18 Opfer des Germanwings-Absturzes am 24. März 2015 kamen vom Joseph-König-Gymnasium in Haltern. Ex-Schulleiter Ulrich Wessel erinnert sich.
16 Schüler und zwei Lehrer starben„Unsere Schule hat der Germanwings-Katastrophe ihr Gesicht gegeben“

Haltern am See: Eine Gedenktafel auf dem Schulhof des Joseph-König-Gymnasiums listet die 18 Opfer des Germanwings-Absturzes auf. Am 24.03.2025 vor zehn Jahren kamen beim Absturz einer Germanwings Maschine 18 Schüler und Lehrer ums Leben.
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„Ich spreche immer von 18 getöteten jungen Menschen, denn unsere zwei Kolleginnen waren mit 33 und 34 Jahren ebenfalls sehr jung. Eine der beiden hatte ein halbes Jahr zuvor geheiratet, die andere wollte ebenfalls eine Familie gründen. Sie standen in der Blüte ihres Lebens. Ich habe beide als sehr nette, kollegiale und überaus engagierte Lehrerinnen in Erinnerung – ansonsten hätten sie den Austausch nach Spanien kaum auf sich genommen.
Frau Tegethoff war gar keine Spanischlehrerin, sie sprang wegen Engpässen in der Fachschaft ein. Ihr Vater erzählte mir später, wie stolz sie war, als Frau Cercek fragte, ob sie mitfliegen könne. Sie hat es als große Auszeichnung gesehen.
Auch die 14 Schülerinnen und zwei Schüler habe ich noch gut vor Augen. Elf von ihnen hatte ich in Erdkunde oder Latein unterrichtet, ein purer Zufall – als Schulleiter unterrichtet man ja wenig. Jugendliche, die in der Oberstufe mit Spanisch eine dritte Fremdsprache lernen möchten, sind durch die Bank sehr motiviert und lernwillig. Eine Schülerin sagte nach dem Absturz: ‚In unseren Kursen fehlen die Leistungsstärksten.‘ Viel schlimmer war aber, dass Freundinnen und Freunde fehlten. Ihr Tod brach in einer so grausamen und unerwarteten Weise über unsere Schule herein.
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Ich war bei einer Schulleiterbesprechung 30 Kilometer entfernt, als mir unsere Sekretärin schrieb und um einen dringenden Rückruf bat. Ein Flugzeug ist abgestürzt, sagte sie – das werden doch nicht unsere Schülerinnen und Schüler sein? Zuerst will man eine solche Nachricht nicht wahrhaben und sucht nach Auswegen. Vielleicht sind mehrere Germanwings-Maschinen an diesem Morgen von Barcelona nach Düsseldorf geflogen, dachte ich. Doch der Flugplan nahm uns diese Hoffnung.
Germanwings-Absturz: „Zwischen Ahnung und Gewissheit liegt eine Phase des Hoffens und Bangen“
Ich fuhr sofort zurück, um vor den Eltern in der Schule zu sein. Einige kamen direkt ins Gymnasium, als sie von dem Absturz erfuhren. Ich sehe noch den ersten Vater ins Sekretariat stürmen, er rief: ‚Das sind doch nicht unsere Kinder?!‘
Wir brachten alle Eltern ins Lernzentrum, einen Raum im oberen Stock. Ein Vater hielt mir sein Handy hin und sagte: ‚Niemand hat sich gemeldet, sie müssen an Bord gewesen sein – ansonsten hätten sie doch spätestens nach der Landung geschrieben.‘ Alle ahnten, was passiert war. Doch zwischen Ahnung und Gewissheit liegt eine Phase des Hoffens und Bangens. Diese Hoffnung musste ich ihnen später nehmen.
Die Bestätigung kam um 13.45 Uhr. Hannelore Kraft, die damalige Ministerpräsidentin, rief an und sagte, vor ihr liege eine Passagierliste. Die Liste war nicht alphabetisch sortiert, deshalb bat ich sie, nach den Namen meiner Kolleginnen zu suchen. Wenn auch nur eine Schülerin den Flug verpasst hätte, wäre eine der beiden in Barcelona geblieben. Frau Kraft fand beide Namen. Den Eltern musste ich also zwei Nachrichten überbringen: Alle Kinder waren an Bord. Und ein französischer Minister sagte, es habe keine Überlebenden gegeben. Mit diesem Wissen zum Lernzentrum hochzusteigen, war der schlimmste Gang meines Lebens. Das Entsetzen der Eltern war grenzenlos.
