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Leverkusener Großfamilie
Enkeltrick-Betrüger müssen mehr als zehn Jahre ins Gefängnis

5 min
Die Leverkusener Brüder, die wegen der Beteiligung an Enkeltrickbetrug vorm Landgericht Köln angeklagt waren, erwarten den Urteilsspruch.

Die Leverkusener Brüder, die wegen der Beteiligung an Enkeltrickbetrug vorm Landgericht Köln angeklagt waren, erwarten den Urteilsspruch.

Im Verlauf der Ermittlungen war den Männern die Beteiligung an 20 Enkeltrickbetrugsfällen nachgewiesen worden.

Das Urteil im Enkeltrick-Prozess am Kölner Landgericht gegen zwei Brüder aus der stadtbekannten Leverkusener Großfamilie und zwei ihrer Helfer ist scharf und deutlich: Christopher Goman (25) muss für elf Jahre ins Gefängnis, sein jüngerer Bruder Giuliano (23) bekommt eine Strafe von zehn Jahren und neun Monaten. Indem sie professionell die Abholung hoher Geldbeträge oder Goldbarren oder -schmuck bei Senioren organisiert hatten, haben sie einen wichtigen Beitrag in einer international operierenden Schockanrufer-Organisation erfüllt, erklärte der Vorsitzende Richter Necmettin Gül am Mittwoch bei der Urteilsbegründung.

Zwei Helfer der Leverkusener, die als eigentliche Abholer eingesetzt waren, bekamen ebenfalls vergleichsweise hohe Haftstrafen: Einer muss sieben Jahre und neun Monate in Haft, der zweite, ein kokainsüchtiger Mann, der ein hilfreicheres Geständnis geleistet hatte, muss für fünf Jahre und neun Monate in Haft.

Aktenberge im Enkeltrickprozess.

Aktenberge im Enkeltrickprozess.

Richter Gül legte in der 90-minütigen Urteilsbegründung ein besonderes Augenmerk auf die Opfer des Enkelbetrugs. Die Anrufer, „Keiler“ genannt, schocken die Opfer nach dem Muster, dass ein Enkel jemanden totgefahren habe. Vorgespielt wird eine Szene, in der der vermeintliche Enkel bitterlich weint. Mit einer Kaution könne er oder sie ausgelöst werden. Diese eigentlichen Anrufer konnten in diesem Verfahren nicht ermittelt werden.

Belastung macht Opfer oft krank

Gül beschrieb die Folgen für die Geschädigten. Die psychische Belastung durch die Schockanrufe und die Vermögensverluste machen die Opfer nicht selten krank. Ein Mann hatte einen Herzanfall erlitten, ein anderer einen Schlaganfall, einer starb kurz nach der Telefonattacke. Berichtet wurde, dass Opfer Angst entwickelten, ans Telefon zu gehen, oder auch nur, wenn es an der Tür klingelt. Andere hätten aus Furcht die Rollläden nicht mehr hochgezogen, litten unter Schlaflosigkeit, wachten schweißgebadet auf, andere trauten sich nach einem erlittenen Schockanruf gar nicht mehr alleine nach draußen.

Von einer Frau berichtete die Tochter als Zeugin, dass sie sich wegen des psychischen Drucks bei dem Schockanruf eingenässt habe, was vorher nie und nachher auch nicht wieder geschehen sei. Wenige können das Geschehen so einordnen und verarbeiten, dass sie damit gut zurechtkommen. Von den 20 in diesem Verfahren angeklagten Einzelfällen war dazu nur ein einziger Mann in der Lage.

Allen gemeinsam sei, dass sich ein übergroßes Schamgefühl einstelle, das kaum zu überwinden sei. „Aber schämen sollten Sie sich“, sprach Gül die Täter direkt an, „dass Sie das den alten Leuten antun. Und lassen Sie Empathie zu, damit Ihnen klar wird, weshalb wir zu diesem Urteil kommen.

Die Leute werden von Ihnen bis aufs Hemd ausgenommen.
Necmettin Gül, Richter

Die psychischen Folgen sind erheblich, genauso wie die entstandenen Vermögensschäden. Gül: „Die Leute werden von Ihnen bis aufs Hemd ausgenommen.“ Bei vielen sei jetzt der mühselig angesparte Notgroschen verloren, der für Heimaufenthalte, Krankheiten oder für die eigene Beerdigung vorgesehen gewesen sei.

Die Ermittler hatten den Leverkusener Tätern 20 Taten klar zuordnen können, indem sie die Telefone abgehört und die Standortdaten aus den Autos der Brüder ausgewertet hatten. Passten diese Daten zu angezeigten und vollendeten Schockanrufsdelikten, suchten die Ermittler nach Kameras in diesen Gegenden und wurden auch gar nicht selten fündig – die Ermittler griffen sogar auf Kameras von Elektroautos zurück, die in der Nähe der Tatorte abgestellt waren. Man habe auf exzellente Beweise zurückgreifen können, lobte der Richter die Ermittlungsarbeit, die von der Polizei geleistet worden sei. Gül: „Hier waren bei der Polizei ausreichende Mittel vorhanden; man sieht: Dann klappt’s auch.“

An den Beweisen war nicht zu rütteln, weshalb beide Leverkusener Brüder auch zu Beginn der Verhandlung Geständnisse abgelegt hatten, was strafmildernd angerechnet wurde. Dass sie aber nur verraten hatten, was sowieso schon bekannt war, mindert diesen Vorteil wieder. Weitere Beteiligte wurden nicht verraten: Die Polizei ermittelte etwa eine Person mit Spitznamen „Kennedy“. Wie er wirklich heißt, verrieten die Leverkusener Brüder nicht.

Nur die Spitze des Eisbergs

Die Goman-Brüder haben auch nichts geliefert, was den Ermittlern hätte helfen können, eine Spur zu den eigentlichen Anrufern, den „Keilern“, aufzunehmen. Benannt wurde im Verfahren lediglich ein Mittelsmann, der zwischen den Leverkusenern und den vermutlich in Polen agierenden Keilern sitzt: ein Jüchener Roma, Spitzname „Mister Goodlife“, der seinem echten Namen nach aus der Roma-Familie stammt, deren Oberhaupt den Enkeltrick nach der Jahrtausendwende erfunden haben soll. Richter Gül sagte dennoch: „Immerhin: Die frühen Geständnisse waren viel wert für Sie. Bei den Strafen wäre sonst noch Luft nach oben gewesen.“

Wiedergutmachung für die erlittenen Vermögensschäden wäre eine Chance gewesen, die Strafen zu mildern, aber da sei nichts gekommen, sagte Gül: Kein Cent sei zurückgezahlt worden. „Wer meint, Hunderttausende Euro durch Betrugsdelikte umsetzen zu können und dann nur sagt: ‚Tut mir leid‘, der ist auf dem Holzweg.“

20 Betrugsfälle waren angeklagt. Allen müsse klar sein, dass das nur die Spitze des Eisbergs sei, so der Richter. Die Polizei hatte neben den angeklagten Fällen noch viele weitere Bewegungsmuster in den Daten gefunden, die darauf schließen lassen, dass Abholungen stattgefunden haben. Nur gibt es zu denen keine Anzeige; oft schämen sich die Opfer so sehr, dass sie nicht einmal zur Polizei gehen.

Der Prozess ist aber wohl nicht zu Ende: Der Anwalt von Giuliano Goman sagte nach der Verhandlung, dass er den Revisionsantrag schon vorbereitet habe.