach der Katastrophe jeden Abend zu einer Andacht ein.

„Für mich war die größte Herausforderung, den Glauben nicht zu verlieren“

Bei einer Trauerfeier in der Schulaula am Tag nach der Katastrophe trug unser Weihbischof Dieter Geerlings ein selbst verfasstes Gebet vor. Immer wieder fragte er: Gott, wo warst du? Wir alle stellten uns diese Frage. Ich sehe den stammelnden Versuch einer Antwort in der Freiheit, die Gott uns Menschen gab. Die Freiheit, uns für das Gute zu entscheiden, aber auch für das Schlechte. Der Copilot traf an diesem Tag eine Entscheidung, in die er 149 unschuldige Menschen hineinzog. Gott hielt nicht seine Hand dazwischen, sondern nahm diese Freiheit des Menschen aufs Bitterste ernst. Das ist keine befriedigende Antwort, überhaupt nicht. Aber ich halte sie für realistisch. Trotzdem war für mich damals die größte Herausforderung, den Glauben nicht zu verlieren.

Im Umgang mit den Angehörigen war es am schwierigsten, keine Worthülsen zu produzieren. Die Gefahr, zu relativieren und das falsche zu sagen, war groß, weil diese Monstrosität des Ereignisses sich nicht in Worte fassen lässt. 

Bis heute beschäftigt mich die Diskussion, die nach dem Staatsakt im Kölner Dom geführt wurde. Dort brannten nebeneinander 150 Kerzen, darunter auch eine für den Copiloten. Viele Angehörige hielten das für unangebracht, was ich vollkommen nachvollziehen kann. Aber was ist mit der Familie von Andreas Lubitz? Wie können seine Eltern trauern? Ich habe bis heute keine Antwort auf die Frage, ob auch für ihn eine Kerze brennen sollte. 

Die Särge mit den sterblichen Überresten der Opfer des Germanwings-Fluges 4U9525 wurden im Juli in Haltern in einem Konvoi mit Polizeieskorte am Joseph-König-Gymnasium vorbeigefahren

Die Särge mit den sterblichen Überresten der Opfer des Germanwings-Fluges 4U9525 wurden im Juli in Haltern in einem Konvoi mit Polizeieskorte am Joseph-König-Gymnasium vorbeigefahren.

Drei Monate nach dem Absturz holten wir mit den Familien die Leichname am Düsseldorfer Flughafen ab. Ich erinnere mich noch gut an die Fahrt über die abgesperrte Autobahn, an den Trauerkonvoi durch die Stadt, an die tausenden Menschen, die an den Straßenrändern warteten und Blumen auf die Leichenwagen warfen. Wenn ich wusste: Es steht eine Beerdigung eines der Absturzopfer an, nahm ich in der Woche keinen anderen Termin mehr an. Diese Beisetzungen erforderten eine besondere Form von Ehrlichkeit, von dem Ringen um das richtige Wort.

Für jede Familie suchten wir aus unseren Kondolenzbüchern die Eintragungen heraus, die für ihr Kind gedacht waren, um sie jeweils als Buch zu binden. Es war eine echte Sisyphus-Arbeit, die aberhunderten Einträge zu sortieren. Doch schließlich konnte ich 18 Ordner zum Binden in die Justizvollzugsanstalt Münster bringen. Als ich die Bücher abholte, sagte der Chef der Buchbinderei, er habe seine Häftlinge noch nie so sorgsam arbeiten sehen.

Bis ich zwei Jahre nach dem Unglück meine Stelle wechselte, gab es keinen Tag, an dem ich nicht an die Katastrophe erinnert wurde. Als Priester verbringt man schließlich viel Zeit auf dem Friedhof und an den Gräbern der Jugendlichen ging ich besonders bewusst vorbei. Als ich 2017 meine Stelle als Priester in Rheinberg antrat, stellte ich eine Karte auf meinen Schreibtisch, die das Kerzenmeer vor dem Haltener Kreuz am Tag der Katastrophe zeigt. Dieses Bild wird mich mein Leben lang weiter begleiten. Auf der Rückseite der Karte steht ein Auszug aus dem Gebet von Dieter Geerlings. »Gott, es fällt schwer, deinen Namen zu nennen. ‚Ich bin da‘ bedeutet er. Aber wo warst du, bist du jetzt? Du scheinst so weit weg. (...) Gott, du Unfassbarer, hörst du unsere, meine Klage? Wie ohnmächtig sind wir! Und du?«“


Zur Person

Martin Ahls (59) wuchs in Xanten am Niederrhein auf und ist Priester des Bistums Münster. Von 1998 bis 2017 war er Kaplan, Stadtjugendseelsorger und später Pfarrer in Haltern am See. Seit 2017 arbeitet er als Pfarrer in Rheinberg.