Kerzenmeer vor Schule in Haltern
Die Schülerinnen und Schüler hatten wir bereits nach Hause geschickt. Ich hatte in einer Durchsage angekündigt, dass der Unterricht nach der sechsten Stunde endet, was jedoch kein Grund zur Freude sei, weil höchstwahrscheinlich ein schreckliches Unglück passiert war. Am Nachmittag kamen einige von ihnen zurück, sie fragten, wo sie Kerzen aufstellen dürften. Nie hätte ich in dem Augenblick geahnt, welches Ausmaß dieses Kerzenmeer einnehmen würde. Nicht nur Schüler kamen zurück, auch Erwachsene und schulfremde Menschen. Sätze wie „eine Stadt trauert“ habe ich früher für realitätsfern gehalten. Die Gesamtheit einer Stadt kann doch nicht trauern, dachte ich. Aber Haltern war wie gelähmt, erstarrt in einer kollektiven Trauer.

Ein Meer aus Kerzen und Blumen erinnerte vor dem Joseph-Koenig-Gymnasium in Haltern am See an die 16 Schüler und zwei Lehrerinnen des Gymnasiums, die bei dem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen sind.
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Am ersten Tag einer solchen Katastrophe plant man nicht, sondern reagiert nur. Um halb zwölf Uhr abends verließ ich das Schulgebäude, fuhr nach Hause und fühlte mich wie der dümmste Mensch Deutschlands, weil ich nur wusste: Ein Flugzeug ist in den Alpen abgestürzt. Ich schaltete einen Brennpunkt im Fernsehen ein, dann legte ich mich aufs Bett. Um halb zwei stand ich wieder auf und fuhr zurück in die Schule. An Schlaf war eh nicht zu denken. Eigentlich ist das absurd: Mitten in der Nacht kann man in der Schule nichts machen. Aber ich hatte das Gefühl, ich muss dort sein, ich muss zur Verfügung stehen, falls irgendjemand kommt. Schließlich erlebten wir eine Katastrophe unbeschreiblichen Ausmaßes. Es war meine Aufgabe, den Eltern und der Schulgemeinde beizustehen.
„149 Menschen mussten sterben, weil einer nicht mehr leben wollte“
Unser Kollegium traf sich am nächsten Tag bereits um sieben Uhr, eine Stunde früher als sonst. Schulpsychologen aus ganz Nordrhein-Westfalen sind zu uns gekommen, zeigten uns Möglichkeiten kreativer Trauerarbeit und gaben den Kollegen Tipps, die in der ersten Stunde vor eine Klasse treten mussten. Die Bilder, die im Unterricht gemalt wurden, sowie Briefe und Gedichte hängten wir in der Aula auf. Sie wurde unser erster Ort des Gedenkens.
Die nächste Katastrophe erreichte uns am Donnerstag, zwei Tage nach dem Absturz. Die Ministerpräsidentin rief an, um mir zu sagen, dass der Copilot höchstwahrscheinlich Selbstmord begangen hatte. Ich antwortete: Frau Kraft, das kann ich den Eltern nicht erklären. Zu meinen Kollegen im Lehrerzimmer sagte ich: Es ist alles noch schlimmer, als wir dachten. Während ich weiterredete, brachen mehrere Kolleginnen in Tränen aus. Wenn ein Flugzeug wegen technischem Versagen abstürzt, kann man das vermutlich leichter verarbeiten als diese absolute Sinnlosigkeit. 149 Menschen mussten sterben, weil einer nicht mehr leben wollte.

Schulleiter Ulrich Wessel spricht zu einer Gedenkfeier zum 4. Jahrestag des Germanwings-Absturzes auf dem Schulhof des Joseph König Gymnasiums. (Archivbild)
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Nach dem Absturz trafen sich die Eltern jeden Donnerstag in unserer Schule, bis zur Rückführung ihrer Kinder drei Monate später. Denn bei aller Trauer gab es auch einiges zu organisieren. Der Rechtsanwalt, der sie später vor Gericht vertrat, stellte ihnen in der Schule sein Konzept vor. Und die Pfarrer vor Ort koordinierten die Beerdigungen so, dass keine Beisetzungen gleichzeitig stattfanden. Meine Frau und ich haben an allen 18 Beerdigungen teilnehmen können. Unter den Eltern lernte ich tolle Menschen kennen, die alle auf ihre Art und Weise versuchten, mit der Katastrophe umzugehen. Sie formten eine Schicksalsgemeinschaft, aus der eine Solidargemeinschaft wurde, wenn es jemandem besonders schlimm erging.
