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Kölner ARD-Korrespondent„Der Druck auf Putin muss noch viel größer werden“

Lesezeit 15 Minuten
Vassili Golod Ukraine-Korrespondent der ARD, zu Gast bei maischberger

Vassili Golod Ukraine-Korrespondent der ARD

Vassili Golod im Interview über seine Arbeit im ukrainischen Kriegsgebiet, den Angriff auf ein Kinderkrankenhaus in Kiew und Gefahren für den Winter.

Der russische Angriff auf ein Kinderkrankenhaus in Kiew hat international für Entsetzen gesorgt. Wie ist die Stimmung seitdem in der Hauptstadt, die ja als vergleichsweise sicher galt bislang?

Russland hat die verletzlichsten Menschen der Gesellschaft an einem vermeintlich sicheren Ort getroffen. Es ist richtig, dass keine Stadt in der Ukraine so gut geschützt ist wie die Hauptstadt. Doch weil Russland die Flugabwehr gezielt überlastet, ist auch hier niemand sicher. Die Menschen halten im Schockzustand zusammen. Mehr als 850 Tage nach den ersten Angriffen auf Kyjiw sind die Menschen zermürbt. Und doch bleiben sie resilient und einig in ihrem Widerstand gegen die russische Aggression.

Putin versucht, die Schuld von Russland abzuwenden mit Desinformation. Ist er damit erfolgreich?

Lügen, Leugnen und Zwietracht sind zentrale Säulen der russischen Kriegsführung. Leider können oder wollen viele das noch immer nicht wahrhaben. Ich bin fassungslos, wenn große, seriöse Medien auch im Jahr 2024 die Lügen eines autoritären Herrschers oft ohne jede Einordnung reproduzieren. Wer russische Propaganda einfach so wiedergibt, trägt zum Erfolg für den Kreml bei. Diese False Balance verzerrt die Realität und schadet dem Journalismus. Guter Journalismus ordnet ein – zeigt, was ist.

Kann die Ukraine nach dieser Gräueltat auf noch mehr Solidarität – und Waffen – hoffen?

Die Menschen haben keine Wahl. Jeden Tag werden Ukrainerinnen und Ukrainer auf ihrem Staatsgebiet mit Waffen angegriffen. Um ihr Leben und ihre Freiheit zu verteidigen, ist das Land weiter auf politische, wirtschaftliche und vor allem militärische Unterstützung angewiesen. Mit überwältigender Moral allein können sie keine Raketen vom Himmel holen

Viele Menschen dürften den Überblick verloren haben: Wo stehen wir gerade im Krieg?

Der Krieg ist in einer sehr schwierigen Phase: Russland besetzt immer noch etwa 20 Prozent des ukrainischen Staatsgebiets. Auf Deutschland übertragen wären das Baden-Württemberg und Bayern. Die ukrainischen Soldaten tun alles dafür, dass nicht noch mehr Gebiete besetzt werden. Trotzdem konnte Russland in diesem Frühjahr eine neue Front eröffnen und zwar in der Region Charkiw. Die war im Herbst 2022 eigentlich zurückerobert worden, nachdem Russland dort mit Beginn des großen Krieges 30 Prozent besetzt hatte. Außerdem gelingt es den russischen Truppen in der Region Donezk langsam vorzurücken.

Wie konnte es Russland trotz der militärischen Unterstützung des Westens gelingen, eine neue Front zu eröffnen?

Charkiw ist nur etwa 30 Kilometer von der russischen Grenze entfernt. Die Ukraine musste praktisch dabei zusehen, wie sich russische Soldaten und Militärtechnik direkt hinter der ukrainischen Grenze konzentrierte. Die Ukrainer hätten sogar die Waffen gehabt, um das zu unterbinden, durften sie aber nicht nutzen, weil die Auflage war, dass sie sich mit westlichen Waffen nur auf ihrem eigenen Staatsgebiet verteidigen dürfen. Irgendwann hat der Westen verstanden, dass das nur Russland nutzt, weshalb es ja dann auch die Erlaubnis gab, in einem sehr begrenzten Gebiet militärische Ziele in Russland zu treffen. Seitdem gibt es dort deutlich weniger Angriffe. In der Ukraine können sehr viele Menschen nicht nachvollziehen, warum diese Erlaubnis nicht auf alle militärischen Ziele in Russland ausgeweitet wird. Denn so kann Russland vom eigenen Staatsgebiet aus weiter die Menschen in der Ukraine terrorisieren.

