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Interview mit Laura Kampf„Ist das noch brauchbar oder Müll?“

Lesezeit 6 Minuten

Die Arbeit mit Werkzeugen bedeutet für Laura Kampf Freiheit und Kreativität. Das ist auch die Botschaft der „Machgeschichten“, mit denen sie in der „Sendung mit der Maus“ auftritt.

Mehr als 600 000 Youtube-Abonnenten schauen regelmäßig in der Werkstatt von Laura Kampf vorbei. Zudem tritt sie in der „Sendung mit der Maus“ auf. Sie ist eine „Makerin“: Sie weiß, wie man ein Segelboot mit einem selbstgebauten Außenbordmotor ausrüstet und was sonst so geht nach dem Prinzip „aus Alt mach Neu“. Reiner Thies sprach mit der Oberbergerin über Fingerverletzungen und Feminismus.

Erklären Sie doch bitte: Was macht ein Maker?

Laura Kampf: Es gibt kein deutsches Wort dafür. Es ist nicht Basteln und nicht Bauen. In Deutschland tut man sich schwerer mit dem Do-It-Yourself als in den USA. Für meine Arbeit brauche ich keine dreijährige Ausbildung, sondern die Freiheit, etwas auszuprobieren.

Kann man sagen: Heimwerken, aber cool?

Es geht dabei darum, sich kreativ auszudrücken. Sei es, indem ich eine Schubkarre in ein Beerbike verwandele oder einen Campingwagen renoviere, ohne einen Euro für das Material auszugeben. Ich baue mir einen Tisch, wie ich ihn haben will, etwa mit einem integrierten Bett für meinen Hund Smudo. Den Tisch muss hinterher niemand kaufen, ich melde darauf kein Patent an, und darin liegt die besondere Freiheit. Es ist schön, dass ich bei der „Sendung mit der Maus“ zeigen kann, dass das Arbeiten mit Werkzeugen sein kann wie ein Bild malen oder ein Lied singen.

Haben Sie sich alles selbst beigebracht?

Das einzige, was ich in einem zweitägigen Kurs gelernt habe, ist WIG-Schweißen. Ansonsten habe ich mir viel auf Youtube angeguckt. Ich bin oft gescheitert, aber drangeblieben. Es brauchte viel Durchhaltevermögen, bis es geklappt hat.

Haben Sie sich schon mal übel verletzt?

Ich habe mal eine Fingerkuppe verloren, die ist nachgewachsen, aber nun etwas taub. Aber das war kein Grund aufzuhören.

Was passiert eigentlich mit dem fertigen Projekten?

Ich verschenke die Sachen an Freunde oder lagere sie ein. Mal eine Ausstellung zu machen, wäre gut. Aber vieles verwende ich auch wieder für neue Projekte. Der kreative Prozess fängt bei dem Material an. Ich habe ein großes Lager. Ich kann ganz gut unterscheiden: Ist das noch brauchbar oder Müll?

Sie führen vor, ohne viel zu erklären. Ist das kein Problem?

Die Videos würden im Internet wahrscheinlich noch erfolgreicher sein, wenn ich meinen Prozess erklären würde. Mir geht es aber nicht darum, den Zuschauern zu sagen: Du brauchst diese oder jene Schraube. Sondern: Nimm, was Du hast. Es geht nicht um Anleitung, sondern um Inspiration. Auf Youtube bekommt man viele Klicks, wenn alles auf Drama getrimmt ist. Aber nur weil etwas dort gut funktioniert, heißt das nicht, dass es auch gut ist.

Welche Rolle spielt bei Ihnen Werbung durch Product Placement?

Ich benutze immer noch dieselben Werkzeugmarken wie früher, nur dass ich sie mir jetzt nicht mehr kaufen muss. Übrigens auch von der Marienheider Firma Rüggeberg. Ich weise nicht ausdrücklich darauf hin, womit ich arbeite. Die Projekte sprechen für sich.

Wie wichtig ist gutes Werkzeug?

Ich sage immer: Gutes Werkzeug erlaubt es mir, Amateurin zu bleiben. Ich bin gerne Generalistin statt mich zu professionalisieren. Wichtiger ist aber immer noch die Idee.

Wie anders ist es, für und mit Kindern zu arbeiten?

Ich finde, nicht so anders. Ich habe bei der „Sendung mit der Maus“ mit weihnachtlichen Bastelarbeiten angefangen. Aber es ist ein Denkfehler zu glauben, dass man den Kindern nicht zeigen darf, wie man schweißt und was sonst so möglich ist. Wenn sie Formel 1 im Fernsehen sehen, wissen sie ja auch, dass das nicht ungefährlich ist.