„Auch die weiteren 131 Opferfamilien dürfen nicht vergessen werden“
Die riesige Anteilnahme aus Haltern, Deutschland und der Welt tat den Eltern gut. Sie wurden mit ihrer Trauer nicht allein gelassen. Unsere Schule hat der Katastrophe ihr Gesicht gegeben, doch es gibt 131 weitere Opferfamilien, die sich vielleicht wundern, warum sich die Aufmerksamkeit vor allem auf Haltern richtete. Auch sie dürfen nicht vergessen werden. Wenn ich meinen Sohn oder meine Tochter verloren hätte und die ganze Welt spräche nur von Haltern am See, könnte ich das schwer ertragen.

Der damalige Bundespräsident Joachim Gauck während der Trauerfeier für die Germanwings-Opfer am 14. April 2015 im Kölner Dom.
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Wenige Wochen nach dem Staatsakt im Kölner Dom flog einige Eltern und ich nach Barcelona, wo in der Sagrada Família ebenfalls ein Staatsakt abgehalten wurde. Anschließend besuchten wir unsere Partnerschule. Vielen Eltern war das sehr wichtig. Sie sahen die spanischen Schüler wieder, die bereits im Dezember zuvor in Haltern gewesen waren und in deren Familien ihre Kinder in der Woche vor ihrem Tod gelebt haben.
Le Vernet, den Ort nahe der Absturzstelle, besuchten wir das erste Mal im Juli 2015. Leichenteile, die nicht identifiziert werden konnten, wurden dort bei einer Trauerfeier beigesetzt. Im Mai 2016 fuhr ich mit 30 Schülerinnen und Schülern aus der Jahrgangsstufe der Getöteten nach Le Vernet. Alle, die es wünschten, sollten die Möglichkeit haben, von ihren Freundinnen und Freunden Abschied zu nehmen. So konnten sie versuchen, vor Ort zu begreifen, was nicht begreifbar ist.
„Die Toten bleiben ein Teil unserer Schulgemeinschaft“
Seither reisten wir oft, mit Ausnahme von Corona, am 24. März mit den Eltern nach Le Vernet. Auch zum 10. Jahrestag werden wir wieder dort sein. Zur Absturzzeit um 10.41 Uhr beginnt dort eine Gedenkfeier in einem Zelt. Eine der Zeltwände besteht aus einer durchsichtigen Folie, sodass der Blick auf das Bergmassiv immer frei ist. Zeitgleich wird die Schulgemeinde des Joseph-König-Gymnasiums auf dem Schulhof der Opfer gedenken. In der Eingangshalle der Schule hängen bis heute die Bilder der Schülerinnen, Schüler und Lehrerinnen.
Unsere Schule ist nach der Katastrophe trotzdem nicht in Trauer erstarrt und das ist gut so. Spätestens nach den Sommerferien 2015 kehrten die Kinder und Jugendlichen in eine ganz normale Schule zurück. Sie haben das Recht auf eine möglichst normale Schulzeit, mit Klassenfeiern, Wandertagen und Austauschprogrammen. Unser Austausch mit der Schule in Spanien besteht noch immer, er durch die Katastrophe eher intensiver geworden. Erst am Dienstag ist eine Gruppe aus Barcelona zurückgekehrt. Das Schicksal hat unsere Schulen zusammengeschweißt.
Am ersten Tag nach den Sommerferien 2015 haben wir unsere Gedenkstätte auf dem Schulhof eingeweiht. Sie besteht aus 18 Kirschbäumen, einem großen Rosenbeet und einer stählernen, rostfarbenen Gedenktafel mit den 18 Namen. Direkt daneben stehen vier Bänke aus demselben Material. Vom ersten Tag an saßen Kinder auf diesen Bänken, spielten, lachten und aßen ihre Butterbrote. Genau so hatte ich es mir gewünscht. Die Toten bleiben ein Teil unserer Schulgemeinschaft.“