Hat Putin auf diese westliche Vorsicht spekuliert?

Er hat diesen Vorteil über Monate ausgenutzt. Putin versteht nur die Sprache der Stärke, das sollte man im Westen langsam verstehen. Putin setzt auf Gewalt, Worte sind ihm egal. Er macht seine Regeln. Wer sich auf die einlassen will, den überrollt er mit Panzern und überzieht ihn mit Raketen. Wir erleben einen Krieg, den niemand im Detail vorhersehen kann und bei dem es Anpassungen braucht. Wer sich selbst immer wieder rote Linien zeichnen, wie Olaf Scholz es tut, ist gezwungen sie immer wieder einzureißen. Das ist ein Problem und beschädigt die eigene Glaubwürdigkeit, weil viele Menschen das nicht nachvollziehen können.

Was hätte der Bundeskanzler denn sagen sollen?

Er könnte sagen: Wir handeln so, dass Deutschland sicher bleibt. Wir handeln so, dass Europa sicher bleibt. Wir handeln nach Recht und Gesetz. Und wir unterstützen den Verbündeten, die Ukraine, nach den Regeln des Völkerrechts. Alles, was das Völkerrecht zulässt, tun wir auch. Dass man dann weiterhin einzelne Entscheidungen abwägt, ist nicht nur völlig legitim, sondern auch notwendig. Und man muss all das gut erklären, weil Waffen bei vielen Menschen erst einmal Unbehagen auslösen. Man muss aber auch erklären, was die Folgen sind, wenn man zu wenig Waffen liefert.

ARD-Korrespondent Vassili Golod im Jahr 2023 während einer Recherchereise in der Ukraine

ARD-Korrespondent Vassili Golod im Jahr 2023 während einer Recherchereise in der Ukraine

Nämlich?

Wir sehen gerade, dass massiv Energieinfrastruktur in der Ukraine zerstört wird, dass es auch in Kyjiw immer wieder Stromausfälle gibt, weil zu wenig Strom zur Verfügung steht. Wenn die Temperaturen im kommenden Winter in den zweistelligen Minusbereich gehen und Russland seine Angriffe weiter fortsetzt, könnten Hunderttausende oder sogar Millionen Menschen gezwungen sein zu flüchten. In Länder, wo Heizung und Strom funktionieren. Also auch nach Deutschland. Wenn man unter anderem mehr Flugabwehrsysteme liefert und das angegriffene Land besser unterstützt, seine Infrastruktur zu schützen, könnte man das verhindern. Wir haben gesehen, wie viel Strom im vergangenen Winter verbraucht wurde. Jetzt sind die Hälfte aller Energiekapazitäten zerstört. Das reicht hinten und vorne nicht.

Diese Angriffe dienen dazu, gezielt die Lebensgrundlage der Menschen zu zerstören. Wer so etwas tut, führt einen genozidalen Krieg
Vassili Golod

Will Russland ganz bewusst die Zivilbevölkerung treffen?

Diese Angriffe dienen dazu, gezielt die Lebensgrundlage der Menschen zu zerstören. Wer so etwas tut, führt einen genozidalen Krieg. Genozid, Völkermord: Das sind Begriffe, mit dem man völlig zu Recht sehr vorsichtig ist. Aber viele renommierte Juristinnen und Juristen sagen, dass es angesichts der Infrastrukturangriffe auf Schulen und Krankenhäuser, aber auch der Art, wie im russischen Staatsfernsehen gegen Ukrainerinnen und Ukrainer gehetzt wird, erkennbare Anzeichen eines Völkermordes gibt. Unter anderem auf europäischer Ebene wird auch in dieser Frage ermittelt.

