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„Das macht die Leute kaputt“Verschwenden wir täglich unsere Zeit mit Selbstoptimierung?

Lesezeit 6 Minuten
Ein Jugendlicher liegt auf einem Sofa und blickt auf sein Smartphone.

Zeit am Handy zu verbringen, fühlt sich für viele wie eine Zeitverschwendung an.

Rund die Hälfte der Menschen in NRW hat laut einer aktuellen Erhebung keine Zeit für sich selbst. Woran das liegt und was man dagegen tun kann.

Balu aus Disneys „Dschungelbuch“ hat es gesungen: „Probier’s mal mit Gemütlichkeit, mit Ruhe und Gemütlichkeit jagst du den Alltag und die Sorgen weg!“ Ein Lippenbär, auf Englisch passenderweise „sloth bear“ (wörtlich Faulbär), der lieber in der Sonne faulenzt, statt sich um sein nächstes „To-Do“ zu kümmern – der Alptraum einer Gesellschaft, die auf Social Media und in zahllosen Lektüren über Selbstoptimierung dafür wirbt, jede Minute des Tages effektiv zu nutzen.

Wer sich eine Auszeit nimmt, fühlt sich oft schuldig und wer es nicht tut, dem fehlt die Zeit für sich selbst, für Familie und Hobbys. Rund die Hälfte der Menschen in Nordrhein-Westfalen hat nach neuesten Angaben des Landesbetriebs Information und Technik NRW (It.NRW) das Gefühl, nicht genug Zeit zu haben, um sich auszuruhen. Auch die sogenannte „Me-Time“, Freundeskreise, Sport und Kultur kommen bei etwa der Hälfte von ihnen zu kurz. Dahinter reihen sich Pflicht und Pflege: Hausarbeit, Besorgungen und Arztbesuche stehen in der Erhebung direkt neben Treffen mit Familie und Partner.

Die Aussage ‚ich habe keine Zeit‘ heißt eigentlich nichts anderes als ‚ich habe andere Prioritäten‘
Markus Dörr, Wirtschaftspsychologe und Zeitmanagement-Coach

Die Statistik bezieht sich zwar auf das Jahr 2022, viel getan haben dürfte sich seitdem aber nicht. Es scheint den Menschen nicht nur an Zeit zum Faulenzen, sondern auch für die wichtigen Dinge im Leben zu fehlen. Aber was können wir dagegen tun?

„Die Aussage ‚ich habe keine Zeit‘ heißt eigentlich nichts anderes als ‚ich habe andere Prioritäten‘“, sagt Wirtschaftspsychologe und Zeitmanagement-Coach Markus Dörr. Er sagt, die Menschen müssten mit der Zeit, die sie hätten, und den Zielen, die sie erreichen wollten, bewusster umgehen. „Wer das Gefühl hat, er habe nicht genug Zeit, der sollte sich fragen: Wo geht denn meine Zeit hin? Was tue ich denn eigentlich?“

Zeitmanagement muss nicht zwingend Effizienz bedeuten

Wir müssen uns also mit unserer Zeit auseinandersetzen, um Platz für all das zu schaffen, was uns fehlt. Verstehen wir den Experten da richtig? Das klingt verdächtig nach dieser Selbstoptimierung, die Influencer mit ihren farblich kodierten Terminkalendern auf Plattformen wie Instagram oder TikTok bewerben. Dörr aber präzisiert: „Viele denken, Zeitmanagement ist der Ruf nach Effizienz, nach Effektivität. Ich suche noch nach dem Millimeter, um mehr aus dem Tag herauszuholen. Das macht die Leute kaputt.“

Zeitmanagement-Coach Markus Dörr trägt ein Whiteboard mit der Aufschrift „Zeit“.

Wirtschaftspsychologe Markus Dörr empfiehlt, bewusster mit der eigenen Zeit umzugehen.

Er setze stattdessen auf „weniger ist mehr“, darauf, sich vielleicht auf zwei bis drei wirklich wichtige Dinge zu konzentrieren. „Zeitmanagement an sich hat keinen Mehrwert, solange dahinter nicht die Idee steht, wie ich mit meinem Leben und meinem Tag umgehen möchte“, sagt er.

Freizeit in dem Terminkalender einzutragen kann helfen

Außerdem empfiehlt er, vorsichtig mit dem hohen Anspruch, den viele Menschen an ihre eigene Produktivität stellen, zu sein. Freizeit in den Terminkalender eintragen? Völlig okay. So könne man zur Ruhe kommen, das Buch lesen, das seit Wochen auf dem Nachttisch Staub sammelt oder zum Sport gehen.

