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Alm-Alptraum für Bayer 04Leverkusen unter Schock - Andrich: „Wir haben es verkackt“

Lesezeit 5 Minuten
dpatopbilder - 01.04.2025, Nordrhein-Westfalen, Bielefeld: Fußball: DFB-Pokal, Arminia Bielefeld - Bayer Leverkusen, Halbfinale, Schüco Arena. Bielefelds Maximilian Großer (l) und Leverkusens Robert Andrich kämpfen um den Ball. Foto: Friso Gentsch/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Bielefelds Maximilian Großer (l) und Leverkusens Robert Andrich kämpfen um den Ball.

Bayer Leverkusen scheidet blamabel gegen Drittligist Arminia Bielefeld aus dem DFB-Pokal aus. Wut und Enttäuschung folgen.

Als sich Granit Xhaka und ein Fan am Zaun der Gästekurve gegenseitig mit dem Zeigefinger vor dem Gesicht herumfuchtelten und ein hitziges Wortgefecht lieferten, hatte der Abend von Bayer Leverkusen seinen traurigen Tiefpunkt erreicht. Der Meister und Pokalsieger hatte sich zuvor bei Drittligist Arminia Bielefeld bis auf die Knochen blamiert, war mit 1:2 aus dem DFB-Pokal ausgeschieden – im Halbfinale.

Die Mannschaft schmiss somit leichtfertig die große Möglichkeit auf den nächsten Titel weg. Entsprechend groß waren Enttäuschung und Wut bei allen Beteiligten. „Heute war ein großes Spiel, um unser gutes Niveau zu zeigen, aber das haben wir nicht gemacht. Fast nichts hat funktioniert“, sagte Xabi Alonso trotz der für ihn größten Niederlage als Bayer-Coach in seiner gewohnt kühlen Art. „Bis jetzt war unsere Entwicklung gut, aber ein Teil der Entwicklung ist, dass es in einem Spiel oder in einem wichtigen Moment nicht gut klappt. Ich glaube, unsere Entwicklung stoppt nicht, weil wir heute verloren haben. Ich hoffe, dass die Mannschaft auf dem richtigen Weg ist. Heute ist es vielleicht kein Tiefpunkt, aber es schmerzt sehr.“

Was besonders überraschte: Bielefeld hatte Leverkusen nicht etwa in klassischer Außenseitermanier niedergerungen, nein, der Drittligist hatte den Tabellensechsten der Champions-League-Ligaphase und Achtelfinalteilnehmer der Königsklasse zeitweise spielerisch dominiert, was auch die Zahlen belegen. Der xGoals-Wert, der die Torwahrscheinlichkeit der herausgespielten Chancen beziffert, lag bei 1,43 zu 0,95 für die Arminia. Bayer spielte gerade mal 22 Pässe mehr als der Gegner und hatte eine unterirdische Passquote von 64 Prozent. Bei den Zweikämpfen hingegen war Leverkusen den Bielefeldern klar überlegen, mit 63 Prozent gewonnener Duelle am Boden und 65 Prozent in der Luft.

All das spricht für die spielerische Klasse der Bielefelder an diesem Abend und gleichzeitig für die spielerische Armut des Doublesiegers. Fernando Carro, der Vorsitzende der Geschäftsführung, sprach zwar von „kollektivem Versagen“ und gratulierte dem Sieger artig und ehrlich, leistete sich dann aber einen unnötigen Ausflug in die Abteilung billige Ausreden, indem er eine Teilschuld auf den stumpfen Rasen in der Schüco-Arena schob: „Trotzdem ärgert es mich, dass der Platz nicht gewässert wurde. Das ist eine Regularien-Sache. Da muss der DFB eine Strafe machen. Das geht nicht. Das kann man nicht akzeptieren.“ Arminias Sportchef Michael Mutzel konterte lässig: „Wir haben vor dem Spiel mit dem Schiedsrichter (Harm Osmers, Anm. d. Red.) darüber gesprochen. Wenn der Platz gewässert wurde – morgens – dann muss man ihn vor dem Spiel nicht mehr wässern. Es reicht am Kalendertag.“ Es passte ins Bild, dass Arminia auch nach dem Abpfiff noch einen Sieg einfuhr, weil Leverkusen nicht gut genug vorbereitet war.