Das Bedrohungsgefühl der Menschen in Charkiw muss angesichts der nahen russischen Grenze massiv sein. Wie leben die Menschen dort gerade?

Vergleiche hinken immer, aber Charkiw und Köln haben viele Gemeinsamkeiten. Die Einwohnerzahl ist ähnlich, es ist eine Unistadt mit vielen jungen Menschen, einer ausgeprägten Kulturszene und einem Fußballverein, der auch mal bessere Zeiten hatte. Die Menschen dort haben eine große Liebe zu ihrer Stadt. Obwohl sie angegriffen werden, wollen viele nicht weg, weil sie sagen: Das ist unser Zuhause. Aber natürlich haben viele Menschen auch Angst. Natürlich sind die ständigen Angriffe zermürbend. Zum Beispiel, wenn Russland an einem Samstagnachmittag Gleitbomben auf einen Baumarkt abwirft.

Putin droht immer wieder mit einem Atomschlag. Wie schaut die Ukraine auf diese Drohung?

Die Menschen in der Ukraine gucken sehr realistisch auf Putin. Sie sehen, dass Russland alle Regeln der zivilisierten Welt bricht. Aber in der Sache stellen sie sich die Frage: Wenn er das tut, was hätte er davon? Militärisch würde ihm das nicht viel bringen. Und er würde Partner wie China damit verschrecken und dann wirklich alleine dastehen. Die Ukrainer warnen eher davor, solche Szenarien so zu diskutieren, dass sie in der westlichen Bevölkerung zu großen Angstzuständen führen. Angst zu schüren ist ein zentrales Element in Putins Propaganda-Strategie. Man sollte die Bedrohung ernst nehmen und sich gleichzeitig nicht einschüchtern lassen.

Wie denken die Ukrainer über Olaf Scholz?

Sie haben Verständnis dafür, dass er in erster Linie die deutschen Interessen im Blick hat. Natürlich hätten sie sich gewünscht, dass deutsche Panzer schon 2022 geliefert worden wären oder man im Vorfeld des großen Kriegs sehr deutlich zu Putin gesagt hätte: Versuch es gar nicht erst. Und auch die Tatsache, dass Deutschland keine Taurus-Marschflugkörper liefert, können viele in der Ukraine nicht nachvollziehen. Aber die Menschen sehen, wie Deutschland an ihrer Seite steht. Sie sind nicht nur für die militärische, politische und wirtschaftliche Unterstützung dankbar, sondern auch dafür, dass Hunderttausende ukrainische Familien in Sicherheit in Deutschland leben können. Diese nachhaltige Unterstützung hat einen Unterschied in den deutsch-ukrainischen Beziehungen gemacht.

Die Zukunfts-Szenarien sehen eher düster aus. Kann es überhaupt eine gute Lösung für die Ukraine geben?

Kaum jemand hätte zu Beginn des russischen Angriffskriegs gedacht, dass die Ukraine länger als drei oder vier Tage durchhält. Auch die Befreiung von Regionen galt aus Sicht vieler Experten als völlig unrealistisch. Die Ukraine hat es trotzdem geschafft, weil sie an sich selbst geglaubt hat und Partner wie Deutschland hatte. Dass es der Ukraine zusammen mit der Schweiz gelungen ist einen diplomatischen Gipfel zu organisieren, haben viele nicht für möglich gehalten. Und doch ist es passiert. Wir sollten mehr über einzelne Schritte nachdenken, statt abstrakt in die Zukunft zu gucken. Diplomatisch passiert gerade ganz viel. Damit die Diplomatie funktioniert, braucht es aber weiterhin die Sprache der Stärke. Die Ukraine wird weiter Munition und Waffen brauchen, um die eigene Sicherheit zu verteidigen.

Ich persönlich tue mich schwer mit dem Gedanken, dass es mit Putin zu einem Frieden kommen kann
Vassili Golod

Kann es mit Putin eine diplomatische Lösung geben?