Auch sollte man darüber nachdenken, auf Soziale Medien zu verzichten. „Früher haben wir unsere Zeit mit Fernsehen verbracht, laut Statistiken aus den 80er und 90er Jahren vier Stunden pro Tag. Heute sind wir am Handy auf Social Media unterwegs und stellen am Ende des Tages fest: Oh, meine Zeit habe ich einfach verdaddelt.“

Die meisten Leute erleben etwas als Zeitverschwendung, wenn die wichtigen Aufgaben des Tages dadurch in die Ferne rücken
Markus Dörr, Wirtschaftspsychologe und Zeitmanagement-Coach

Allerdings liegt die Frage danach, was Zeitverschwendung ist und was nicht, im Auge des Betrachters. Zumindest würde ein Hippie sie wohl anders beantworten als ein Geschäftsmann. „Social Media erscheint uns oft als Zeitverschwendung, weil wir uns drei Stunden lang etwas anschauen, von dem wir danach nicht mehr wissen, was es war“, erläutert Autorin und Medienwissenschaftlerin an der Hochschule für Fernsehen und Film München, Michaela Krützen.

Ob wir uns so fühlten, als hätten wir unsere Zeit verschwendet, sei subjektiv, sagt Dürr. „Die meisten Leute erleben etwas als Zeitverschwendung, wenn die wichtigen Aufgaben des Tages dadurch in die Ferne rücken. Und auch, wenn dadurch eine Unzufriedenheit aufkommt, weil man seine Zeit mit etwas verbracht hat, was erstmal nicht besonders sinnvoll ist.“

Erwachsene zwischen 30 und 44 Jahren haben weniger Zeit für Freizeit

In manchen Lebensphasen entscheiden Menschen aber auch besonders wenig frei über ihre Zeit. Erwachsene im Alter von 30 und 44 Jahren verbringen laut It.NRW im Vergleich zu allen anderen Altersgruppen die wenigste Zeit mit Freizeitaktivitäten, während sie zusätzlich zur Erwerbstätigkeit die meiste Zeit für Haushaltsführung und Kinderbetreuung aufwenden. Auch die Zeitspanne für persönliche Regeneration ist mit zehn Stunden und 36 Minuten die kürzeste unter allen Altersgruppen. Diese Phase wird daher auch als „Rushhour des Lebens“ bezeichnet.

Ältere Erwachsene (45 bis 64 Jahre) verbringen ungefähr wieder genauso viel Zeit mit Aktivitäten in den Bereichen „Soziales Leben/Unterhaltung/Sport/Mediennutzung“ wie Personen unter 30 Jahren: Durchschnittlich nämlich rund sechs Stunden täglich.

Einen richtigen Schub bekommt die Freizeit dann bei der durchschnittlichen Zeitverwendung von Seniorinnen und Senioren in NRW (Personen ab 65 Jahren). Sie sind die Altersgruppe, die im Durchschnitt über acht Stunden und 15 Minuten pro Tag für soziales Leben, Unterhaltung, Medien oder Sport verfügen. Ebenfalls wird in dieser Altersgruppe vergleichsweise viel Zeit für die Regeneration verwendet, nämlich durchschnittlich elf Stunden 51 Minuten.

„Ferris macht blau“ – Zeit verschwendet oder nicht?

Eine Antwort auf die Frage, was genau eine sinnvolle Aktivität ist, lässt sich gar nicht so eindeutig finden. „Allem Tun haftet im 21. Jahrhundert der Verdacht der Zeitverschwendung an“, schreibt Krützen in ihrem 2024 veröffentlichten Buch „Zeitverschwendung – Gammeln, Warten, Driften in Film und Literatur“. Dass Balu faulenzt und dass er Mogli hilft – beides würde demnach als Zeitverschwendung gelten. Und wenn Ferris Bueller aus dem Film „Ferris macht blau“ die Schule schwänzt und nach Chicago reist, hat er damit genauso Zeit verschwendet, wie er es mit einem Unterrichtsbesuch getan hätte.

Können arbeiten und faulenzen demnach denselben Stellenwert haben? Krützen stellt fest, dass sie nach Ende des Sommers von sich enttäuscht sei – weil sie den Sommer zu wenig genossen und zu viel gearbeitet habe. Aber auch, weil die gebürtige Aachenerin zu wenig gearbeitet und die Zeit nicht komplett ausgenutzt habe.

Wenn ich etwas empfehlen müsste, würde ich sagen: Machen Sie sich bewusst, dass es anderen genau wie Ihnen geht
Michaela Krützen, Medienwissenschaftlerin und Buchautorin

„Das hängt mit meinem Arbeitsethos zusammen. Ich bin damit aufgewachsen, dass man immer fleißig sein muss“, sagt die Medienwissenschaftlerin im Gespräch mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. Heutzutage sei das anders. „Die jüngere Generation verhandelt das Verständnis von Zeitverschwendung und dem Stellenwert von Arbeit momentan neu aus. Zum Beispiel mit der Vier-Tage-Woche.“

Für ihr persönliches Dilemma, das auch der Grund gewesen sei, ihr Buch zu schreiben, habe die Medienwissenschaftlerin noch keine Lösung gefunden. „Wenn ich etwas empfehlen müsste, würde ich sagen: Machen Sie sich bewusst, dass es anderen genau wie Ihnen geht. Und halten Sie sich von Ratgebern fern.“