Haben Sie auch einen feministischen Antrieb?

Auf jeden Fall. Was ich mache, ist kein Basteln für Mädchen. Ich habe allerdings erst spät erkannt, wie wichtig es ist, sichtbar zu werden. Als Kind hätte es mir sehr geholfen, mehr weibliche Vorbilder zu haben.

Sie leben in Köln, haben vor einiger Zeit aber ihre Werkstatt zurück ins Oberbergische verlegt. Warum?

Ich habe hier viel Platz für die Werkstatt und das Büro, wo meine neue Mitarbeiterin arbeitet. Es gibt ein Studio. Und dennoch sind wir mitten in der Natur, wo mein Hund rumlaufen kann.

Hat sich bei Ihnen ein Talent vererbt, das in der Wiehler Familienfirma wurzelt? Immerhin ist die „Kampf Schneid- und Wickeltechnik“ ein Maschinenbauunternehmen.

Das Unternehmen hat kürzlich ein neues Branding bekommen. Deshalb wurde ein großes Kampf-Firmenschild abmontiert, dass ich gerettet und nun bei mir hier stehen habe. Aber eigentlich habe ich mit der Firma nie etwas zu tun gehabt. Sie wurde ja verkauft, als ich noch ein Kind war. Und mein Großvater hat mit mir nicht über das Geschäft gesprochen. Wichtiger war meine Oma, die mir gesagt hat: Was immer Du im Leben anpackst, mach es mit beiden Händen. Ich habe erst spät mit dem Werken angefangen. Ich war 25, als ich mir meinen ersten Akkuschrauber gekauft habe. Ich habe eigentlich kein handwerkliches Talent, aber auch keine Angst vorm Scheitern. Schlechte Ideen sind unterhaltsam.

Wie kam es zu dem gemeinsamen Podcast mit der Krimi-Schriftstellerin Melanie Raabe?

Wir kennen uns aus der gemeinsamen Schulzeit am Bonhoeffer-Gymnasium in Wiehl. Sie war eine Stufe über mir. Wir leben heute beide in Köln und treffen uns regelmäßig auf ein Bier. Daraus hat sich der Podcast ergeben, in dem wir über Kreativität und das Leben als Freiberuflerin reden. Oft hat ja jemand, der etwas ganz anderes macht als man selbst, eine gute Idee für die Lösung eines Problems. Wie pflegt man die eigene Marke? Mit wem möchte man arbeiten und mit wem eher nicht? Nach 80 Folgen hatten wir dann Anfang des Jahres das Gefühl, dass das Thema auserzählt ist. Aber wir haben Lust, noch einmal gemeinsam etwas Neues zu starten.

Reden Sie auch über ihre gemeinsame Wiehler Herkunft?

Wir wurden beide von der Schulzeit in Wiehl geprägt, wir hatten viele Gemeinsamkeiten, haben damals die gleichen Filme geschaut und ähnliche Musik gehört.

Sie arbeiten jetzt in Oberberg. Könnten Sie sich vorstellen, auch hier zu leben?

Das ist nicht ausgeschlossen. Ich bin gern auf dem Land. Aber meine Freundin arbeitet als Ärztin in Köln, da ist die Pendelrichtung derzeit besser. Eigentlich wollte ich nach dem Abitur viel weiter weg, bin aber in Köln hängengeblieben.

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Wie war die Corona-Zeit für Sie?

Für mich persönlich war es eine gute Zeit, weil ich aus der Hektik herausgerissen wurde. Vorher war ich vier- bis fünfmal im Jahr in Amerika, um Videos aufzunehmen oder Messen zu besuchen. Es kam mir vor, als würde ich einen Berg hinunterrennen und müsste aufpassen, dass ich nicht hinfalle. Dann aber hatte ich endlich Zeit, eine Produktionsfirma zu gründen, eine Mitarbeiterin einzustellen und in Ruhe eine Perspektive für die Zukunft zu entwickeln.

Welches Projekt steht als nächstes an?

Ich habe eine Sitzbank repariert, die mir in den Poller Wiesen aufgefallen war. Und noch einmal, nachdem sie jemand zerstört hatte. Und dann ist sie von der Flut weggespült worden. Jetzt steht der dritte Anlauf an, und ich werde es wieder etwas anders machen. Die Frage ist doch: Was für eine Welt hätten wir, wenn die Sachen nicht immer gleich weggeschmissen, sondern noch einmal repariert würden?