Es gibt Menschen, die immer noch von Putins Krieg sprechen. Das ist falsch. Es ist ein Krieg Russlands. Das imperiale Denken hat nicht Putin erfunden. Das gibt es schon seit vielen Jahrhunderten in Russland und es wurde nie kritisch aufgearbeitet. Es gibt kaum Selbstreflexion in diesem Land, Andersdenkende werden massiv eingeschränkt. Ich persönlich tue mich schwer mit dem Gedanken, dass es mit Putin zu einem Frieden kommen kann. Dieser Mensch hat schon über Jahre gezeigt hat, dass man ihm nicht vertrauen kann. Er ist eine Gefahr für Europa und die Welt und damit auch eine große Gefahr für Russland.

Was also tun?

Der Druck auf ihn muss noch viel größer werden. Er ist ja nicht im luftleeren Raum. Es gibt eine Elite, für die es gerade sinnvoller ist, ihn nicht fallen zu lassen. Das sind alles Menschen, die sich an Russland bereichert haben und Angst haben, dass es Konsequenzen dafür gibt. Nicht alle von ihnen finden den Krieg unbedingt richtig, wollen aber ihr Vermögen schützen und für ihre kriminellen Taten nicht zur Verantwortung gezogen werden. Aber auch die Elite kann zu einem anderen Ergebnis kommen.

Hat sich Putin militärisch blamiert?

Von einer westlichen Logik aus, ja. Aber Putin verdreht das, er verdreht einfach die Fakten. In seiner Welt führt er nicht Krieg gegen die Ukraine, sondern gegen die gesamte NATO, was großer Unsinn ist. In seinem Narrativ hat nicht Russland, sondern die Ukraine den Krieg begonnen. Eine Lüge. Putin braucht diesen Krieg auch deshalb, um die Armut in seinem Land zu rechtfertigen. Sein Lügen-Narrativ frisst sehr, sehr viel Geld.

Gehen der Ukraine die Soldaten aus?

Die Ukraine hat weniger Soldaten, aber immer noch genügend Mobilisierungspotenzial. Russland sind Menschenleben egal, der Ukraine nicht. Russland kauft sich Leute, vor allem arme Männer, die durch den Militärdienst ihre Familien versorgen können oder auch Söldner aus verschiedenen Teilen der Welt. Ich bin der festen Überzeugung, dass die zivilisierte Welt gemeinsam stärker ist und sich Recht am Ende gegen Unrecht durchsetzt.

Man weiß nicht, was Russland plant, wo Russland angreift, was das nächste Ziel ist
Vassili Golod

Wie ist die psychische Verfassung der Soldaten?

Wir waren vor kurzem in einem Krankenhaus in Dnipro, 100 Kilometer von der Front entfernt. Da habe ich mit einem Soldaten gesprochen, dessen Bein amputiert worden ist. Der hat gesagt: ´Wir können kämpfen, aber wir brauchen etwas, womit. Daran mangelt es uns.´ Das fand ich extrem bewegend von einem Menschen, der gerade sein Bein verloren hat, weil er sein Land verteidigt hat. Denn er hätte jedes Recht zu sagen: Das macht alles keinen Sinn, lasst uns aufhören.

Wie ist der Rückhalt des Präsidenten bei den Ukrainern derzeit?

Zu Beginn des russischen Angriffskriegs lag die Unterstützung für Selenskyj bei fast 90 Prozent. Davor war er nicht sonderlich beliebt, weil viele versprochene Reformen nur langsam vorangingen. Auch jetzt ist das Vertrauen noch hoch, bei mehr als 50 Prozent. Die Menschen sehen: Dieser Präsident ist bemüht. Er schafft es immer wieder, den Westen hinter der Ukraine zu versammeln. Es gibt Bewegung mit Blick auf die EU-Integration. Das ist vielen wichtig. Vor allem ist die Frage: Könnte das jemand anders besser machen? Und da kommen die allermeisten zur Einschätzung: Nein.

Sie haben Selenskyj bereits interviewt. Wie erleben Sie ihn?