Unfall von Begleitfahrzeug auf A1

Ebenso passte ins Bild, dass auf der nächtlichen Heimfahrt auf der A1 hinter Remscheid ein Bayer-Begleitfahrzeug mit Physiotherapeuten in einen Unfall verwickelt war. Es blieb bei der Kollision mit Baustellenschildern glücklicherweise bei einem Sachschaden. Durch die Vollsperrung steckte auch der Mannschaftsbus im Stau fest, kam später nach Leverkusen zurück. Dabei hatte der Abend nach Plan begonnen: Der haushohe Favorit war sogar nach einer Ecke durch einen Treffer von Jonathan Tah mit 1:0 in Führung gegangen. Danach machte Bayer aber alles falsch, was es falsch machen konnte – und war allem Anschein nach überhaupt nicht auf das Offensichtliche in so einem Pokalfight vor enthusiastischer Kulisse vorbereitet – oder konnte es mental und körperlich nicht umsetzen. „Heute haben wir vermisst“, sagte Alonso und zählte auf, „die Kollektivqualität, die individuelle Qualität, die gute Energie, die Intensität in den Zweikämpfen. All das hat nicht geklappt. Es geht um das Mentale und das Fußballerische – und heute hat beides nicht gut funktioniert.“

Nur wenige Minuten nach dem Führungstreffer nahm das Unheil seinen Lauf. Zu sorglos verteidigte Bayer einen Angriff der Bielefelder über die linke Seite und der 1:1-Ausgleichstreffer weckte endgültig die Hoffnungen der lautstarken Arminia-Anhänger in der mit 26.601 Zuschauern ausverkauften Arena auf der Bielefelder Alm. Kurz vor dem Pausenpfiff ließ sich Robert Andrich dann zu einem Foul hinreißen, das Alonso mit „unnötig“ noch reichlich harmlos einordnete. Den folgenden Freistoß nutzten die Hausherren zum Siegtreffer. Das große Armutszeugnis lieferte der Doublesieger dann in der zweiten Halbzeit ab, in der der Drittligist bis auf wenige Ausnahmen deutlich näher am 3:1 als Leverkusen am Ausgleich war. Ein Kopfball von Patrik Schick in der Schlussphase der Partie an den Außenpfosten war die einzige herausgespielte Chance von Bayer 04 in der gesamten Spielzeit. „Das ist mit Abstand das schlechteste Spiel in dieser Saison gewesen. Und das im wichtigsten Spiel. Wir haben es verkackt“, sagte Robert Andrich.

Bezeichnend für diesen Abend war auch der Umstand, dass Bayer ab Ende der ersten Halbzeit erst gar nicht mehr versuchte, geordnet mit Flachpässen das Spiel aufzubauen, sondern die Abstöße lange nach vorne schlug, um dann in den meisten Fällen das Duell um den zweiten Ball zu verlieren. Lange Abschläge – eigentlich ein No Go unter Xabi Alonso. „Unseren Fußball habe ich heute gar nicht gesehen“, sagte Hradecky treffend. „Es ist schmerzhaft, so rauszufliegen.“ Nun wolle er mit seinem Team „alles reinwerfen und gucken, was passiert. Wir haben ganz andere Ansprüche.“

Nach dem erklärbaren Aus in der Champions League gegen den FC Bayern und dem nicht zu erklärenden Aus im Pokal in Ostwestfalen bleibt Leverkusen nun nur noch die ganz leise Hoffnung, auf die große Krise bei den Münchnern in der Bundesliga. Sechs Punkte ist der Rekordmeister enteilt und hat auch das um Längen bessere Torverhältnis. Heißt: Bei den verbleibenden sieben Spielen müssen die Bayern drei Mal patzen und der amtierende Meister alles gewinnen, um seinen Titel zu verteidigen. „Diese Niederlage ist Verpflichtung, in den verbleibenden Ligaspielen Vollgas zu geben“, sagte Sportgeschäftsführer Simon Rolfes. Torhüter Hradecky rettete sich nach der Schmach auf der Alm in eine Art Durchhalteparole: „Wut und Enttäuschung sind auch Emotionen, die man in etwas Gutes verwandeln kann.“

Am Samstag (15.30 Uhr, Sky) im Gastspiel bei Abstiegskandidat Heidenheim wird sich zeigen, wie gut die Transformation geklappt hat. Der FC Bayern legt bereits am Freitagabend beim FC Augsburg (20.30 Uhr, Dazn) vor.