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US-frei im Internet surfenIst Vivaldi eine gute Alternative zu Chrome & Co.?

Lesezeit 4 Minuten
Screenshot von Vivaldi

So sieht der Browser Vivaldi aus.

Unser Technik-Experte hat den Internet-Browser Vivaldi getestet – eine Alternative zu Chrome und Co.?

Über die Lage der Welt zu schreiben, darf ich zum Glück den geschätzten Kolleginnen und Kollegen der anderen Ressorts überlassen. Doch natürlich betreffen die aktuellen Entwicklungen auch die digitale Welt. So gibt es gute Gründe, sich nach europäischen Anbietern bestimmter Dienste umzusehen. Es soll hier nicht der Eindruck erweckt werden, Europa sei auf einmal eine Insel. Es geht auch nicht darum, sich von allem abzuwenden, was von jenseits des Atlantiks kommt. Dennoch sollte man sich gerade bei sensiblen Dienstleistungen, die den Umgang mit persönlichen Daten betreffen, gut überlegen, wem man diese anvertraut und wer darauf Zugriff haben könnte.

Steffen Haubner

Steffen Haubner

schreibt als Journalist über Technik- und Medienthemen...

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Diesem Gedanken folgend, habe ich hier kürzlich das Schweizer Unternehmen Proton vorgestellt. Auch der Internet-Browser Vivaldi (https://vivaldi.com/de) hat seine Wurzeln in Europa, betreibt seine Server in Island und ist angetreten, der Marktmacht der Konzerne eine Alternative entgegenzusetzen. „Das Internet florierte einst durch Offenheit und Innovation, doch die Technologiegiganten haben es in einen geschlossenen Garten verwandelt, der unsere Daten ausbeutet und unser digitales Leben aus Profitgründen monopolisiert“, so die Norweger. Man kämpfe für ein Netz, „das frei von Manipulation ist und in dem Sie Ihre Erfahrungen selbst bestimmen, nicht die Algorithmen.“

Vivaldi: E-Mail-Client bereits eingebaut

Vivaldi gibt es für Windows, macOS, Linux, Android und iOS. Ausprobiert habe ich die Windows-Version, hinter der die gleiche Software arbeitet wie hinter der großen Mehrheit der anderen Browser, unter anderem auch der Marktführer Chrome. Ganz im Gegensatz zu Google verzichtet Vivaldi aber konsequent darauf, systematisch personenbezogene Nutzerdaten zu sammeln und diese zu Werbezwecken zu kommerzialisieren. Vivaldi ist sicher nicht die schnellste Surfsoftware, aber die Menge der integrierten Funktionen ist beeindruckend.

So ist ein eigener Client zum Empfangen und Verwalten von E-Mails bereits eingebaut. Er findet sich wie die meisten anderen Funktionen in der linken Symbolleiste. Klicken Sie auf das Mail-Symbol und melden Sie sich mit einem bestehenden E-Mail-Konto an. Auch hier bietet es sich an, auf einen hiesigen Anbieter wie etwa die im rheinland-pfälzischen Montabaur ansässige Firma Ionos zu setzen.

Als Standardsuchmaschine ist Startpage mit Sitz in Den Haag voreingestellt. Wenn Sie das ändern wollen, klicken Sie auf das Zahnrad ganz unten links im Browser-Fenster und dann in den Einstellungen auf „Suche“. In den Einstellungen können Sie zudem das Erscheinungsbild von Vivaldi und vieles andere individuell anpassen. Es lohnt sich, sich hier einmal durch die vielen Optionen zu klicken, die verständlich in deutscher Sprache erklärt werden. Sollen Ihre Lesezeichen und Einstellungen über mehrere Geräte hinweg synchronisiert werden, müssen Sie unter „Synchronisation“ ein Vivaldi-Konto erstellen. Das ist, wie natürlich auch die Nutzung des Browsers selbst, kostenlos.

Arbeitsbereiche für mehr Überblick

Sehr gelungen finde ich die Möglichkeit, Arbeitsbereiche zu erstellen. Das geht über die Schaltfläche links oben im Browserfenster. Klicken Sie auf „Neuer Arbeitsbereich“ und geben Sie diesem einen Namen. So können Sie beispielsweise zwischen Bereichen wie „Arbeit“, „Privat“ und „Reiseplanung“ trennen und damit mehr Struktur in Ihre Internetaktivitäten bringen.

Um noch einmal auf die Symbolleiste auf der linken Seite zurückzukommen: Dort finden sich neben dem „Verlauf“ und dem Mail-Client auch so praktische Funktionen wie ein integriertes Notizbuch oder eine Übersetzungsfunktion. Wählen Sie einfach Ausgangs- und Zielsprache und setzen Sie unten ein Häkchen bei „Ausgewählten Text automatisch übersetzen“. Wenn Sie nun auf einer beliebigen Webseite mit gehaltener linker Maustaste einen oder mehrere Sätze markieren, werden diese ganz automatisch transkribiert.

Etwas zu viel des Guten: Symbolleiste ausdünnen

Noch etwas weiter unten in der Symbolleiste findet sich auch noch die Schaltfläche „Vivaldi Social“. Wenn Sie sich mit einem Vivaldi-Konto unter https://social.vivaldi.net anmelden, können Sie in direkten Kontakt mit anderen Nutzerinnen und Nutzern treten. Klar, eine echte Alternative zu Facebook & Co. ist das nicht, aber irgendwo muss man schließlich anfangen.

Und ja, insgesamt ist das alles etwas viel des Guten, und man verliert anfangs leicht den Überblick. Wenn Sie mit der rechten Maustaste auf die Symbolleiste klicken, können Sie diese aber nach Ihren Vorstellungen anpassen und bei Bedarf ausdünnen. Doch von welchen Funktionen und Möglichkeiten Sie am Ende auch Gebrauch machen: Es ist immer ein gutes Gefühl, wenn man die Wahl hat, oder?