Er ist ein sehr emotionaler Mensch und sehr direkt, was viele Politiker nicht sind. Inzwischen sehen wir einen Selenskyj, der diplomatischer geworden ist. Obwohl er jetzt schon lange Präsident ist, ist er kein klassischer Politiker. Er ist mehr Unternehmer, versteht sich als eine Art CEO der Ukraine. Was ich daran in Teilen problematisch finde: Er achtet die demokratischen Institutionen nicht hoch genug. Er könnte und müsste mehr Interviews mit ukrainischen Medien zulassen. Er tut das mit westlichen Medien, weil er sieht, dass er die Aufmerksamkeit braucht. Aber er müsste seine Politik auch mehr im Inland erklären und rechtfertigen. Das ist eine seiner Schwachstellen.

Sie pendeln als Auslands-Korrespondent zwischen Köln und Kyjiw. Wie kommen Sie dorthin?

Fliegen ist seit mehr als zweieinhalb Jahren nicht mehr möglich. Das Einzige, was in der Ukraine fliegt, sind Drohnen und Raketen. Ich fliege darum von Köln oder Frankfurt nach Krakau, fahre dann weiter mit dem Auto nach Przemyśl, einer Grenzstadt in Polen. Dort setze ich mich in den Nachtzug. Wenn alles glatt läuft, bin ich 24 Stunden unterwegs. Dass es keine Flüge gibt, ist einer von vielen Einschnitten im Leben von Ukrainerinnen und Ukrainern.

Ist die Route sicher?

Es gibt keine hundertprozentige Sicherheit. Man weiß nicht, was Russland plant, wo Russland angreift, was das nächste Ziel ist. Einmal bin ich am 29. Dezember morgens mit meiner Kollegin Andrea Beer nach Kyjiw reingefahren. Schon auf der Fahrt hörten wir Explosionen. Plötzlich sahen wir in der Stadt eine Rakete ein paar Kilometer Luftlinie vor uns einschlagen. Dann kam die große Explosionswolke - erst schwarz, dann rot und gelb, wie in einem Film. Nur dass wir in einem Zug saßen, den wir nicht verlassen konnten

Sie sind 1993 als Sohn einer Russin und eines Ukrainers in Charkiw geboren worden. Warum sind Sie als Zweijähriger mit Ihren Eltern nach Deutschland gekommen?

Ich habe väterlicherseits jüdische Wurzeln, wir waren Kontingentflüchtlinge. Meine Großeltern sind bereits im Jahr meiner Geburt nach Deutschland gegangen. Sie waren sehr geprägt vom Leben und vom Antisemitismus in der Sowjetunion und wollten in ein europäisches Land ziehen, das ihre Werte teilt. Mein Vater war anfangs nicht überzeugt: Er hat sich sehr für die demokratische Entwicklung der Ukraine engagiert. Aber meine Mutter hat ihn überzeugt, dass es für meine Zukunft das Beste wäre, in Deutschland aufzuwachsen.

Sie sind mit Deutsch und Russisch aufgewachsen, lernen jetzt Ukrainisch. Wie groß ist die Ablehnung in der Ukraine, was die russische Sprache angeht?

Es gibt nach wie vor Menschen, die russisch sprechen, weil sie sagen: Das ist die Sprache, die wir zu Hause immer gesprochen haben. Aber die allermeisten sagen: Wir haben eine eigene Sprache, auch wenn uns Russland immer eingetrichtert hat, das sei nur eine Bauernsprache. Gefährliche Lügen-Narrative, um die Kultur der Ukraine abzuwerten und zu bekämpfen. In den vergangenen Jahrhunderten wurde die ukrainische Sprache von Russland immer wieder verboten. In den russisch besetzten Gebieten werden Menschen, die ukrainisch sprechen bis heute unterdrückt. Umso größer ist der Stolz von Ukrainerinnen und Ukrainern in Freiheit auf ihre Kultur, ihre Sprache und ihr Land.

Sie haben sich schon im Studium mit der Geschichte Ukraine und Russlands beschäftigt. Wann war Ihnen klar: Ich muss in die Ukraine?

Ich bin ein vorsichtiger Mensch und konnte mir nicht vorstellen, in einem Land zu arbeiten, in dem es einen bewaffneten Konflikt gibt. Als der Krieg 2022 angefangen hat, der große Krieg, wie die Ukrainer ihn nennen, weil der Krieg ja bereits 2014 mit der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim begonnen hat, war für mich klar: Ich muss mein Wissen und Verständnis für beide Länder nutzen, um zu berichten, was ist.

Sie mussten ein Sicherheitstraining absolvieren. Wie läuft das ab?

Da werden Gefahren-Situationen durchgegangen: Wie geht man bei Luftalarm vor? Immer einen gepackten Rucksack neben sich haben, mit Wasser, Snacks und Zahnbürste, falls man lange im Keller sitzen muss. Was mache bei einem Einschlag, wenn das Fenster zersplittert? Wie verhalte ich mich an Checkpoints? Wie evakuieren wir uns aus einem Auto, wenn wir unter Beschuss geraten? Das Sicherheitstraining hat auf dem Gelände des ZDF-Fernsehgartens stattgefunden, was schon etwas skurril war. Aber zu meinem Erstaunen gab es dort beeindruckende Tunnel, die wir im Training als Bunkeranlage nutzten.

Wie wägen Sie im Fall von Explosionen ab, wann Sie mit Ihrem Team rausfahren?

Wir fahren nicht raus, wenn in der Nähe noch Einschläge zu hören sind. Es gibt Kolleginnen und Kollegen von Nachrichtenagenturen, die das machen, die viel Erfahrung damit haben. Aber das Risiko will ich meinem Team nicht zumuten. Wenn sich jemand unsicher fühlt, brechen wir den Dreh ab. Gleichzeitig muss man ein gewisses Risiko eingehen. Es gibt ein hohes Informationsbedürfnis in Deutschland über das, was in der Ukraine passiert. Das lässt sich in hoher Qualität und Glaubwürdigkeit nur abbilden, wenn man vor Ort ist, mit den Menschen spricht und mit eigenen Augen die Folgen der russischen Angriffe sieht.

Unter Raketen können sich viele etwas vorstellen. Wie funktionieren Drohnen?

Drohnen sind vor allem günstiger, weshalb sie Russland viel häufiger einsetzt. Sie werden mit einer Sprengladung beladen, fliegen zu einem Ziel, fallen runter und schaffen eine riesige Explosion. Da gibt es etwa Shahed-Drohnen, Drohnen iranischer Bauart: Die wurden anfangs von den Ukrainerinnen und Ukrainern ´Moped´ genannt, weil sie wie ein Moped klingen und anfangs noch recht langsam waren. Mittlerweile hat das russische Militär sie modifiziert: Sie können auf unterschiedlichen Höhen fliegen und sind deshalb schwerer abzuschießen. Die Ukrainer versuchen, die Drohnen rechtzeitig abzuschießen, damit sie keinen Schaden anrichten. Sind sie schon über einer Stadt, ist das Risiko groß, dass sie auf ein Wohnhaus fallen könnten. Sie richten dann sehr große Zerstörungen an. Ein Schuss aus einem modernen Flugabwehrsystem kostet rund 200.000 Euro, eine Drohne zwischen 20.000 und 50.000. Die Russen setzen also viele Drohnen ein, um die ukrainische Flugabwehr zu fordern und deren Munition zu leeren.

Sie erleben während Ihrer Arbeit schlimme Situationen. Welche werden Ihnen nie mehr aus dem Kopf gehen?

Ich sehe immer wieder Dinge, die so schrecklich sind, dass ich sie mir nicht hätte vorstellen können. Die schrecklichsten Momente sind aber gar nicht mal die, wenn tote Menschen aus Häusern oder Trümmern gezogen werden. Es sind die Momente, in denen du neben Eltern stehst, die gerade erfahren, dass ihr Kind tot ist. In diese Gesichter zu schauen und den Schmerz zu sehen, das werde ich nicht vergessen. Und das dürfen wir alle nicht vergessen. Dieser Krieg hat direkte Folgen, aber er wird auch Folgen für ganz Europa haben, über Generationen. Dieses Leid, diese Traumata werden weiterleben.